Heft 21, 3/2005

10. Tai Chi Caledonia

10. - 17. Juni 2005 in Sterling (UK)

Im Juni 2005 wiederholte sich in Schottland zum zehnten Mal das "Tai Chi Caledonia" unter der Leitung von Ronnie Robinson und seiner bewährten Schar von Helfern, das wichtigste Taiji-Treffen in Großbritannien. Aus Anlass dieses runden Jubiläums gaben sie sich besonders große Mühe mit dem Programm. Karsten Jaspersen, bereits ein Stammgast in Sterling, schildert seine Eindrücke.

Zum vierten Mal nach Sterling zum Tai Chi Caledonia zu fahren, ist für mich schon beinahe wie ein Nach-Hause-Kommen. Karen Limb, die unermüdliche Organisatorin der Veranstaltung, sitzt auf der Stufe ihrer zum Büro umfunktionierten Unterkunft, trinkt Tee, verteilt Schlüssel und Unterlagen und beantwortet geduldig all die vielen Fragen, deren Antworten zwar im Prospekt oder auf der Webseite zu finden gewesen wären, die aber dennoch gestellt werden, weil kaum jemand die Unterlagen wirklich studiert hat. In den Wohnküchen der meisten Chalets sitzt schon jemand, gibt vor etwas zu lesen, beobachtet aber in Wirklichkeit den Ankunftsplatz, um zu sehen, welcher seiner vielen Bekannten aus den Vorjahren gerade ankommt. Zum Glück wurden wir auch dieses Jahr wieder in den "Chalets" untergebracht, kleinen Holzhäuschen mit je einem Doppelzimmer und vier Einzelzimmern. Von jedem Chalet aus hat man die meisten anderen im Auge, so dass man sich mit Handzeichen gegenseitig zu einer Tasse Tee oder einem abendlichen Glas Wein einladen kann.

Die Anlage der Universität Sterling und ihre landschaftliche Umgebung verzaubern jeden. Die Chalets und alle übrigen Universitätsgebäude sind von weitläufigen Wiesen eingefasst. Eichhörnchen und Enten gibt es zu Hunderten, die Zahl der Karnickel reicht in die Tausende. Zum Glück fressen letztere keine Hahnenfußgewächse, so dass die Wiesen von Butterblumen übersät sind. Blühende Rhododendren, Teiche kleine Seen, und Eichenwälder vervollständigen die Idylle. Im Hintergrund sind die ersten Hügel der schottischen Highlands zu sehen. Keine zwanzig Minuten Fußmarsch vom Campus entfernt ist man von Schafen und karger Heide umgeben und absolut alleine.

Wie jedes Jahr begann das Programm am Samstagmorgen mit einer Vorstellung der Workshops und der Lehrer. Ronnie hatte sich dieses Mal etwas Besonderes einfallen lassen. Vor Beginn seiner Präsentation war das Auditorium mit zarter keltischer Harfenmusik ausgefüllt. Es dauerte eine Weile, bis auch ich realisierte, dass die Musik live von einer jungen Harfenistin gespielt wurde. Im Publikum saß, zunächst unbemerkt, Gerda Geddes, eine der ersten bekannten Taiji-Ausübenden in Großbritannien. Mittlerweile weit über 90, hielt sie einen kurzen und viel applaudierten Vortag über ihren Weg zum Taijiquan.

Das Angebot am Wochenende umfasste 15 Veranstaltungen am Samstag und 15 am Sonntag. Jeweils drei Workshops liefen gleichzeitig, so dass man im Laufe dieser beiden Tage zehn Kurse von je eindreiviertel Stunden belegen konnte. Zu den Highlights zählte der Workshop von Wang Haijun aus Manchester, der "Silk Reeling Exercises" anbot. Wang Haijun hat, seit er neun war, in Chenjiagou unter Chen Zhenglei gelernt und überzeugt durch eine enorme Präsenz und Konzentration. Sehr beliebt war auch der Kurs von Faye Li Yip, die Übungen zu den "Acht Brokaten" zeigte. Faye Li Yip ist in China geboren und hat bei ihrem Vater Li Deyin gelernt. Sie unterrichtet zur Zeit in Wolverhampton. Natürlich war an diesen Tagen auch das "Urgestein" von Tai Chi Caledonia mit Programm vertreten: Bob Lowey, Dan Docherty, Ken van Sickle, Cornelia Gruber sowie John Bolwell. Vervollständigt wurde das Angebot mit Kursen von Annie Roberts und Mario Napoli, beide aus den USA, Jill Heath aus Kanada sowie Dee Swift, Anya Meot, Marianne Plouvier und Marnix Wells. Großen Anklang fand der Workshop von Helmut Oberlack, der das Taiji-Ball-Spiel einführte. Ein kurzweiliges Spiel mit einem speziellen Tennisball und Schlägern, bei dem spielerisch die Grundlagen der Bewegungen im Taiji gelernt werden können.

Mir persönlich hat vor allem die Veranstaltung von Nils Klug gefallen, der "How to be a good Partner" anbot. Ich hatte den Eindruck, dass diejenigen, die seinen Kurs belegt hatten, später wirklich bessere Partner bei den Pushing-Hands-Übungen waren.

