Heft 16, 2/2004
Von der Suche nach der Qualität im Qigong
Von Jürg Schmid
Wer nach der Qualität im Qigong fragt, wird wohl mit der Gegenfrage konfrontiert, was denn mit dem Begriff Qualität gemeint sei. Die Vielschichtigkeit von Qigong lässt kaum eine allgemein gültige Antwort zu, sondern verlangt vielmehr eine Auseinandersetzung, die über die Beurteilung von Formen und Wirkungsweisen hinausgeht. Jürg Schmid ist bei dieser Auseinandersetzung zu einer Trennung zwischen normativem Anspruch der für ihn das Wissen um die drei Säulen des Qigong und dessen richtige Anwendung, das Verständnis für Qi, Yin und Yang sowie die fünf Wandlungsphasen und besonders eine Vertrautheit mit der Geschichte und dem philosophischen Hintergrund des Qigong umfasst und nur subjektiv erfahrbarem Wohlbefinden gekommen. Sie wurde zu einem Prozess, der mit dem praktischen Versuch begann und in der spirituellen Suche nach der Qualität endet.
Meine Absicht, der Qualität im Qigong nachzugehen, hat keinen wissenschaftlichen Hintergrund, sondern ist einfach der literarische Versuch, einige Erfahrungen mit dem Qigong und Überlegungen dazu in Worte zu fassen. Die Geschichte beginnt vor sieben Jahren, als ich die ersten erinnerungswürdigen Gehversuche im Qigong unternahm. Ich stand da wie die anderen sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses: Die Beine schulterbreit, in den Knien ganz leicht gebeugt, das Gewicht gleichmäßig auf die parallel zueinander gestellten Füße verteilt, den warmen Boden mit den nackten Fußsohlen spürend und mit einem Gefühl von Bodenhaftigkeit. Ich vergaß nicht, das Becken einige wenige Grade nach vorne zu kippen und der Wirbelsäule ihren natürlichen Schwung zu lassen, die Halswirbel zu strecken und den Kopf vom berühmten Faden am Scheitelpunkt hochziehen zu lassen. Die Haltung zeigte keine Fehler. Ich gebe zu, meine Erinnerung kann sich auch irren.
Plötzlich, ohne jede Vorwarnung, zuckte ein Gedanke durch meinen Kopf: »Was wäre, wenn ich das Becken eine Spur weniger nach vorne neigen würde, nur gerade soviel, dass es einem Beobachter nicht auffiele?« »Was soll das,« fragte ich den ketzerischen Gedanken, »willst du mir einreden, dass es auf ein, zwei Grad Abweichung nicht ankommt?« »Ich dachte nur,« erwiderte der Gedanke, »dass du nicht abgeneigt wärst, über diese Frage nachzudenken, oder hast du dir schon einmal überlegt, was Qualität im Qigong bedeutet?« Für einmal ließ mich meine Neugier im Stich, die mich sonst meistens dazu veranlasst, Unbekanntem nachzuforschen. Um ehrlich zu sein: Ich konnte damals mit dieser Frage nichts anfangen, sie interessierte mich in diesem Augenblick herzlich wenig, zu neu war noch alles, was mit Qigong zu tun hatte. Es ging mir vor allem darum, die Übungsformen in allen Details kennen zu lernen und richtig ausführen zu können.
Bekanntschaft mit den drei Säulen des Qigong
Hätte ich damals über das Wort Qualität im Qigong nachgedacht, mir wären vermutlich zuerst einmal ganz profan das Können und die Erfahrung, aber auch der Grad der Vollkommenheit in den Sinn gekommen. Ist es nicht so, dass diese Vorstellungen in erster Linie mit der körperlichen Arbeit in Verbindung gebracht werden und seltener mit der geistigen Ebene? Mit andern Worten: Es geht um die praktische Aneignung von Bewegungsabläufen, um die exakte Ausführung gegebener Übungsformen und damit um die Genauigkeit, mit der die Formen ausgeführt werden sollten. Ist es nicht das, was in vielen Kursen, Seminaren und Weiterbildungsveranstaltungen gepriesen wird? Wann schon wird über feinstoffliche Reaktionen gesprochen, wann ist der geistige Diskurs gefragt?
