Heft 23, 1/2006

Korrekturen – unerwünscht oder willkommen?

Von Almut Schmitz

Ob und wie viel Korrektur im Unterricht sinnvoll ist, wird unter Qigong- und Taijiquan-Lehrenden immer wieder diskutiert. Dabei treffen östliche Traditionen, westliche Lerntheorien und vor allem viele individuelle Vorlieben, Erfahrungen und Vorbehalte aufeinander. Almut Schmitz sieht eine Notwendigkeit für Korrekturen vor allem bei der Ausrichtung des Körpers sowohl in den anfänglichen Grundhaltungen, um Gesundheitsschäden zu vermeiden, als auch bei der feinen energetischen Strukturarbeit. Sie plädiert dafür, die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit zu überwinden und individuelle Korrekturen als Chance zur Weiterentwicklung willkommen zu heißen.

Es ist häufig als Kritikpunkt zu hören, dass chinesische Qigong- und Taijiquan-LehrerInnen zu selten korrigieren würden, andererseits gibt es immer wieder Warnungen vor zuviel Korrektur, vor »richtig« und »falsch«, vor direktem Eingreifen. Unterrichtende sollen ihre SchülerInnen durch Vorstellungsbilder und Hinweise auf den richtigen Weg leiten, ihnen den Raum eröffnen, um selbst die für sie beste Bewegungsweise herauszufinden.
Ich halte das für einen wundervollen Ansatz und habe schon häufiger erlebt, wie sich auf diese Weise Erkenntnisse auftaten und sich in meinem Bewusstsein verankerten. Es gibt jedoch Bereiche, in denen von Anfang an auf eine möglichst korrekte Haltung geachtet werden sollte. Dies betrifft insbesondere die Stellung der Knie, da Fehlhaltungen, die sehr häufig sind, leicht zu Überbeanspruchungen und Schmerzen führen können. Und dann entsteht schnell der Eindruck, dass Taijiquan oder Qigong schlecht für die Knie seien, obgleich nur die bereits vorhandene Fehlhaltung durch die stärkere Beanspruchung deutlicher wird.
Wir müssen hier berücksichtigen, dass europäische Knie und Hüften in der Regel nicht durch häufiges und ausdauerndes Sitzen in der Hocke gestärkt, sondern durch das Sitzen auf Stühlen und allgemeinen Bewegungsmangel geschwächt worden sind. Sie können von der körpergerechten Haltung der chinesischen Bewegungskünste nur profitieren, wenn diese auch genau eingehalten wird.

Führung durch unbekanntes Terrain

Und wie finde ich beispielsweise zu einer Haltung, gegen die sich mein Körper aus Gewohnheit und Bequemlichkeit wehrt, deren Wirkung ich erst in dem Moment wahrnehmen kann, in dem ich sie eingenommen habe? Ich halte es zwar nicht für unmöglich, auf dem Weg der »Selbstfindung« dorthin zu gelangen, bin aber überzeugt, dass mir dies – wahrscheinlich Jahre – früher gelingen kann, wenn mich jemand von außen dorthin führt.
Wenn mich mein Lehrer in die – derzeit für mich – geeignetste Haltung bringt, spüre ich sofort die Veränderung. Je nach Übungsstand kann ich wahrnehmen, wie das Qi vom Kopf bis zu den Füßen und in den Boden auf einmal durchfließen kann, wie der Körper sich löst und zu einer Einheit wird. Selbst wenn diese Haltung manchmal fast unerträglich anstrengend sein mag, dieses Gefühl von durchlässiger Verbundenheit rauscht wie eine Woge von Glück durch meinen Körper. Solche Momente weisen mir den Weg, ich kann spüren, wonach ich in meinem Üben suche.
Wir sind in unseren Köpfen oft gefangen in dem Wunsch nach Anerkennung, danach alles richtig, womöglich besser als andere machen zu wollen, vergleichen uns, wollen »gut dastehen«. Dadurch behindern wir unseren eigenen Fortschritt gewaltig. Denn eine tief greifende Entwicklung ist auf einfachem Weg nicht zu haben. Es müssen immer Hindernisse überwunden, Fehler gemacht werden. Wir lernen dadurch, dass wir auf sie aufmerksam werden und an ihnen arbeiten – nicht dadurch dass wir sie vermeiden.
Auf einem Tuishou-Seminar mit Jan Silberstorff in Polen hat mich Andrej aus St. Petersburg sehr beeindruckt. Jan wollte die Auswirkung der Körperhaltung auf die Kraftübertragung beim gegenseitigen Schieben demonstrieren. Das zweite Übungspaar, das hierfür vortrat, bildeten Andrej und der im Vergleich zu ihm recht unerfahrene Mario. Sie sollten zunächst ohne Jans Eingreifen versuchen, sich gegenseitig aus dem Gleichgewicht zu schieben. Überraschenderweise »unterlag« Andrej bei diesem Versuch und wurde daraufhin von Jan in seiner Haltung gründlich ausgerichtet. Beim anschließenden zweiten Versuch schob er sein Gegenüber mit Leichtigkeit weg.
Im Gegensatz zu den etwa fünfzig Umstehenden war diesem sofort klar gewesen, was vor sich ging. Weil Andrej korrigiert werden wollte, hatte er sich vorsätzlich rausschieben lassen. Es war ihm in diesem Moment völlig gleichgültig, dass fünfzig andere den Eindruck bekamen, er wäre einem Anfänger unterlegen. Er war an die 2000 Kilometer gereist, um etwas dazuzulernen, um möglichst viel Korrektur und Anleitung zu bekommen.

