Heft 18, 4/2004

Von den Klassikern lernen

Zur schriftlichen Tradition des Taijiquan
Von Martin Bödicker

Die Bedeutung der klassischen Schriften für das Erlernen des Taijiquan wird zwar immer wieder betont, die Übersetzungsversuche ins Deutsche sind jedoch noch recht spärlich. Martin Bödicker bemüht sich am Beispiel des Zusammenspiels von Wen und Wu, der kulturellen und der kämpferischen Seite, zu zeigen, dass die Erkenntnisse der alten Meister des Taijiquan den eigenen Übungsweg verdeutlichen können. Er zeigt darüber hinaus direkte Einflüsse aus Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus in den Schriften auf.

Taijiquan wird in heutiger Zeit sowohl als Kultivierungs- beziehungsweise Gesundheitstechnik als auch als Kampfkunst geübt. Recht oft ergibt sich daraus die Diskussion, auf welchem dieser zwei Felder nun der Schwerpunkt zu liegen habe. Interessanterweise äußern sich zu dieser Frage schon klassische Texte des Taijiquan. So heißt es zum Beispiel in der „Erklärung der drei Erfolge des Kulturellen (Wen) und des Kämpferischen (Wu) im Taijiquan“:

„Das Kulturelle wird innerlich kultiviert. Das Kämpferische wird äußerlich kultiviert. [...]

Jene, die die Methode der Kultivierung im gleichen Maße innerlich wie äußerlich betreiben, werden großen Erfolg haben. Dies bedeutet den hohen Pfad.

Jene, die das Kämpferische des Kampfes durch das Kulturelle der Leibeserziehung erwerben, oder jene, die das Kulturelle der Leibeserziehung durch das Kämpferische des Kampfes erwerben, begeben sich auf den mittleren Pfad.

Jene, die die Kenntnis der Leibeserziehung vollenden, ohne mit dem Kämpfen zu beginnen, oder jene, die das Kämpfen ohne die Leibeserziehung vollenden, sind auf dem unteren Weg.“
(Wu Gongzhao: Wujia Taijiquan, Text 14)

Die Aussage dieses Textes ist klar und deutlich. Es gibt durchaus unterschiedliche Pfade Taijiquan zu üben und es liegt bei einem selbst, sich für einen Pfad zu entscheiden. Wie dieses Beispiel zeigt, können die klassischen Texte des Taijiquan wertvolle Hinweise für die eigene Übung geben.

Ma Yueliang schreibt zur Bedeutung der klassischen Texte: „Die klassischen Texte, geschrieben von den alten Meistern des Taijiquan, beruhen auf ihrer Erfahrung und der ihrer Vorfahren. Die Abhandlungen sind kurz und bündig und jedes Wort enthält eine wichtige Bedeutung. Anfänger sollten sie gründlich studieren und immer im Kopf behalten. Kontinuierliche Übung wird einem helfen, ihre wahre Bedeutung zu begreifen. Die Klassiker betonen die Idee, dass man Zeit und Aufwand verschwendet, wenn man nicht in diese Richtung geht, und dies wäre ein Jammer.“ (zitiert nach Ma Yueliang, Xu Wen: Wushi Taijiquan Tuishou, Xianggang Shanghai Shuju Chuban 1986, S. 26)

Unter den klassischen Texten des Taijiquan, auch kurz Klassiker genannt, wurden zuerst die fünf Kernklassiker verstanden, die 1912 von Guan Baiyi veröffentlicht wurden:
- Der Klassiker des Taijiquan (Taijiquan Jing)
- Abhandlung zum Taijiquan (Taijiquan Lun)
- Mentale Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen (Shisanshi Xingong Xinjie)
- Das Lied der 13 Grundbewegungen (Shisanshi Gejue)
- Das Lied der schlagenden Hände (Dashouge)

Die Autorenschaft der fünf Kernklassiker ist bis heute umstritten. In der Folge der Verbreitung des Taijiquan wurden später weitere klassische Texte und Kommentare der verschiedenen Taijiquan-Schulen veröffentlicht, so schrieb zum Beispiel Chen Xin für die Familie Chen das Buch Chen Shi Taijiquan Tushuo, „Chen-Stil Taijiquan mit Illustrationen“. Für ein tieferes Verständnis der Klassiker sollte berücksichtigt werden, dass, obwohl Taijiquan als daoistische Übung gilt, die Texte verschiedene Schulen des chinesischen Denkens in sich vereinen. Dies soll im Folgenden exemplarisch an Texten aus der Yang/Wu-Tradition beleuchtet werden.