Die Reduktion auf die Fertigkeit, mit der eine Übung ausgeführt wird, erleichtert vielleicht die Einschätzung der sicht- und erlebbaren Fortschritte, aber sie trägt wenig dazu bei das wirkliche Wesen des Qigong zu entdecken. Obwohl ich die Arbeit mit dem Körper, das Lernen bestimmter Bewegungsabläufe und Haltungen, intensiv und positiv erlebte, war ich ungeduldig, wollte die Übungen nicht nur kennen und können, sondern mich auch geis-tig damit auseinander setzen. Ich besuchte ja nicht einen Gymnastikkurs, in dem Technik ge-übt wurde, Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer das Ziel waren. In meiner Vorstellung spielten diese Faktoren im Qigong zwar auch eine Rolle, vor allem aber sah ich den Weg in der Erfüllung von Gelassenheit und Ruhe, Stabilität und Harmonie. »Willst du behaupten, die Körperarbeit sei unwichtig?«, meldete sich rechtzeitig mein aufsässiger Gedanke. »Auf keinen Fall«, beruhigte ich ihn, »ich weiß, dass die Arbeit mit dem Körper eine der drei Säulen ist, auf denen das Qigong beruht.«
So standen über eine längere Phase Üben und Wiederholen der verschiedenen Formen ganz im Zentrum der Bemühungen. Ich war mir durchaus bewusst, dass die Genauigkeit nicht zuletzt die Voraussetzung dafür ist, dass die Formen ihre Ursprünglichkeit bewahren und weiterhin Bestand haben. Dennoch erlag ich mit wachsender Fertigkeit manchmal der Versuchung, eine bewegte Übung nur mental durchzuführen.
Es hat aber Jahre gedauert, bis ich, befreit von störenden Gedanken, sozusagen grundlos Übungen vollziehen konnte. Ich muss ehrlicherweise hinzufügen: Und auch dann selten genug. Ich hatte die Vorstellung, dass die höchste Vollkommenheit darin liege, dass der Körper eins würde mit der Übung, sozusagen eine Verschmelzung von Bewegung und Geist stattfände. Die Realität des Übens brachte mich rasch wieder in die Wirklichkeit zurück, die mir schonungslos zeigte, wie weit entfernt davon ich war. Ich befürchte, diesen Zustand nie erreichen zu können. Ich bin und bleibe ein ewiger Schüler.
Zu den drei Säulen gehört bekanntlich auch die Arbeit mit dem Atem und mit dem Geist. Die Wichtigkeit des richtigen Atmens unterschätzte ich anfänglich. Was konnte daran so schwer sein, fragte ich mich? Erst als ich begriff, dass Atmen nicht nur Aufnahme von Sauerstoff bedeutet, sondern direkt die Ausführung der Übung beeinflusst, wurden Atmen und Üben eins. Mit wachsendem Vertrauen in meine Fähigkeit befreite das kontrollierte Ein- und Ausatmen im Einklang mit der Übung den Geist von störenden Gedanken und Gefühlen, die immer wieder hartnäckig versuchten, unerwünscht Aufmerksamkeit zu erhalten.
Die bewusste Schulung des Atmens offenbarte sich mir auch als Arbeit mit dem Geist. Von den drei Säulen Körper, Atem, Geist stellte für mich die Arbeit mit dem Geist die größte Herausforderung dar. Zugegeben, das war keine Bürde, vielmehr begrüßte ich die geistige Auseinandersetzung mit dem Qigong. Damals wie heute fordert sie mein Bewusstsein auf, sich ausschließlich auf eine ganz bestimmte Tätigkeit, eine Situation zu richten. Sie verlangt von mir die geistige Bereitschaft, ganz auf das Innere zu hören, die äußeren Einflüsse gleichsam auszuschalten. Losgelöst vom äußeren Geschehen dringt die Achtsamkeit in die tieferen Schichten des Bewusstsein. Das Ausmaß, mit dem ich die ganze Aufmerksamkeit auf ein einziges Objekt zu richten vermag, entscheidet über die Güte der Übung als Ganzes. Der Atem kann noch so im Rhythmus der Bewegungen fließen, die Form mit noch so hoher Fertigkeit gelingen, wenn die Achtsamkeit nicht vorhanden ist, fehlt der Übung die Essenz.
Auch wenn ich zugeben muss, dass mich die Schulung des Geistes, sofern ich meine spirituellen Versuche als Schulung bezeichnen darf, am meisten forderte, war und bin ich von der Wichtigkeit aller drei Säulen überzeugt. Nicht isoliert als einzelne Elemente, sondern im ganzheitlichen Zusammenwirken zeigt sich ihre Bedeutung. Ich kann darum jenen Protagonisten des Qigong nachfühlen, die behaupten, die drei Säulen seien das Qualitätsmerkmal schlechthin.
