Heft 24, 2/2006
Der fokussierte Geist hilft dem Körper
Die Anwendung von Taiji-Prinzipien zur Vermeidung von Stürzen bei älteren Menschen
Von Arieh Lev Breslow
Taijiquan wird als Methode empfohlen, um der Anfälligkeit für Stürze im Alter entgegenzuwirken. Ein Problem dabei besteht darin, dass viele Menschen, wenn sie in ein Alter kommen, in dem sie sich dieser Anfälligkeit bewusst werden, kaum noch imstande sind, eine Taiji-Form zu erlernen. Aus dieser Problematik heraus hat Arieh Lev Breslow ein Programm erarbeitet, das mit einfachen Übungen die Beweglichkeit und die Kraft in den Beinen verbessert sowie das Gehen nach Taiji-Prinzipien vermittelt. Entscheidende Faktoren sind dabei das klare Trennen in der Gewichtsverteilung sowie die Fokussierung des Geistes. Die Ausrichtung des Geistes kann vieles an körperlicher Schwäche kompensieren und eingesetzt werden, um etwa bei Parkinson-PatientInnen neue Verbindungen zwischen Geist und Körper zu erschließen.
Etwa vor zehn Jahren bemerkte ich, dass sich zunehmend SeniorInnen zu meinen Taiji-Kursen anmeldeten. Diese Welle von Interesse rührte von einer Studie an der Emory University her, die gezeigt hatte, dass Menschen über 70, die Taijiquan übten, um 47,5 Prozent seltener hinfielen als die in den Kontrollgruppen. Über dieses Ergebnis wurde breit in den Medien berichtet und auch in speziellen Senioren-Magazinen. Einige spätere Untersuchungen empfahlen Taijiquan zur Senkung von Bluthochdruck sowie um Schmerzen bei Arthritis zu vermindern, um nur weniges zu erwähnen.
Ich war erfreut über diese neuen und begeisterten SchülerInnen, aber ich entdeckte bald, dass es für sie keine leichte Aufgabe sein würde, die Form zu lernen. Das erste Haupthindernis war das Nachlassen des Erinnerungsvermögens, das sich natürlicherweise einstellt, wenn wir älter werden. Persönlich bin ich mir bewusst, dass meine Erinnerung mit sechzig nicht so gut ist, wie sie mit zwanzig oder dreißig war. Bei meinen älteren SchülerInnen führte dieses Nachlassen beim Kurzzeitgedächtnis dazu, dass sie nicht im Stande waren, die Abfolge der Form zu lernen.
Das zweite Problem ergab sich aus der körperlichen Verfassung der meisten SeniorInnen, die den strengen Anforderungen des Taijiquan, das ich unterrichtete, nicht gewachsen war. Zum Beispiel haben viele ältere Menschen Knie- oder Hüftschäden, die verhindern, dass sie vollständig in ihre Beine sinken.
Nichtsdestotrotz schaffte es eine kleine Zahl von SeniorInnen, die ganze Form zu lernen, und übt sie weiterhin ganz gut. Eine Frau brauchte drei Jahre und mehrere verschiedene Kurse, um schließlich die Form zu lernen. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass Beharrlichkeit der Schlüssel zum Erfolg im Taijiquan ist. Ein anderer, ein Marinesoldat, der im II. Weltkrieg gekämpft hat, hatte dieselbe Art von hartnäckiger Entschlossenheit es zu schaffen, und es gelang ihm am Ende auch. Am anderen Ende der Altersskala hatte ich SchülerInnen in den Zwanzigern, die die Abfolge der Form nicht behalten konnten oder physische Probleme hatten, die sie davon abhielten, weiter am Unterricht teilzunehmen. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, sich der Beschränkungen durch das Alter bewusst zu sein, aber gleichzeitig offen zu bleiben für jede Person als Individuum.
Als ich mit dem Unterricht für SeniorInnen begann, gab es einen Mann und seine Frau, beide in den Siebzigern, die bei mir mit Taijiquan anfingen. An einem Nachmittag beobachtete ich sie dabei, wie sie im Kurs die Form übten. Was sie machten, war so weit entfernt von dem, was ich versuchte zu vermitteln, dass mit klar wurde, dass sie wahrscheinlich nie die Form lernen würden. Trotzdem wollte ich ihnen und anderen älteren Menschen helfen, die zu mir wegen Taiji-Unterweisungen kamen. Daher schrieb ich an Dr. Stephen Wolfe von der Emory University und er schickte mir eine Zusammenfassung seiner Untersuchung. Ich entdeckte, dass den SeniorInnen einige wenige spezielle Bewegungen gezeigt worden waren, wobei der Schwierigkeitsgrad ihrer körperlichen Verfassung angepasst worden war. Rückblickend war dies eine nahe liegende Strategie.