Das Kulturelle - Wen

Wenn das Kulturelle, Wen, eine wesentliche Forderung im Taijiquan ist, so muss man davon ausgehen, dass der dazu gehörende geistige Hintergrund durch die chinesische Philosophie geliefert wird. Schon der Name Taijiquan verweist auf den philosophischen Begriff „Taiji“, der erstmals in den Anhängen des „Buches der Wandlungen“, dem Yijing, erwähnt wird: „Die Wandlungen beruhen auf dem taiji. Aus ihm entspringen die beiden Instrumente [yin und yang].“ (Manfred Kubny: Qi, Lebenskraftkonzepte in China, Haug 1995, S. 298) Darüber hinaus hat das Buch der Wandlungen in vielen Konzepten einen deutlichen Einfluss auf das Taijiquan. Neben solchen unabhängigen philosophischen Texten haben auch die großen philosophischen Schulen die schriftliche Tradition im Taijiquan deutlich geprägt.

Die wichtigsten philosophischen Schulen in China sind die „Sanjiao“, die drei Lehren: Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus. Daoistischer Einfluss sollte bei den Klassikern am stärksten zu finden sein, doch leider ist das nicht so einfach darzustellen. Untersucht man zum Beispiel den Laozi-Text, so wird man Schwierigkeiten haben, konkrete schriftliche Parallelen zwischen dem Daodejing und den Taijiquan-Klassikern zu finden. Zentrale Fachwörter wie Dao, De und Wuwei sind praktisch nicht aufzufinden. Ein Verweis auf Yin und Yang reicht nicht aus, da dieses Begriffspaar in vielen Denksystemen Chinas von großer Bedeutung ist.

Trotzdem würde sicherlich niemand die daoistische Prägung des Taijiquan leugnen. Es handelt sich hier also vielmehr um eine konzeptionelle Ausrichtung – beispielsweise indem dem weichen Prinzip der Vorzug gegeben wird. So heißt es im Daodejing in Kapitel 78: „Dass das Schwache über das Starke siegt und dass das Weiche das Harte bezwingt, das weiß ein jeder, doch niemand handelt danach.“ Eine andere Formulierung, aber das gleiche Konzept, findet sich im „Klassiker des Taijiquan“: „Der andere ist hart, ich bin weich, das nennt man Mitgehen.“ Des Weiteren finden sich in daoistischen Texten wichtige Hinweise zur Ausbildung der richtigen Haltung, geistig wie körperlich. Im daoistischen Werk Nei Ye („Inneres Training“) findet sich zum Beispiel folgende Aussage:

„Wenn dein Körper nicht ausgerichtet ist,
wird die innere Kraft nicht kommen.
Wenn du im Innern nicht ruhig bist,
wird dein Geist nicht geordnet sein.
Richte deinen Körper aus, unterstütze die innere Kraft,
Dann wird es Schritt für Schritt von alleine kommen.“
(zitiert nach Harold D. Roth: Original Tao, Columbia University Press 1999, S. 66)

Dieser Text erinnert an Stellen in den Taijiquan-Klassikern, etwa in Shisanshi Xinggong Xinjie, den „Mentalen Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen“: „Wenn die Lebenskraft aufsteigen kann, ist man frei von Sorge um Plumpheit und Schwerfälligkeit. Dies nennt man auch: Der Kopf ist wie am Scheitel aufgehängt. [...] Der Geist ist still und der Körper ist ruhig, dies behalte immer im Herzen/Bewusstsein.“

So folgt das Taijiquan in seiner schriftlichen Tradition den Konzepten der daoistischen Lebenspflege. Direkte Zitate von ganzen Sätzen oder Textblöcken finden sich aber in den Taijiquan-Klassikern eher in Bezug auf den Konfuzianismus. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man berücksichtigt, dass nur von wenigen Taijiquan-Meistern überliefert ist, dass sie daoistische Einsiedler waren. Sie sind vielmehr häufig im Staatsdienst zu finden gewesen. Das bedeutet aber, dass sie auch eine konfuzianische Beamtenlaufbahn abgeschlossen hatten. Solchen Leuten sprach man in China durchaus das Ideal zu, im Beruf Konfuzianer und in der Freizeit Daoist zu sein. Der Schriftsteller Lin Yutang nennt dieses Ideal die „Halb-und-Halb-Weltanschauung“. Er kommentiert: „Sie hält ungefähr die Mitte zwischen Tätigsein und Untätigkeit, zwischen blinder, kulihafter Betriebsamkeit und völliger Verantwortungs- und Weltflucht, und stellt, wenn wir sie an Hand aller Philosopheme der Welt prüfen, das gesündeste und glücklichste menschliche Lebensideal auf Erden dar. Wichtiger noch: Die Verschmelzung der beiden, einander so sehr widersprechenden Lebensanschauungen ermöglicht erst das Entstehen einer harmonischen Persönlichkeit, jenes Weltbildes also, das zugestandenermaßen das Endziel aller Geisteskultur und Erziehung bildet.“ (Lin Yutang: Weisheit des lächelnden Lebens, Deutsche Verlags-Anstalt, S. 127)