Können demnach der oder die für sich Übende oder die Lehrtätigen das Gütesiegel der Qualität für sich beanspruchen, wenn die Beherrschung der drei Säulen erfüllt ist? Ich habe gelernt, dass Qualität nur in Relation zu bestimmten Vorgaben geprüft werden kann, das heißt, die Beurteilung von Qualitätsmerkmalen immer ein Vergleich zu gegebenen Kriterien ist. Die drei Säulen erfüllen diese Anforderungen in vollem Umfang.
Was, wenn wir die ganze Qualitätsfrage von einer völlig andern Sicht anschauen? Zum Beispiel vom Grad des Wohlbefindens, das eine Übung auslöst? Genügt es nicht, wenn die Anwenderinnen und Anwender sich während und nach der Übung ganz einfach wohl fühlen, wenn sich ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit in Körper, Geist und Seele niederlässt?
Der Wert des Wohlbefindens
Mit der wachsenden Vertrautheit erlebe ich, wie die gleichen Übungen sehr unterschiedliche Empfindungen wach rufen. So kann es geschehen, dass mich Zweifel ergreifen, die Übung ein Gefühl der Unruhe verursacht und sich im Körper ein allgemeines Unbehagen ausbreitet. Dieselbe Übung kann mich aber auch damit überraschen, dass mich eine tiefe Ruhe und Gelassenheit erfasst, dass der Körper im Einklang mit meinem Geist ist und ein Gefühl der Leichtigkeit, der Sorglosigkeit eintritt. In diesen Momenten spüre ich eine große Verbundenheit mit dem Qigong. Diese subjektiven Wahrnehmungen und Empfindungen sind die Antwort auf meine eigene Befindlichkeit.
Dabei ist es irrelevant, ob der Kopf auf eine physische Indisponiertheit reagiert oder der Körper wie ein hochsensibler Seismograph auf psychische Signale antwortet. Wenn ich alles hinter mir lassen kann, wenn ich meine Sinnesräume leere, bin ich bereit für Gefühle und Empfindungen, die Körper, Geist und Seele in Harmonie vereinen.
So verstanden, könnte die Qualität im Qigong das Resultat einer ganzheitlichen Wirkungsweise sein. Nur, und darin sehe ich die Problematik, ist dieses Resultat ein zutiefst persönlich erlebtes Ereignis und kein allgemein gültiger Maßstab. Es hängt allein von meinem eigenen physischen und psychischen Zustand ab und lässt jede Objektivität vermissen. Das spielt dann keine Rolle, wenn Qualität ausschließlich Ausdruck für den Grad des persönlichen Wohlbefindens ist. Wird der Begriff Qualität jedoch nach messbaren Werten und nicht nach subjektiven Befindlichkeiten beurteilt, steht die objektive Wahrnehmung im Vordergrund.
Die spirituelle Suche und der praktische Versuch
Je vertrauter ich mit Qigong, mit seinen Formen, Übungen und deren Wirkungsweisen wurde, umso drängender meldete sich das Bedürfnis nach einem vertieften Verstehen. Ich wollte den Ursprung entdecken und seine Geschichte kennen lernen. Die Frage nach der Qualität war nicht vergessen, vielmehr breitete sie sich allmählich in meinem Bewusstsein aus, nahm mit der fortschreitenden Entwicklung konkretere Formen an.
Ich gestehe offen, dass mich die geistige Auseinandersetzung zunehmend mehr fesselte als die praktische Ausführung einer bestimmten Übung. Was, so fragte ich mich, war höher zu werten: die spirituelle Suche nach den inneren Werten oder die Güte des praktischen Versuchs? War es überhaupt sinnvoll, eine Unterscheidung und Wertung nach der körperlichen und der geistigen Erfahrung vorzunehmen? Worin bestand die Gegensätzlichkeit? Ergänzten sich spirituelles und körperliches Erleben nicht zu einer Einheit? Und wenn ich dennoch das eine dem andern voranstellte, war das Privilegierte zugleich auch das Bessere? Hatte eine solche Wertung nicht mehr mit der Neigung und Begabung und weniger mit einer subjektiven Einschätzung zu tun? War es nicht naheliegend, dass ich mit meinem Hang zum Philosophieren lieber geistige als körperliche Erfahrungen sammelte? Ich wusste, dass meine Neugier nicht ruhen würde, bis ich eine Antwort gefunden hätte.