Mut zur Unvollkommenheit

Mit diesem Beispiel kann er für viele von uns zum Lehrer werden. Zum Beispiel wenn sich jemand nicht traut, eine Frage zu stellen oder zu zeigen, bei welcher Übung etwas »hakt«, genauso wie beim Tuishou, wo es oftmals leichter fällt sich auf die eigene Körperkraft zu verlassen als den Mut zur Nachgiebigkeit aufzubringen. Oder wenn wir eine Korrektur mit Ausflüchten erwidern, dass unsere angeschlagene Hüfte, unsere kaputte Schulter, unsere verkrümmte Wirbelsäule ... uns daran hindern, die Bewegung richtig zu machen. Jedes Mal, wenn wir in einem solchen Moment fürchten, uns eine Blöße zu geben, verhindern wir damit unseren eigenen Fortschritt.
Statt uns zu freuen über die Gelegenheit, etwas zu lernen, wehren wir sie ab, wollen wir nicht fühlen, dass es bei uns etwas zu verbessern gibt. Dabei haben wahrscheinlich die wenigsten das Gefühl, die Übungen bereits vollkommen zu beherrschen. Wir wollen zwar etwas lernen, aber bitte ohne dabei mit unserer Unzulänglichkeit konfrontiert zu werden.
In Wirklichkeit ist eine individuelle Korrektur eine Anerkennung unserer Bemühungen, sie zeigt, dass wir bereit sind, uns zu verbessern, dass der Lehrer oder die Lehrerin eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung sehen. Wenn man den Geschichten glauben darf, waren solche Anerkennungen in früheren Zeiten rar, man musste sich durch fleißiges Üben und eigenes Durchdringen der Materie die Zuwendung des Meisters verdienen. Westliche LehrerInnen sind meist großzügiger mit ihrer Aufmerksamkeit. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass die SchülerInnen sie häufig nicht zu schätzen wissen.
Ich setze hier natürlich voraus, dass Korrekturen in einem solchen förderlichen Sinne erfolgen. LehrerInnen, die Korrekturen benutzen, um SchülerInnen einzuschüchtern oder ihre Überlegenheit zu betonen, missbrauchen ihre Position und behindern ihrerseits das Lernen. Es sollte auch nicht darum gehen, alle auf einen exakt gleichen Bewegungsablauf zu drillen, da die Bewegungsweise immer individuell mit dem Übungsstand, dem Körperbau und dem Charakter einer Person sowie deren Tagesform zusammenhängt.
Es ist zudem die Frage, auf welche Weise eine Korrektur erfolgt. Während die Vorstellungsebene naturgegeben gut mit Worten und Bildern umgehen kann, lässt sich die körperliche Ebene leichter durch direkte Berührung erreichen. Damit geraten wir in einen besonders sensiblen Bereich, manchen Menschen ist direkter Körperkontakt, insbesondere von Personen des anderen Geschlechts, unangenehm. Allerdings ist hier, wie so oft, meist das Wie entscheidend.
Eine Berührung, die dem Körper einen Weg zu einer günstigeren Haltung zeigen soll, unterscheidet sich grundsätzlich von alltäglichen Berührungen, erotischen Annäherungen, handgreiflicher Machtausübung. Sie ist eine Kommunikation vom Zentrum der korrigierenden Person zum Zentrum der korrigierten Person. Das setzt neben einer allgemeinen Sensibilität voraus, dass sich erstere in ihrem Zentrum befindet und von dort aus ihre volle Aufmerksamkeit auf ihre Schülerin oder ihren Schüler richtet. Je nach Übungsstand tritt sie in Kontakt zum »Körper-Geist«, zum Energiefluss, zum Unterbewusstsein der anderen Person und übermittelt eine positive Information. Dadurch steht der »Körperkontakt« gar nicht im Vordergrund, der eigentliche Kontakt findet auf einer tieferen Ebene statt.

Direkter Kontakt lenkt die Bewusstheit in den Körper

Ich habe es fast noch nie erlebt, dass eine solche Art der Berührung jemandem unangenehm war. Vielmehr kann sie gerade Menschen, die sich in ihrem Körper fremd fühlen, ein klareres Körperbewusstsein vermitteln, sie »in ihren Körper holen«. Zudem leben wir in einer Welt der Verkopfung, Vereinzelung und Vereinsamung und sehr viele Menschen leiden bewusst oder unbewusst unter einem manchmal dramatischen Mangel an Körperkontakt. Dem sollten Bewegungskünste, natürlich auch durch Massage und Partnerübungen, möglichst entgegenwirken.
Egal in welchem Bereich ein Mensch unterrichtet, er sollte sich immer der Verantwortung den SchülerInnen und der Sache gegenüber bewusst sein. Dazu gehört auch, im Unterricht für eine offene Atmosphäre zu sorgen, die Konkurrenzgedanken abmildert und ein Gefühl von Sicherheit und Aufgehobensein fördert.
In der Verantwortung der Lernenden liegt es andererseits, bei schlechten Erfahrungen nach einer anderen Lehrkraft zu suchen und sich nicht mit einem einfachen Urteil wie »Qigong ist nichts für mich« zu begnügen.

zurück

Heft 15