Einer der wesentlichen Aspekte des Konfuzianismus ist die Liebe zum Lernen. Sie wird als Verlangen definiert, welches erst durch einen dauerhaften Prozess Erfüllung findet. So heißt es bei Konfuzius: „Der Meister sprach: Zu lernen und das Erlernte immer wieder einzuüben – ist das nicht wunderbar!?“ (Konfuzius 1, 1) Dieses Konzept ist sicherlich direkt in die Lehre des Taijiquan eingeflossen und so heißt es im „Lied der 13 Grundbewegungen“: „Die Vermittlung von Grundkenntnissen und die Führung auf dem Weg muss mündlich erfolgen. Ununterbrochenes hartes Üben (Gongfu) ist die Methode der Selbstkultivierung.“

Aber nicht nur abstrakte Konzepte des Konfuzianismus werden in den Klassikern verwendet. Auch konfuzianische Fachwörter, wie das der menschlichen Natur Xing, inklusive eines eingebetteten Konfuzius-Zitates lassen sich finden. Konfuzius: „Der Natur nach stehen wir einander nahe, durch Angewohnheiten entfernen wir uns voneinander.“ (Konfuzius 17, 2) Im Taijiquan-Klassiker „Die angeborene Art zu unterscheiden“, Text Nr. 3 der „Erklärung des Taijiquan (Taiji Faschuo)“ von Wu Gongzhao: „Nachdem der Mensch gerade geboren wurde, können die Augen sehen, die Ohren hören, kann die Nase riechen und der Mund essen. Farben, Laute, Gerüche und die fünf Geschmäcker gehören zu den angeborenen Anlagen der natürlichen Sinne. Die Bewegungen von Händen und Füßen und die Fähigkeiten der vier Gliedmaßen gehören zu den angeborenen Anlagen der natürlichen Bewegung. Auch wenn man dies bedenkt, ist es aber nicht so, dass die reifen Menschen sich zwar der Natur nach nahe stehen, sie sich aber durch ihre Angewohnheiten voneinander entfernen und so ohne Grund ihre angeborenen Anlagen verlieren?“ Dabei sind die angeborenen Anlagen ein Verweis auf den zweiten großen Konfuzianer Mencius, der diesen Begriff eingeführt und intensiv diskutiert hat.

Von besonderer Bedeutung für die Taijiquan-Klassiker ist die neokonfuzianische Philosophie der Song-Zeit (960 – 1279 n. Chr.). Sie hat dem Taijiquan seine Kosmologie gegeben. So heißt es beim Ersten der Neokonfuzianer Zhou Dunyi (1017 – 1073 n. Chr.): „Wuji und dann taiji. In Bewegung bringt das taiji das yang hervor. Wenn die Bewegung das Äußerste erreicht hat, entsteht Ruhe. Ruhend erzeugt das taiji das yin, doch wenn die Ruhe das Äußerste erreicht hat, entsteht Bewegung. Bewegung und Ruhe wechseln einander ab. Jede ist die Wurzel des anderen.“ (Zhou Dunyi: Taijitu Shuo, „Erklärung des Taiji-Diagramms“). Im „Klassiker des Taijiquan“ heißt es: „Das Taiji ist aus dem Wuji geboren. Es ist der Ursprung von Bewegung und Ruhe und die Mutter von Yin und Yang. In Bewegung teilt es, in Ruhe vereinigt es.“

So werden in den Taijiquan-Klassikern deutlich konfuzianische Einflüsse sichtbar. Doch wie steht es mit dem Buddhismus? Dass er nicht ganz ohne Einfluss auf die Entwicklung des Taijiquan gewesen sein kann, zeigt sich zum Beispiel in der Namensgebung bei der Chen-Stil Taijiquan-Form. Hier gibt es die Stellung „Buddhas Wächter stampft mit dem Stößel“. Auch einige wenige Anspielungen auf buddhistische Fachbegriffe finden sich in den Klassikern. So heißt es etwa im „Klassiker des Taijiquan“: „Wenn man darin geübt ist, wird man nach und nach das Verstehen der Jin-Kraft (Dongjin) erlangen.“ Der chinesische Begriff für „nach und nach erlangen“, Jianwu, bezeichnet im Buddhismus eine Form der Erleuchtung, die schrittweise erfolgt. Sie steht im Widerspruch zu Dunwu, der plötzlichen Erleuchtung des Zen-Buddhismus.