Im Rückblick stelle ich fest: Meine Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit des Qigong, mit seinen inhärenten Werten fand in zwei zeitlich und inhaltlich klar definierten Teilen statt. Am Anfang dominierte, wie vermutlich bei den meisten, die Qigong lernen, der praktische Versuch. Ich wollte rasch mit verschiedenen Übungen vertraut werden, das Üben und die gute Ausführung standen im Vordergrund. Das Arbeiten mit den drei Säulen nahm einen großen Raum ein. Qualität verstand ich während dieser Phase als Grad der Fertigkeit, mit der ich Qigong ausführte. Ich spürte zwar, dass ein wesentliches Element fehlte, dass die Gefühlsebene nicht ausgeblendet werden durfte, aber die Zeit war damals noch nicht reif.
Erst das wachsende Vertrautwerden mit dem Qi brachte mich einen Schritt weiter. Die erfahrene Sensibilität, den Fluss des Qi zu spüren, zu erleben, wie es den Körper durchströmt, bildete den Übergang zum zweiten Teil: der spirituellen Suche.
Das Wesen des Qigong habe ich erst wirklich besser zu verstehen begonnen, als ich den philosophisch-kulturellen Ursprung kennen lernte und näher mit seiner Geschichte vertraut wurde. Dass das Qigong nicht eine, sondern verschiedene Herkünfte kannte, wie zum Beispiel die daoistische und die konfuzianische Philosophie und Weltanschauung, war eine wertvolle Entdeckung und ein dankbares Feld für Gedankenspiele. Ich machte aber auch Bekanntschaft mit Yin und Yang und den fünf Wandlungsphasen. Das Qi, mit dem ich mich schon in den Übungen intensiv befasst hatte, offenbarte den wahren Charakter in seiner vorgeburtlichen und seiner nachgeburtlichen Gestalt. Ich lernte das Qigong in die Traditionelle Chinesische Medizin einzugliedern. Kurz: Das Qigong verlor das Geheimnisvolle und gewann seine Einmaligkeit.
Qualität zwischen
normativem Anspruch und persönlichem Wohlbefinden
Je mehr ich mich mit der uralten chinesischen Meditations- und Bewegungslehre nicht nur körperlich, sondern auch geistig auseinander setzte, umso tiefer wurde mein Verständnis um die inneren Vorgänge. Der Gedanke, der sich so plötzlich vor Jahren mitten in einer Übung Aufmerksamkeit verschafft hatte, war wieder da: »Kannst du jetzt definieren, was Qualität im Qigong bedeutet?« »Ich habe eine gewisse Vorstellung«, erwiderte ich. »Ich würde zwischen dem normativen Anspruch und dem persönlichen Wohlbefinden unterscheiden.«
Unter dem normativen Anspruch verstehe ich objektiv überprüfbare Vorgaben, die festlegen, welche Anforderungen erfüllt sein müssen. Grundsätzlich lassen sich viele solcher Kriterien anführen, wobei ich die Ansicht teile, dass es weniger auf die Anzahl und mehr auf das verlangte Niveau ankommt. Es überrascht wohl kaum, dass ich zu den Beurteilungswerten das Wissen um die drei Säulen und dessen richtige Anwendung beim Üben und Praktizieren zähle. Im Weiteren würde ich sofort das Verständnis für das Qi, seine verschiedenen Arten und deren Funktion als Lebensenergie nennen. Aber auch das Wissen um die Bedeutung von Yin und Yang und der fünf Wandlungsphasen gehört dazu. Vor allem und besonders zähle ich dazu ein tiefes Eindringen in die Geschichte, in den philosophischen Hintergrund. Der normative Anspruch bestimmt das objektive Ergebnis.
So präzise sich der normative Anspruch als Kriterium für die Qualität beschreiben lässt, so schwierig wird es mit dem Aspekt des persönlichen Wohlbefindens, gehören dazu doch Werte, die nur von mir, rein subjektiv empfunden und beurteilt werden können. »Kannst du diese ganz auf dich bezogenen Werte dennoch näher erklären?«, fragte der Gedanke mit insis-tierendem Unterton. »Qigong hat eine einzigartige Seite, die sich nur mir im intensiven Zwiegespräch offenbart«, erwiderte ich. So erfahre ich das persönliche Wohlbefinden oft unerwartet, es geschieht einfach und ist nur schwer in Worte zu fassen.
Ich habe gelernt, Wohlbefinden oder Unbehagen zu analysieren und auch zu beschreiben, doch körperlich und geistig empfinden kann nur ich sie allein. Die Qualität des inneren Erlebens und Fühlens offenbart sich nur dem Individuum, dabei davon bin ich überzeugt ist es der wirkliche Maßstab für den Wert einer Qigong-Übung.