Das Programm von Montag bis Donnerstag war abwechslungsreich, von sportlich herausfordernd, wie der Pushing Hands Technique Workshop von Mario Napoli, bis zu therapeutisch beruhigend wie das Qigong Healing von Annie Roberts. Ken van Sickle bot einen Grundkurs im Taiji-Schwert an, seine Veranstaltung war - wie stets - sehr gut besucht. Parallel dazu lief morgens das Angebot von Marianne Plouvier aus Paris mit einer sehr ausgefeilten Spielart der Acht Brokate. Dann kamen Niels Klug mit "Forms and Applications" sowie Faye Li Yip, bei der man eine Kurzform des Sun-Stil Taijiquan üben konnte. Am Nachmittag liefen neben den Kursen von Mario Napoli und Annie Roberts die Angebote von Franco Mescola, der Übungen für die spiralförmigen Bewegungen anbot, und Wang Haijun mit Chen-Stil Taijiquan.

Obwohl ich Taiji vorwiegend zur Entspannung übe, habe ich leichtsinnigerweise den Kurs von Mario belegt. Das sollte ich bereuen, denn er ließ uns "stundenlang" die unmöglichsten Positionen einnehmen, am liebsten auf einem Bein stehend. Und wenn man dachte, man befände sich schon tief genug in der Hocke, dann drückte er einen noch tiefer hinein. "Wenn es nicht schmerzt, stehst du nicht richtig" war sein Kommentar in fröhlichem Italo-Brooklyn Akzent, wenn wir uns beklagten.

Highlight der abendlichen Rahmenveranstaltungen war dieses Mal nicht etwa das Diskussionsforum über Sinn und Nutzen des Pushing Hands, sondern die kriegerische Vorstellung von sechs "echten" Highlandern. Unglaublich, die Wucht, mit der sie auf einander einschlugen: Schilde zerbarsten unter ihren Axthieben, die Schwerter kreuzten sich im Funkenregen. Einen kleinen Vorgeschmack auf den Ernstfall boten sie ganz zum Schluss, als sie unvermittelt unter markerschütterndem Geschrei auf uns Zuschauer losstürmten, um nur wenige Zentimeter vor uns abzustoppen.

Auch sonst hatte sich Ronnie mit kräftiger Unterstützung durch Fiona Cole alle Mühe gegeben, das Publikum zu unterhalten. Allerdings litten die abendlichen Veranstaltungen darunter, dass sie nicht mehr in der gemütlichen Ganochy-Bar stattfinden können, sondern in die Diskothek der Universität verlegt wurden. Diese ist zu groß und zu dunkel, als dass über einen ganzen Abend die Stimmung erhalten bleiben könnte. Dennoch waren die Veranstaltungen gelungen, besonders der Abend mit dem "Ceileidh" Tanz, an dem Fiona und Alan sich alle erdenkliche Mühe gaben, uns Nichtschotten die Grundlagen ihres Nationaltanzes beizubringen. Begeistert hat die Vorstellung der "Sambalistic" Gruppe mit ihren unglaublichen Rhythmen. Kurzerhand wurde dieser Abend auch dazu genutzt, einen Workshop für Sambatrommeln anzubieten. Das Endprodukt hörte sich gar nicht mal schlecht an, auch wenn etwas geräuschempfindliche Menschen wie ich nach zehn Minuten Samba-Rhythmen die ruhigeren Gänge aufsuchten.

Das Essen zählte sicherlich nicht zu den Höhepunkten der Veranstaltung. Bekanntermaßen ist die britische Küche für den Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig. Anscheinend hatte man dieses Mal für die Kantine, in der das Mittagessen zubereitet wurde, einen englischen Koch engagiert. Das Abendessen entschädigte die Teilnehmer ein wenig. Verhungern musste ohnehin niemand, denn am Samstag und am Donnerstag gab es jeweils ein reichhaltiges Buffet und am Dienstag das jährliche Essen im China Restaurant in Glasgow.

Es soll unter uns Leute geben, die nur wegen der abendlichen informellen Parties nach Caledonia kommen. Neben ganz ruhigen Chalets gab es solche, wo jeden Abend etwas los war. Die skurrilste Veranstaltung fand am Sonntagabend statt. Bis morgens um eins saßen wir auf den feuchten Stufen, Hockern und Campingstühlen zu beinahe zwanzig Mann im Nieselregen unter ein Paar Regenschirmen dicht gedrängt, gewärmt von schottischem Whiskey und dem südländischen Temperament von Mario Napoli.

Keine Reise nach Schottland, nach der ich nicht über das Wetter sprechen möchte. Nein, dieses Jahr konnten wir uns nicht beschweren, denn es gab auch sehr schöne sonnige Tage. Das Problem des Tai Chi Caledonia ist nicht der Regen an sich, sondern die Tennishalle, in der die Workshops bei schlechtem Wetter stattfinden müssen. Die Halle ist nicht nur laut, sie kann offensichtlich auch nur zum Teil angemietet werden, so dass manchmal nicht nur vier Kurse auf zwei Tennisplätzen parallel zueinander laufen, sondern dass auf zwei weiteren Plätzen auch noch reguläre Tennismatches stattfinden können. Besonders schlimm ist dies, wenn eine der Gruppen mit den Kampffächern übt, während der eigene Lehrer mit leiser Stimme eine Bewegung erläutert. Da hatten es die Teilnehmer des Qigong-Healing-Kurses doch besser, dieser fand in einem eigenen Raum statt.

Nächstes Jahr bin ich sicher wieder dabei. Robin aus Glasgow meinte, er habe es aufgegeben gute Vorsätze bezüglich seiner Taiji-Übungen an Neujahr zu fassen, statt dessen fasse er sie nun jeweils nach jedem Tai-Chi-Caledonia-Treffen. Keine schlechte Idee.

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Heft 15

Karsten Jaspersen lebt in Hamburg und übt sich in Qigong und Taijiquan.