Kurz darauf wurde mir angeboten, in einem Seniorenklub in meiner Gemeinde zu unterrichten. Die Gruppe bestand fast ausschließlich aus Frauen und jedes Mal waren etwa 30 bis 40 da. Ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten umfassten ein breites Spektrum von relativ fit bis hin zu manchen, die Gehhilfen oder Rollstühle brauchten. Niemand hatte die Voraussetzungen, um die ganze Form zu lernen. Da das Taijiquan, das ich normalerweise unterrichtete, kein realistisches Ziel darstellte, musste ich improvisieren. Ich begann mit einfachen Dehnübungen, die sie stehend oder sitzend ausführen konnten, Qigong, Meditation, einer modifizierten Form von Seiden-übungen und einer modifizierten Taiji-Form, die auch im Sitzen gemacht werden konnte.
Mit Kreativität zum Erfolg
Woche für Woche spielte ich mit verschiedenen Ideen. Beispielsweise zeigte ich ihnen die Übung des »Inneren Lächelns«, was ihnen helfen sollte zu entspannen und sich besser zu fühlen. Im Anschluss sprachen wir darüber, was sie zum Lächeln gebracht hatte, das führte zu interessanten Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Durch ihre Rückmeldungen erfuhr ich, dass die Frauen den Kurs wirklich mochten. Aus verschiedenen Quellen zu schöpfen und kreativ zu sein war der Schlüssel zu meinem Erfolg.
Im Laufe mehrerer Jahre setzte ich mich mit einem Problem auseinander, mit dem viele dieser Frauen konfrontiert waren. Mit zunehmendem Alter verloren sie die Fähigkeit, gut zu gehen. Ihr Gleichgewicht wurde weniger stabil und ihre Beine schwächer. Sie hatten große Angst zu fallen, weil eine gebrochene Hüfte oder ein Beinbruch oftmals ein Schritt zu Gebrechlichkeit, Bettlägerigkeit und Tod war. Das hatten sie bei ihren Eltern und Gleichaltrigen miterlebt. Eine jüngere Studie zeigte, dass die Angst zu fallen die größte Sorge unter älteren Menschen darstellt. Das ist der Grund, warum die Emory-Studie so wichtig für die SeniorInnen war und warum sie Taijiquan machen wollten. Sie wollten die Fähigkeit aufrechterhalten zu gehen ohne zu fallen.
Nachdem mir das bewusst geworden war, begann ich mich darauf zu konzentrieren, was meine älteren SchülerInnen wirklich brauchten und was Taijiquan ihnen geben konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ein paar Taiji-Bewegungen hintereinander nicht das Problem lösen würden, dass sich ihr Gleichgewicht und Gehvermögen verschlechterten. Aus meiner Erfahrung war mir jedoch klar geworden, dass die Taiji-Prinzipien eine Arbeitsgrundlage für ein Gehprogramm sein könnten. Zheng Manqing hat einmal gesagt, dass er immer Taijiquan mache, auch bei einem Spaziergang. Ich habe das so verstanden, dass die Form, wenn man erst einmal die Prinzipien verinnerlicht hat, nicht länger nötig ist. Über den Zeitraum von mehreren Jahren entwickelte ich ein fünfteiliges Gehprogramm, das auf den Prinzipien aufbaut, die in den klassischen Schriften des Taijiquan bewahrt sind.
Der erste Teil des Programms besteht aus Übungen für die Beweglichkeit, die sitzend oder stehend ausgeführt werden. Im Umgang mit meinen SeniorInnen sah ich, dass sie steif waren. Bei manchen lag das daran, dass sie sich ihr Leben lang nicht genug bewegt hatten, bei anderen kam es mit dem Alterungsprozess. Im Hinblick auf das Gehen fehlt einem steifen und unbeweglichen Körper die Balance, die diejenigen haben, die mit einer geschmeidigen Art von natürlicher Spannkraft in ihre Beine sinken können. Darüber hinaus gilt im Falle eines Sturzes: Je steifer eine Person ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie sich einen Knochenbruch zuzieht. Im Daodejing steht geschrieben: »Das Steife und Unbeugsame ist der Schüler des Todes, während das Weiche und Nachgiebige der Schüler des Lebens ist.« In anderen Worten, beweglicher zu werden ist ein Weg, das Leben zu verlängern. Ich sehe außerdem in diesen Übungen eine Einleitung zu den anstrengenderen Beinstärkungsübungen.