Ich habe auch gelernt, wie ich dem Qi auf seinem Weg durch meinen Körper folge, doch erleben kann nur ich es mit meinem Gefühl und meiner Sensibilität. So erschließt sich meine Lebensenergie nur mir. Könnte es bei der Qualität im Qigong nicht um das Eins-Sein von Körper, Geist und Seele gehen?
So verstanden, sehe ich in der Qualität im Qigong die Summe folgender Teile:
der jahrtausendealten Geschichte, des Wissens um die grundsätzliche Wirkungsweise, der profunden Erfahrung und Vertrautheit mit der Anwendung und nicht zuletzt des Glaubens an das, was erfahrungsmäßig immer wieder belegt worden ist.
Der Kreis schließt sich
Als mich vor Jahren der Gedanke mit der Qualitätsfrage jäh überfiel, standen ich und die sechs anderen Schüler in der Grundposition im Halbkreis, bereit, mit der Übung »Die Stehende Säule« zu beginnen. Ich mochte diese Übung nicht, um es vornehm auszudrücken. Vielleicht lag es an eben dieser Abneigung, dass mein Geist herumwanderte und plötzlich die Frage nach der Qualität stellte. Damals fehlte mir die Fähigkeit zur uneingeschränkten Achtsamkeit, meine Gedanken machten sich öfter selbstständig und straften meine Bemühungen um Ordnung mit Missachtung. Heute, Jahre später und mit gereifterem Verständnis kann ich mich auch für die Stehende Säule innerlich richtig einstellen, obwohl ich immer noch keine Freude daran empfinde.
Wie vor Jahren peinigen mich nach einiger Zeit Schmerzen, die sich in den Armen breit machen und unverschämt auch den Rücken befallen. Eigentlich schmerzt der ganze Körper. Worin soll die Qualität dieser Qual liegen? Sicher nicht in den Schmerzen, die sich in den Schultermuskeln, im Bizeps breit machen. Statt körperliche Entspannung spüre ich nur Anspannung. Liegt es daran, dass ich nur die Grobkraft einsetze, dass mein Vorstellungsvermögen noch nicht die notwendige Tiefe und Güte besitzt, um das Qi richtig zu lenken?
Mit der Zeit sind die Schmerzen kleiner geworden und es gelingt mir, die schmerzfreie Zeitspanne in kleinen Schritten zu verlängern. Ich schreibe dies meinem verbesserten Vorstellungsvermögen zu und zweifle dennoch, ob es nicht nur das Resultat der körperlichen Anpassung an wachsende Anforderungen sein könnte. Vielleicht liegt der wahre Wert der Stehenden Säule in genau dieser Auseinandersetzung mit dem Schmerz. Auf jeden Fall spüre ich ein, wenn auch zaghaftes, Aufeinanderzugehen, die Momente der Entrückbarkeit, des Nichts-mehr-Spüren und In-sich-Ruhen werden länger, dauern nicht mehr nur einen Lidschlag lang. Es ist nicht mehr ein Kampf gegen den Feind Schmerz, sondern ein allmähliches Erwachen des Eins-Seins von Körper, Geist und Seele.
Das Endziel sehe ich darin, dass der Körper in der Stehenden Säule aufgeht, sich gleichsam materiell auflöst, die Säule bin ich. Ich bin noch unendlich weit davon entfernt, doch irgendwann wird die Stehende Säule ihre wahre Qualität auch mir offenbaren. »Du wirst dazu nur fähig werden,« meinte der alte Gedanke, »weil dich die ständige Suche nach der Qualität darauf vorbereitet.« »Nein«, meinte ich, »es liegt daran, dass ich den Dingen auf den Grund gehen will manchmal gelingt mir das sogar.«
* * *
Eigentlich hätte es einen Bericht über die Schweizerische Gesellschaft für Qigong und Taijiquan geben sollen, die vor drei Jahren ins Leben gerufen worden ist. Der Beweggrund für die Schaffung dieses Berufsverbandes war die Sorge um die Qualität in Qigong und Taijiquan. Der Versuch, sich mit der für die Gründung relevanten Qualitätsfrage auseinander zu setzen, hat ihren Niederschlag in dieser Geschichte gefunden.
zurück
|

Jürg Schmid
ist diplomierter Qigong-Lehrer und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Qigong und Taijiquan. Vor zehn Jahren machte er Bekanntschaft mit Taijiquan und seit sieben Jahren beschäftigt er sich mit Qigong.
|