Heft 21, 3/2005
Taiji Bailong Ball
Ein Ballspiel nach Taiji-Prinzipien
Interview mit Professor Bai Rong
Aus Erfahrungen mit Taijiquan und als Boxtrainer entwickelte der Professor für Sportwissenschaft Bai Rong das Taiji-Bailong-Ballspiel, das in China bereits von vielen Menschen jeden Alters geübt wird. Beim Einzelspiel geht es im Wesentlichen darum, einen Ball mit einem Schläger so in runden Bewegungen zu führen, dass er nicht zu Boden fällt. Schläger und Ball sind so konstruiert, dass dies am ehesten durch kreisförmige Bewegungen aus der Mitte gelingt, so dass eine Taiji-typische Bewegungsweise gefördert wird. Beim Spiel von zwei oder mehreren Personen ist besonders das weiche Aufnehmen des Balls, bevor er wieder abgegeben wird, auffällig. Jan Leminsky befragte den Begründer dieser neuen Sportart nach deren Entwicklung und Besonderheiten sowie nach seinen weiteren Plänen.
Herr Professor Bai, wie sind Sie auf die Idee für Taiji Bailong Ball gekommen?
Als Boxtrainer hatte ich das Problem, dass sich meine Schüler beim Training verletzten. Also habe ich mir etwas ausgedacht, um die Verletzungsgefahr einzudämmen: In den Boxhandschuhen setzte ich zuerst Luftpolster ein, so dass durch diesen “Air-Bag” die Verletzungsgefahr abnahm. Doch das Training war nicht mehr so effizient, also erfand ich “Water-Bags”, durch die ein effizienteres Boxtraining möglich war. In den Trainingspausen spielten wir mit den Box-Water-Bags herum, indem wir sie erst beidhändig mit Waschschüsseln und später einhändig mit Woks durch die Luft schmissen und fingen. Aus diesem Spaß entstand bei mir die Idee, einen Ball teilweise mit Sand gefüllt zu entwickeln, der mittels eines Rackets aufgefangen wird. Das erste Racket stellte ich aus einem Badminton-Schlägerrahmen und einer Lederbespannung selbst her. Das Leder wird nicht straff gespannt, damit die Fläche in beide Richtungen flexibel ist. So kann man den Ball sanft auffangen und mittels einer Schleudertechnik herauswerfen.
Und wie ist es dann zu den verschiedenen Spielvarianten gekommen?
Nachdem sich meine Entwicklung in China verbreitet hatte, wurde das Spiel von anderen Sportprofessoren adaptiert, die weitere Varianten hinzufügten. Gemeinsam haben wir eine Basisaufwärmform entwickelt und für Wettkämpfe eine festgeschriebene Choreographie, die mit den Formen des Taijiquan vergleichbar ist. Geblieben ist das ursprüngliche Partnerspiel, welches noch durch Regelwerke systematisiert wurde, so dass Wettkämpfe ausgeführt werden können.
Haben Sie Erfahrungen in Taijiquan oder Qigong?
Für ausgebildete Sportlehrer gehören in China Taijiquan und Qigong zum Grundwissen. Über die klassische Literatur habe ich mich mit Taijiquan und Qigong weitergehend beschäftigt und daraus viele Erkenntnisse bei der Entwicklung dieser neuen Sportart gewonnen. So ist es beispielsweise wichtig die Bewegungen aus der Mitte heraus und in Kreisen auszuführen. Vernachlässigt man diese Prinzipien, verliert man den Ball. Beim Partnerspiel ist es entscheidend erst einen Schritt zurückzugehen, dann die Kraft des Balls aufzunehmen und zu verlängern, bevor man einen Schritt vorgeht und den Ball mit mindestens der gleichen, normalerweise mit erhöhter Kraft wieder zurückgibt. Ist man eckig oder hart, wird der Ball herunterfallen - eine hervorragende Kontrolle, ob die Taiji-Prinzipien eingehalten wurden. Das Taiji-Prinzip umgibt uns überall in unserem Alltag und in unserer Gesellschaft.
Gibt es noch weitere Zusammenhänge mit Taijiquan?
Taijiquan ist eine Ausprägung von Taiji mittels einer Handform. Taiji Bailong Ball ist eine moderne Ausprägung von Taiji, bei der ein Gegenstand der Moderne genutzt wird, um die Taiji-Prinzipien zu verdeutlichen.
Der Griff ist ja relativ untypisch für Taiji, der Schläger wird überwiegend mit den Fingern gehalten. Schwerter und Säbel zum Beispiel werden anders gehalten. Verleitet die Grifftechnik nicht dazu, den Schläger nur mit den Fingern zu drehen, ohne den Rest vom Körper mit einzubeziehen?