Den zweiten Teil des Programms bilden sechs Übungen zur Stärkung der Beine. Eine offensichtliche Ursache dafür, dass SeniorInnen schlechter gehen können, liegt darin, dass die Kraft der Muskeln und Gelenke in den Beinen nachlässt. Unsere Beine werden natürlicherweise schwächer im Alter, insbesondere ab sechzig. Das muss jedoch nicht bedeuten, dass wir unsicher werden. Mit entsprechender Übung können wir unsere Beine kräftig genug halten, um normal gehen zu können und unsere Lebensqualität bis in die Neunziger und länger aufrecht zu halten. Kürzlich las ich über einen Südafrikaner, der über hundert Jahre alt ist und den Weltrekord im Hundertmetersprint für Hundertjährige gebrochen hat. Ironischerweise musste er die Strecke zweimal laufen, weil beim ersten Versuch die Stoppuhr kaputt ging.
In meinem Programm halten sich die SeniorInnen an einer Stuhllehne fest, während sie ihre Beine stärken. Dies ist eine Vorsichtsmaßnahme, damit sie nicht das Gleichgewicht verlieren, wenn sie auf einem Bein stehen. Die Übungen werden langsam ausgeführt und mit fokussiertem Geist. Ich zähle auf folgende Weise langsam dabei mit: eins, zwei, drei, halten, eins, zwei, drei, absetzen, um zu betonen, dass das Herunterlassen genauso wichtig ist wie das Anheben.
Eine wichtige Grundlage im Taijiquan und in meinem Programm ist der »fokussierte Geist«. Wie in den Klassikern steht: »Yi und Qi sind der König, die Knochen und Muskeln sind der Hofstaat.« Verschiedene Untersuchungen, die berühmteste mit russischen Gewichthebern, haben gezeigt, dass die körperliche Leistung zunimmt, wenn Geist oder Aufmerksamkeit an der körperlichen Übung beteiligt sind. Dieses Ergebnis ist für Taiji-Übende natürlich keine Überraschung. Ich glaube fest daran, dass der Geist das Nachlassen an Körperkraft kompensieren kann. Es reicht nicht, einfach nur Übungen zu machen. Das ist der Punkt, an dem die tiefe Weisheit des Taijiquan zum Tragen kommen kann, um die Beeinträchtigungen durch den Alterungsprozess in Grenzen zu halten.
Der Geist kann das Nachlassen der Körperkraft ausgleichen
Um das Fokussieren des Geistes zu unterrichten, setze ich eine tiefe Atemmeditation ein, die sich dahingehend entwickelt, dass man den Körper genau betrachtet, angefangen bei den Zehen und dann die Beine hinauf. Der Zweck besteht darin, dass die Übenden sich der Verbindung von Geist und Körper bewusst werden. Für viele ist das ein neues Konzept. Aufmerksamkeit durch einen fokussierten Geist ist wichtig in der Vermeidung von Stürzen, da eine hohe Prozentzahl von Stürzen sich aus Mangel an Konzentration ereignet. Ältere Menschen, deren Körper (Beine) schwächer geworden sind, deren Gleichgewicht unsicher ist und deren Sehkraft nachgelassen hat, bewegen sich anders als Jüngere am Rande ihrer mentalen und physischen Reserven. Wenn eine jüngere Person stolpert, wird sie sich wahrscheinlich noch fangen können, während das bei einem älteren Menschen unter den gleichen Umständen vermutlich zu einem Sturz und einer Verletzung führen würde.