Ansonsten wird der Buddhismus in der Kampfkunst, vertreten durch das Shaolin-Gongfu, aber eher als Gegenpart zum Taijiquan betrachtet. Überhaupt versucht das Taijiquan innerhalb der Kampfkünste eine einzigartige Stellung einzunehmen. So heißt es im „Klassiker des Taijiquan“: „Es gibt viele weitere Schulen. Die Bewegungen unterscheiden sich zwar, aber allgemein gilt: Das Starke bedrängt das Schwache, das Langsame gibt gegenüber dem Schnellen auf. Wer Kraft hat, schlägt den ohne Kraft. Die langsame Hand gibt angesichts der schnellen Hand auf. Dies alles sind jedoch angeborene, natürliche Begabungen, die nicht mit Gelehrsamkeit und Übung verbunden sind. Der Satz ‚Mit der Wirkung von vier Unzen kann man tausend Pfund mühelos bewegen‘ macht deutlich, dass man ohne Kraft den Sieg erringen soll. Schau wie ein alter Mann mehrere Gegner abwehrt. Wie soll Schnelligkeit sein Können sein?“

Einen Austausch zwischen den Meistern des Taijiquan und anderen Kampfkunstschulen hat es aber trotzdem gegeben. Von vielen Meistern ist bekannt, dass sie neben dem Taijiquan auch andere Kampfkünste erlernt haben. So hat sich das Taijiquan immer in Konkurrenz und im Austausch mit den anderen Kampfkünsten entwickelt.

Das Kämpferische – Wu

Die Wurzeln der Taijiquan-Klassiker liegen nicht nur in der Philosophie. Eine große Zahl der Taijiquan-Meister waren als Ausbilder im chinesischen Militär tätig. Dies prägte auch ihre Sprache. So heißt es etwa in den „Mentalen Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen“: „Das Herz/Bewusstsein ist der Befehlshaber, das Qi ist die Flagge und die Taille ist das Banner.“

Beim Militär sind die Taijiquan-Meister sicherlich auch mit den Schriften der Strategen in Berührung gekommen. Der berühmteste unter ihnen ist Sunzi mit seinem Werk „Die Kunst des Krieges“, es gibt aber noch zahlreiche weitere Autoren. Der Einfluss der strategischen Literatur äußert sich in Form analoger Gedankengänge. So heißt es zum Beispiel bei Tai Gong: „Beim Planen ist nichts wichtiger, als nicht erkannt zu werden.“ (zitiert nach Ralph D. Sawyer: The Seven military classics of ancient China, Westview Press 1993, S. 68) Und im „Klassiker des Taijiquan“: „Der Andere kennt mich nicht, ich allein kenne ihn.“

Die Begriffe für die Beschreibung strategischer Sachverhalte sind direkt aus der Literatur der Strategen übernommen worden. So spricht man sowohl bei den Strategen als auch im Taijiquan von dem strategischen Vorteil Shi: Sunzi: „Die Geschwindigkeit von herabströmenden Wasser kann aufgrund seines strategischen Vorteils (Shi) Felsen herumwerfen. Ein Greifvogel kann sein Opfer aufgrund des richtigen Zeitpunktes zerschmettern. Es ist wie bei einem Experten des Kampfes, dessen strategischer Vorteil ausgerichtet und dessen Zeitpunkt richtig gewählt ist.“ (zitiert nach Roger Ames: Sun-tzu: The Art of War, Ballantine Books 1993, S. 119) Die „Abhandlung zum Taijiquan“ führt aus: „Durch Vordringen und Zurückweichen erlangt man die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil (Shi).“

Auch das Konzept von voll (Shi) und leer (Xu) findet sich in beiden Schriften. Sunzi: „Auf dem Weg zum Sieg vermeide das Volle und greife die Leere an.“ (Ames, S. 124) Die „Abhandlung des Taijiquan“: „Leer und Voll müssen klar unterschieden werden. Jede Stelle hat einen leeren und einen vollen Aspekt. Überall gibt es immer Leer und Voll.“