Taiji Bailong Ball verstehe ich als eine neue Entwicklung und entsprechend ist der Griff nicht mit dem Griff beim Schwert oder beim Säbel zu vergleichen. Jedoch ist auch hier der Gegenstand als Verlängerung des Körpers zu verstehen. Durch den Einsatz der Hüfte wird der Gegenstand bewegt. Versucht man diese Bewegung nur mit den Fingern, wird man nicht die harmonischen, fließenden Bewegungen erreichen. Der Unterschied ist wie bei der Nutzung anderer Gegenstände an der Ausführung zu erkennen und ich sehe hier keine größere Gefährdung, den Körper weniger einzubeziehen, als beim Üben mit anderen Gegenständen.
Haben Sie Kontakt zu traditionellen Taiji-LehrerInnen? Wie ist deren Reaktion?
Natürlich habe ich mit Taiji-LehrerInnen Kontakt und es sind alle an diesem neuen Sport interessiert.
Wie war die bisherige Entwicklung in China und darüber hinaus?
Kurz nach der Entwicklung von Taiji Bailong Ball hat es bereits die ersten Wettbewerbe gegeben und der Sport erfreut sich in China einer zunehmenden Beliebtheit. Einer der Gründe liegt meiner Meinung nach darin, dass dieser Sport altersunabhängig ist. Jugendliche trainieren ihre Geschicklichkeit und Konzentration, Ältere trainieren ihre Geschmeidigkeit und haben dabei eine harmonische Art der Kalorienverarbeitung. Auch körperlich behinderte Menschen spielen in China gerne Taiji Bailong Ball, da es ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Motorik zu verbessern und die Gefahr von Schädigungen durch falsche Bewegungen nicht gegeben ist. Es macht den Menschen Spaß.
Ein weiterer Vorteil ist der geringe Platz, der notwendig ist, um für sich alleine zu spielen. Oder wenn man Interesse am freundschaftlichen Wettkampf mit anderen hat, sich im Partnerspiel zu messen.
Nach meinem Kenntnisstand gibt es gegenwärtig über eine Million Menschen, die in China praktizieren. Außerhalb Chinas ist Taiji Bailong Ball in Japan bereits populär und in Europa versuchen wir über die im Januar in Deutschland gegründete Taiji Bailong Ball Association e. V. (TBBA) diesen Sport einem größeren Publikum vorzustellen.
Gibt es Kontraindikationen? Sollten Menschen mit bestimmten Leiden/Krankheiten besser nicht Taiji Bailong Ball üben?
Bisher sind mir keine Kontraindikationen bekannt. Wenn Sie ein Racket halten können, haben Sie bereits alle Voraussetzungen erfüllt. In China spielen sogar Blinde Taiji Bailong Ball. Hierbei ist der Ball mit Klingeln im Innern ausgestattet.
Welche besonderen Aspekte sehen Sie bei Taiji Bailong Ball?
Die Mehrschichtigkeit ist für mich der wesentliche Aspekt, der sich auch auf den Wettbewerben in China zeigt. Es gibt drei verschiedene Disziplinen, in denen Wettbewerbe stattfinden. Die erste Disziplin ist der Einzelspieler, der eine Abfolge von improvisierten Bewegungen zu Musik aufführt und hierfür eine Bewertung erhält. Die zweite Disziplin ist die Partnerform, bei der zwei Spieler sich den Ball zuspielen und innerhalb einer begrenzten Zeit unterschiedliche Formen ausführen. Die Schwierigkeit und Harmonie der Formen entscheidet über die Punkte. Die dritte Disziplin ist der Mehrspieler, bei dem über ein Netz in einem Spielfeld gespielt wird und es darum geht, mehr Punkte als der Gegenspieler zu erlangen. Mir ist keine andere Sportart bekannt, die eine solche Bandbreite abdeckt, Freude macht und gleichzeitig die Gesundheit sowohl im Geist als auch im Körper fördert.
Sind Taijiquan- oder Qigong-Kenntnisse notwendig oder hilfreich?
Wichtig für Taiji Bailong Ball ist es, ein Ballgefühl zu entwickeln sowie die eigene Mitte zu empfinden und aus ihr heraus zu agieren. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Menschen, die bereits andere Ballsportarten praktizieren, durch Taiji Bailong Ball ihre Fertigkeiten vertiefen. Darüber hinaus gibt es von der Sportuniversität Beijing bereits Studien zur gesundheitlich positiven Wirkung von Taiji Bailong Ball, die allerdings keine Hinweise darauf geben, dass Kenntnisse in Taijiquan oder Qigong von Vor- oder Nachteil wären.
Was ist bei diesen Studien herausgekommen?
Es wurden Taiji-Bailong-Ball-Spieler mit verschiedenem Hintergrund über ihr körperliches Befinden und Empfinden befragt. Übereinstimmend haben die Befragten eine Verbesserung ihres körperlichen und seelischen Empfindens berichtet.
Welche Pläne haben Sie mit Taiji Bailong Ball?