Es gibt jedoch noch ein weiteres Taiji-Prinzip, das ich im Vermitteln der Beinübungen betone: »Die Bewegung sollte in den Füßen wurzeln und durch die Beine freigesetzt werden.« Wenn die SchülerInnen die Beinübungen machen, stehen sie auf einem Bein und heben das andere auf irgendeine Weise an. Ich fordere sie auf, mit fokussiertem Geist in den Boden zu drücken, um das andere Bein anzuheben. Auf diese Weise können sie beide Beine stärken und gleichzeitig die natürliche kinesthetische Beziehung, die zwischen diesen besteht, verstehen. Dies ist übrigens die Art, wie wir gehen. Wir heben ein Bein an, während wir vom anderen aus drücken. Dadurch dass ich ihre Aufmerksamkeit in die Beine bringe, bereite ich sie auf den entscheidenden Bereich des »Taiji-Gehens« vor.
Den dritten Teil meines Programms nenne ich »Taiji-Gehen«. Ich wählte die Taiji-Gehübungen, weil ich einfache Übungen wollte, die die grundlegenden Einsichten des Taijiquan in Bezug auf Gehen und Gleichgewicht beinhalten. Ich suchte nach etwas, das der Taiji-Form ähnlich wäre, dabei aber einfach zu lernen und leicht zu machen. Und da ich auf SeniorInnen ausgerichtet war, die besser gehen lernen wollten, warum sollte ich nicht das Gehen benutzen. An dieser Stelle muss ich meinem Lehrer Benjamin Lo danken, der mir die Prinzipien des Taijiquan beigebracht hat. Ich kann immer noch seine Stimme hören: »Du hast nur ein Bein« und »sinken, nicht lehnen«. Dadurch wurde die Trennung des Gewichts, ein Schlüsselprinzip im Yang-Stil, ein kennzeichnendes Charakteristikum des »Taiji-Gehens«.
Beim Taiji-Gehen kann der fokussierte Geist gar nicht überbetont werden. Um das Gewicht genau zu trennen und die anderen Prinzipien umzusetzen, muss die Aufmerksamkeit ganz dabei sein. Das bedeutet, dass ein gewisses Maß an Meditation und Atemkonzentration notwendig ist, bevor jemand mit der Geh-übung beginnt. SeniorInnen, die keinerlei vorherige Erfahrung mit Meditation haben, beizubringen, ihren Geist zu fokussieren, ist sicherlich eine Herausforderung, aber ich habe festgestellt, dass man mit Beharrlichkeit weit kommen kann.
Das Taiji-Gehen vermittelt den SchülerInnen, den fokussierten Geist anzuwenden auf die Art, wie sie ihr Gewicht verlagern. Es zeigt ihnen, wo sie aus dem Gleichgewicht kommen und wie sie das korrigieren können. Schließlich macht der fokussierte Geist deutlich, welches Bein schwächer ist und mehr Aufmerksamkeit braucht. Es wird auch betont, sich vom Dantian aus zu bewegen, als würde man von einem Gurt gezogen, und aufrecht zu gehen, als würde man von einer Schnur Richtung Himmel gezogen. Diese Techniken zur Zentrierung sind von den grundlegenden Taiji-Prinzipien abgeleitet und helfen den SeniorInnen dabei besser zu gehen.
Es gibt zwei Übungen, die zum Taiji-Gehen hinführen. Die erste besteht einfach darin, dass das Gewicht langsam von einer Seite zur anderen und dann nach vorne und hinten verlagert wird. In der anderen nehmen die Übenden eine Schrittstellung ein und verlagern das Gewicht von einem Bein auf das andere. Diese beiden Übungen bereiten auf das nachfolgende Taiji-Gehen vor. Diejenigen, die dabei einen Halt brauchen, können einen Stock oder eine andere Gehhilfe benutzen oder sich mit einer Hand an der Wand abstützen.
Beispiel für das Taiji-Gehen:
Es sollte mit fokussiertem Geist ausgeführt werden.
Verlagere langsam das ganze Gewicht in das rechte Bein und mache einen Schritt mit dem linken Bein.
Wenn du den linken Fuß vorsetzt, setze erst die Ferse ab und rolle dann den Fuß ab, bis er ohne Gewicht flach auf dem Boden aufliegt.
Hebe das linke Bein ein paar Zentimeter vom Boden ab. Dies nennen wir »Kontrolle«.
Halte den Körper so aufrecht wie möglich.
Verlagere langsam das Gewicht zum linken Fuß.
Wenn das ganze Gewicht im linken Fuß angekommen ist, setze einen Schritt mit dem rechten Fuß, dabei zuerst mit der Ferse aufsetzen und dann abrollen, bis der Fuß flach aufliegt ohne Gewicht.