Neben dem Kontakt zum Militär haben, wie oben erwähnt, auch andere Kampfkünste ihren Einfluss auf das Taijiquan gehabt. So ist zum Beispiel der Gründungsmythos des Taijiquan auch in anderen inneren Kampfkünsten zu finden. In einem Text zur inneren Kampfkunst des Meisters Wang Chennan, der keinen Kontakt zum Taijiquan hatte, findet sich: „Shaolin ist berühmt für seine Boxer. Aber wie auch immer, seine Techniken beruhen hauptsächlich auf Angriff, was einem Gegner die Möglichkeit gibt, dies auszunutzen. Jetzt gibt es auch eine weitere Schule, die ‚Innen‘ genannt wird und welche Härte mit Weichheit besiegt. Angreifer werden mühelos zurückgeworfen. Daher unterscheiden wir Shaolin als ‚Außen‘. Die innere Schule wurde durch Zhang Sanfeng aus der Song-Dynastie gegründet. Zhang Sanfeng war ein daoistischer Alchimist aus dem Wudang-Gebirge. Er wurde vom Kaiser Hui Zong der Song gerufen, aber der Weg war unpassierbar. In dieser Nacht träumte er, dass der Gott des Krieges ihm die Kunst des Boxens übermittelte und am folgenden Morgen tötete er mehr als hundert Banditen mit der bloßen Hand.“ (zitiert nach Douglas Wile: T´ai Chi´s Ancestors, Sweet Ch´i Press 1999, S. 53) Im „Klassiker des Taijiquan“: „Das ist das hinterlassene Werk des Lehrers Zhang Sanfeng vom Wudang-Berg, der sich wünscht, dass die Helden dieser Welt damit ihr Leben verlängern und es nicht nur zur Kampfkunst verwenden.“

Insgesamt muss man also sagen, dass die Meister des Taijiquan beim Entwickeln ihrer Kunst auf unterschiedliche geistige Ursprünge zurückgegriffen haben. Dabei haben sie sicherlich versucht, das jeweils am besten geeignete Material für ihre Zwecke aufzuarbeiten und zu einer neuen Kunst zu vereinen. Durch das Studium der Klassiker ist ein jeder in der Lage, sich von dem gelungenen Ergebnis selbst zu überzeugen.


Martin Bödicker
ist seit vielen Jahren Schüler von Ma Jiangbao und zusammen mit seiner Frau Freya Bödicker Leiter des Forums für traditionelles Wu Tai Chi Chuan. Neben ihrer Lehrtätigkeit veröffentlichen die beiden auch Bücher und die Fachzeitschrift Taijiquan-Lilun zur Theorie des Wu-Stils.

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Heft 15  
Alle Übersetzungen stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, von Freya und Martin Bödicker.

Weitere Informationen sowie die vollständigen Übersetzungen der erwähnten klassischen Texte finden sich in Taijiquan-Lilun, Fachzeitschrift zur Theorie des Wu-Stil Taijiquan:

-   Heft 1: Dashouge (Das Lied der schlagenden Hände), Zhou Dunyi: Taijitu Shuo (Erklärung des Taiji-Diagramms)

-  Heft 2: Shisanshi Gejue (Das Lied der 13 Grundbewegungen), Taijiquan Jing (Der Klassiker des Taijiquan)

-  Heft 3: Taijiquan Lun (Abhandlung zum Taijiquan), „Die Erklärung des Kulturellen und des Kämpferischen im Taijiquan“ von Wu Gongzhao

-  Heft 4: Shisanshi Xinggong Xinjie (Mentale Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen)

Heft 5: „Die angeborene Art zu unterscheiden“ von Wu Gongzhao


Wen,

hier als das „Kulturelle“ übersetzt, ist ein wesentlicher Begriff im chinesischen Weltbild, der einen weiten Rahmen von Bedeutungen einschließt, von denen die meisten von der Grundbedeutung einer „Zeichnung“ oder eines „Musters“ ausgehen. Im engeren Sinn bezieht sich Wen auf die chinesische Schrift und Literatur, im weiteren Sinn auf die Gesamtheit der verschiedenen kulturellen Attribute – Kunst, Musik, Rituale usw. –, wobei diese alle einen hohen moralischen Anteil haben. Wen war der Maßstab des konfuzianischen Gentleman im traditionellen China, das Zeichen wahrer Kultiviertheit. (nach Smith, Richard J.: China’s cultural heritage, Westview Press 1983, S. 2) Wen wird in der chinesischen Philosophie häufig als Gegenpol zu Wu, dem Kämpferischen, gesetzt, wobei Wen im konfuzianischen Verständnis immer der Vorrang gegeben wird und es den kämpferischen Bereich kontrollieren soll.