Mein Traum ist es, dass Taiji Bailong Ball eines Tages eine olympische Disziplin wird. Grundlage ist hierbei die gute Ausbildung der von mir zertifizierten TrainerInnen, so dass Taiji Bailong Ball in seinen mehrschichtigen Ausprägungen in der ganzen Welt zu einem Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport wird.
Was wünschen Sie sich noch?
Durch Taiji Bailong Ball westliches und östliches Denken einander näher zu bringen, da ich in diesem Spiel beide Kulturen zusammengebracht und ein neues, harmonisches Spiel geschaffen habe.
Professor Bai Rong wir danken für dieses Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg.
Jan Leminsky praktizierte seit seiner Jugend autogenes Training, bis er 1996 Taijiquan entdeckte und seitdem die Peking-Form übt. Er leitet die WuWei Hamburg, in der er Taijiquan unterrichtet und Seminare zu Management und Taijiquan gibt.
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Beim Taiji Bailong Ball benutzt man einen besonderen, mit einer Gummifläche bespannten Schläger/Fänger und spielt einen nicht-springenden Ball. Man spielt mit dem Schläger aus elementaren Taiji-Bewegungen heraus den Ball kreisend und ohne Unterbrechung um sich, dabei wird der Ball durch geschickte ganzheitliche Körperbewegungen, innerliche Kraft und verschiedene elastische Handtechniken geführt.
Spielt man Taiji Bailong Ball als Einzelspieler, kann es mit Musik geübt werden. Die Bewegungen können variabel als Tanzform oder Übungsabfolge wie die Formen des Taijiquan choreographiert werden. Taiji Bailong Ball kann auch mit einem oder mehreren Partnern gegeneinander und miteinander gespielt werden. In diesen Varianten sind Ähnlichkeiten mit westlichen Ballsportarten wie Tennis oder Badminton zu erkennen. Jedoch schlägt man bei diesen Ballsportarten den Ball durch verschiedene Schlagarten kräftig linear hinaus, dabei wird der Ball entgegen seiner Flugrichtung punktuell getroffen. Taiji Bailong Ball hingegen verkörpert das "chinesische Denken". Es unterscheidet sich von herkömmlichen „Rückschlag“-Ballsportarten insbesondere durch das „Entschärfen“. Möchte man den Ball „fortbewegen“, so geschieht dies durch Ziehen, Führen, Leiten und Umdirigieren. Der Ball wird zuerst "entschärft", indem man ihn mit dem Schläger aufnimmt. Dann wird der Schwung genutzt und der Ball mit kreisförmigen Bewegungen zurück Richtung Mitspieler dirigiert.
Taiji Bailong Ball kann dem Alter und dem körperlichen Zustand angepasst werden, ohne dass Spielqualität und Spaß nachlassen. Ein Vorteil dieser Sportart ist, dass durch die bogen- und kreisförmigen, schwingenden Bewegungen die SpielerInnen keinen Stößen ausgesetzt sind und so der Körper und ebenfalls das Equipment geschont wird.
Der Name „Taiji Bailong Ball“ stammt von Professor Bai Rong, der diese Sportart entwickelt hat. In der Tradition kommt es oft vor, dass Gelehrte aus Bescheidenheit ihren Veröffentlichungen nicht ihren wahren Namen mitgeben. Dem ist auch Prof. Bai Rong gefolgt. „Bailong“ bedeutet „Weißer Drache“ und stellt die eleganten spiralförmigen Bewegungen des Ballspiels im Wortlaut abstrakt dar, wobei der chinesische Drache der Legende nach sich fliegend und schwimmend bewegt. Nach der Fünf-Elemente-Lehre wird dem Westen die Farbe Weiß zugeordnet, der Wasser-Drache symbolisiert elastisch-spiralförmige Bewegungen und steht gleichzeitig für die chinesische Nation. Vergleicht man die Aussprache der Namen des Erfinders und der Sportart, so klingen diese ähnlich, wobei Bai Rong die Baumart „Weißer Ficus bengalensis“ bezeichnet.
1994 wurde Taiji Bailong Ball durch Arbeitsgruppen des chinesischen Erziehungsministeriums und die Hochschulsport-Leitungs-Kommission begutachtet und als „besonders empfehlenswert bei der Begleitung von SchülerInnen und StudentInnen in Bezug auf deren physische und psychische Entwicklung“ anerkannt. Es wurde empfohlen, „die Sportart als eine unterrichtsbegleitende Freizeitsportart einzuführen“ und in Schulen/Ausbildungsstätten mit bestimmten Voraussetzungen und Möglichkeiten „die Sportart in den Lehrinhalt der Sportunterrichtsstunden zu integrieren, um im nächsten Schritt diese Sportart schul- und länderübergreifend als Turnierdisziplin einführen zu können“.
Kontakt und Informationen:
Taiji Bailong Ball Association e. V.
Herr Sui Xiaofei
Diekbarg 20a
D-22397 Hamburg
Fon 040/ 27 16 79 32
Fax 040/ 27 16 79 33
info@taijiball.com
www.taijiball.com
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