Kontrolliere den rechten Fuß auf die gleiche Weise wie vorher den linken.
Verlagere langsam alles Gewicht zum rechten Fuß und setze mit dem linken einen Schritt ohne Gewicht.
Gehe weiter auf diese Art durch den Raum.
Mit der Ferse zuerst aufzusetzen ist ein entscheidendes Prinzip, um Stürze zu verhindern. Als ich die Form lernte, wurde mir beigebracht, beim Vorwärtsgehen die Ferse zuerst abzusetzen und dann den Fuß abzurollen. Dies ist die natürliche Art zu gehen. Die meisten von uns denken darüber gar nicht nach, weil es einfach die Art ist, wie wir gehen. Viele SeniorInnen jedoch beginnen aus verschiedenen medizinischen Gründen, den vorderen Bereich des Fußes zuerst aufzusetzen. Manche gewöhnen sich an zu schlurfen. Bei einer holprigen Stelle oder einer Kante auf dem Gehweg oder zum Beispiel wenn eine Teppichkante in ihrer Wohnung hoch steht, ist es bei einer Person mit »Fall-Schritt« (wobei die Zehen oder der Ballen zuerst auf den Boden kommt) wahrscheinlich, dass sie stolpert und fällt, was oftmals verheerende Konsequenzen nach sich zieht. Das Taiji-Gehen bringt den SchülerInnen bei, ihre Fersen zuerst aufzusetzen. Dies ist vielleicht eine der wichtigsten Lektionen überhaupt!
Der vierte Teil des Programms besteht aus sanften Selbstmassage-Übungen aus dem chinesischen Daoyin. Einer meiner älteren Schüler hat einmal zu mir gesagt, dass, wenn man über fünfzig sei und nichts weh täte, man wahrscheinlich tot sei. Das ist sicher etwas überspitzt, aber wir wissen alle, dass der Schmerz im Alter keinen begünstigt. Zheng Manqing hat einmal den Rat gegeben, dass man, wenn ein Körperteil weh tut, ihn sanft massieren soll. Massage ist auch eine gute Art, um sich im Sitzen von den anstrengenderen Teilen des Taiji-Geh-Programms zu erholen. Sie hilft, das Qi auf natürliche Weise zu verteilen und fühlt sich gut an.
Den letzten Teil des Programms bilden zehn praktische Prinzipien für das Gehen, zum Beispiel »Gehe mit aufgerichtetem Körper und setze die Ferse zuerst auf«. Ich ermutige meine älteren Schüler, soviel zu gehen, wie sie können. Wie viel das ist, sollte im Verhältnis zu ihrer körperlichen Verfassung stehen. Das Ziel sind zwanzig bis dreißig Minuten pro Tag. Wenn jemand nur fünf Minuten gehen kann, sollte er das tun. Aber in der nächsten Woche sollte er versuchen sechs Minuten zu schaffen und sich so kontinuierlich steigern. Das »Journal of the American Medical Association« hat kürzlich über den Nutzen des Gehens für SeniorInnen berichtet. Die Untersuchung zeigte, dass leichtes Gehen das Demenz-Risiko bei älteren Männern und Frauen verringert.
Seit ich vor anderthalb Jahren mit dem Taiji-Geh-Programm begonnen habe, konnte ich erhebliche Verbesserungen bei vielen der älteren SchülerInnen beobachten. Ein Mann konnte anfangen ohne seinen Stock zu gehen. Ein anderer Mann, Opfer eines Schlaganfalls und 93 Jahre alt, konnte kaum kurze Entfernungen mit einer Gehhilfe zurücklegen und kann nun mit Unterstützung an seiner schwachen Seite Treppen auf- und absteigen.
Das Taiji-Geh-Programm kann auch Menschen helfen, die durch chronische Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose beeinträchtigt sind. Ich habe viele Menschen unterrichtet, die an der Parkinsonkrankheit leiden, und die Ergebnisse waren positiv. Während das Zittern häufig unverändert blieb, haben sich Gleichgewicht und Haltung verbessert und das Schlurfen wurde weniger. Dies kann schon alleine Stürzen vorbeugen. Eine Untersuchung an der University of Florida in Jacksonville bestätigt meine Erfahrungen und zeigt, dass Taijiquan die Häufigkeit von Stürzen bei Parkinson-PatientInnen herabsetzen kann.
Zur Zeit experimentiere ich mit dem Taiji-Heilstab oder Taiji-Lineal, um das Fokussieren des Geistes und die Einheit des Körpers bei Parkinson-PatientInnen zu verbessern. Wie das Taijiquan betont das Üben mit dem Stab das Fokussieren des Geistes und ist eine Steigerung gegenüber dem Taiji-Gehen, da der ganze Körper in die Bewegung einbezogen ist einschließlich einer besonderen Atemtechnik. Der Stab kann auch das Zittern verringern, weil die Übenden ihn zwischen ihren Handflächen halten.
Die Heilstabübung, die ich einsetze, baut auf dem Taiji-Gehen auf. Wir fangen mit dem Gewicht auf dem hinteren Bein und dem Stab auf Dantian-Höhe an. Während das Gewicht zu 70 Prozent auf den vorderen Fuß verlagert wird, steigt der Stab auf Höhe des Herzens. Dabei wird eingeatmet. Mit dem Ausatmen geht das Gewicht zurück auf den hinteren Fuß und der Stab sinkt vor das Dantian. Mit dem Gewicht auf dem hinteren Fuß dreht der vordere Fuß auf der Ferse um 45 Grad aus, dann wird das Gewicht verlagert und der hintere Fuß macht einen Schritt nach vorne. Von da beginnt der Ablauf auf der anderen Seite. Die Auf- und Abbewegung des Stabes verläuft kreisförmig und nicht einfach linear hoch und runter.
Das innovative Konzept hinter diesem Ansatz ist auf das Ziel ausgerichtet, neue Kommunikationswege zwischen Geist und Körper zu entwickeln. Die Idee entspricht einer Bypass-Operation am Herzen. Durch das Fokussieren des Geistes bringe ich meinen SchülerInnen bei, die Substantia nigra zu umgehen, den Teil des Gehirns, der degeneriert und die Ursache für die Symptome der Parkinsonkrankheit ist, und die Bewegung ihres Körpers aus der Kraft ihrer Beine zu initiieren. Die Gewichtsverlagerung von einem Bein zum anderen und das Drücken des Gewichts in den Boden sind die treibenden Kräfte für die Kreisbewegung mit dem Stab. Mit anderen Worten, wir bemühen uns darum, die normalen Wege der Geist-Körper-Kommunikation zu umgehen, indem wir andere neue und lebensfähige Verbindungen aufbauen. Wir wissen aus Studien mit Schlaganfallopfern, dass der Geist dazu fähig ist. Diese Bypass-Idee kommt direkt aus den Taiji-Klassikern: »Die Bewegung sollte in den Füßen wurzeln, durch die Beine freigesetzt, von der Hüfte kontrolliert und von den Fingern ausgeführt werden.«
Mein Ziel besteht darin, die Lebensqualität meiner SchülerInnen zu verbessern und den geistigen und körperlichen Verfall zu verlangsamen. Wie in den klassischen Schriften steht: »Überlege genau, was das letztendliche Ziel ist: das Leben zu verlängern und die Jugendlichkeit zu erhalten.« Der Erfolg hängt jedoch davon ab, dass die SchülerInnen das Taiji-Geh-Programm drei- bis viermal pro Woche ausführen. Ohne diese Art von Einsatz und Beharrlichkeit bleiben die Fortschritte begrenzt.
Zusammenfassend sei hier auf Ma Yueliang verwiesen, einen berühmten Taijiquan-Lehrer, der 98 Jahre alt geworden ist. Einen Monat, bevor er dahinschied, unterrichtete er noch. Einer seiner Schüler fragte ihn, wie er solche hervorragende Gesundheit bis in die Neunziger beibehalten hätte. Er antwortete: »Hör niemals auf!«
Die meisten Taiji-Übenden haben starke Beine und können diesem Rat folgen. Das »Taiji-Gehen« bietet neue Hoffnung für ältere Menschen, die sich nicht in dem Maße um ihren Körper und insbesondere ihre Beine gekümmert haben, wie es sein sollte. Neuere Studien haben gezeigt, dass Menschen in den Achtzigern durch Übung in erstaunlichem Umfang Kraft und Beweglichkeit zurückgewinnen können. Das gesamte Taiji-Geh-Programm hat SeniorInnen viel anzubieten, damit auch sie Ma Yueliangs Rat folgen können und »niemals aufhören«.
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