Heft 15, 1/2004

Eine Pionierin des Taiji in Europa

Interview mit Gerda Geddes.


Die gebürtige Norwegerin Gerda Geddes war eine der ersten, die Taijiquan in Großbritannien bekannt machten. Sie hatte es während eines mehrjährigen Aufenthaltes in China und Hongkong kennen gelernt und studiert. Im Interview mit Ronnie Robinson erzählt sie von ihrer Arbeit als Psychotherapeutin nach Wilhelm Reich und ihren Erfahrungen als Lehrerin für modernen Tanz, was beides die Grundlagen bildete, auf denen sie Taijiquan erlebte. Da sie bereits als Bewegungslehrerin an verschiedenen Theatern gearbeitet hatte, führte sie auch das Taijiquan in diesem Bereich ein. Obwohl sie bei einem traditionell ausgebildeten Schüler von Yang Chengfu gelernt hat, der selbst die Kampfkunstseite des Taijiquan betonte, blieb ihr Hauptaugenmerk auf die spirituelle Entwicklung und die Entwicklung des menschlichen Potentials durch das Training gerichtet.

Für diejenigen, die schon seit längerem die britische Taiji-Szene kennen, ist Gerda Geddes keine Unbekannte. Sie brachte diese Kunst in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nach Großbritannien und bestimmte in gewisser Weise die Art des Taiji, das danach folgte. Erst etwa zehn bis fünfzehn Jahre später wurden auch andere Aspekte des Taijiquan bekannt.
Ich traf Gerda, als sie sehr zu meiner Überraschung an einem Qigong-Workshop teilnahm, den ich im Osten von Schottland gab. Trotz der Tatsache, dass sie bereits Mitte achtzig ist, ihr eine Hüftoperation bevorstand und sie eine mehr als zweimal so lange Erfahrung hatte wie ich, reiste sie mehr als 300 Kilometer, um an dem Seminar teilzunehmen. So lange gelernt zu haben und immer noch offen für neue Erfahrungen zu sein – und dann noch von einem viel Jüngeren – zeigt Gerdas Offenheit und ihre Bereitschaft, ihre eigene Entwicklung in diesen Künsten fortzuführen.
Eine kurze Unterhaltung beim Mittagessen brachte mich auf die Idee zu einem ausgiebigeren Gespräch. Ich erlebte sie dabei offen und freigiebig mit dem Verhalten eines Menschen, der etwas von der Essenz oder dem Geist des Taijiquan in sich trägt.

Können wir damit anfangen, was dich zum Taiji geführt hat?

Zu der Zeit, als wir 1948 nach Shanghai umzogen, hatte ich bereits viele Jahre Tanz studiert und täglich mit Übungen und Bewegung zu tun. Ich arbeitete mit zeitgenössischem Tanz und beschäftigte mich intensiv mit der kreisförmigen Qualität von Bewegung wie auch den ganzen Kreisen, die man in seinen Gelenken und sonst wo im Körper hat, wie sie von innen und von außen entstehen.
Neben dem Tanz arbeitete ich auch mit Wilhelm Reich als Psychoanalytiker. Mir gefiel seine Art zu denken. Er arbeitete sehr viel auf der körperlichen wie auch auf der psychologischen Ebene. Reich hatte über muskuläre Panzerung gesprochen, da-rüber, wie Traumata und Ärger sich als Erinnerungen in den Muskeln festsetzen können. Er ermutigte einen dazu, auf sich selbst zu hören und den eigenen inneren Rhythmus zu finden. Er lehrte auch viel über Diagnose: wie man jemanden betrachten sollte, wie man jemanden beurteilen sollte. Er sagte, dass es nicht so sehr darauf ankäme, was man sagen würde, sondern wie man es sagt. Was passiert in deinem Körper, was passiert in deinem Gesicht, bleibt es im Zwerchfell stecken oder fließt es durch? Reich hatte bereits jene Art zu denken, die man durch Taiji bekommt.
Ich hatte auch mehrere Jahre als Psychotherapeutin mit Patienten gearbeitet. Als ich Kinder bekam, hörte ich mit dieser Art von Arbeit auf, weil ich fühlte, dass es mich zu viel Kraft kostete, so viel Zeit und Energie auf die Arbeit mit kranken und aus dem Gleichgewicht geratenen Menschen zu verwenden. Ich wollte mehr für meine eigene Gesundheit leben und für meine eigenen Kinder so gesund und ausgeglichen wie möglich sein. Das wurde das Wichtigste für mich.
Durch diese Arbeit und die Erfahrung als Tänzerin hatte ich einen genauen Blick für die Körper der Menschen und dafür, wie diese mit ihren Körpern umgingen. Ich benutzte auch die Methoden von Alexander Lowen, der mit Bioenergetik arbeitete, einer therapeutischen Technik, die Menschen hilft wieder in Einheit mit ihrem Körper zu kommen und ihr Leben körperlich so weitgehend wie möglich zu genießen. Ich hatte diese Art von Bewegungsarbeit auch im Theater mit Schauspielern und Tänzern eingesetzt.
Nach China ging ich also mit diesem Hintergrund, Bewegung auf mehreren Ebenen zu nutzen und zu untersuchen.

Mit was für einer Art von Tanz hast du damals gearbeitet?

Es war kein Ballett, sondern mehr moderner Tanz, Ausdruckstanz. Ich arbeitete mit der deutschen Tänzerin Mary Wigman, die den Ausdruck von Gefühlen im Tanz betonte. Wir betrachteten Bewegungen, die Emotionen wie Ärger, Freude, Trauer ausdrückten.
Zu der Zeit, zu Beginn des Krieges, arbeitete ich daran einerseits Psychotherapie und Psychoanalyse und andererseits meine Arbeit mit Bewegung zu verbinden. Wegen dieser Kombination erhielt ich einen sehr guten Job am Nationaltheater in Norwegen, als ich nach dem Krieg zurückkehrte.
Dies war eine sehr interessante Zeit, in der wir mit avantgardistischem und sehr fortschrittlichem Denken von neuen Schriftstellern wie Kafka, Jean Paul Sartre und Bertolt Brecht arbeiteten. Meine Hauptaufgabe bestand darin, jeden Charakter in einem Stück zu analysieren und den Schauspielern ein Gefühl von dem jeweiligen Charakter ihrer Rolle zu vermitteln. Ich ging mit den Schauspielern jeden Charakter so durch, dass sie überlegten, wie ihr Körper sein würde, welche Haltungen sie einnehmen würden, wie sie sich bewegen und wie ihre Stimmen klingen würden. Das war eine faszinierende Arbeit, durch die ich in tiefe Verbindung zu den Schauspielern und zu den Charakteren, die sie spielten, kam.
1947 zog ich nach London, um die gleiche Art von Arbeit am Old Vic einzusetzen. Während dieser Zeit traf ich meinen Mann, der später dann eine Stelle in China erhielt. Ich konnte meine Bewegungsarbeit in China fortsetzen und hatte auch das Glück eine kurze Zeit mit der Peking Oper zu arbeiten.

Wie empfandest du das Bewegungssystem, mit dem die Peking Oper arbeitete, im Vergleich zu der Arbeit, die du bis dahin gemacht hattest?

Es überraschte mich, dass die Chinesen sehr gut im Improvisieren waren. Ich gab einer Klasse ein Thema und lud sie ein auszudrücken, was diese Rolle für sie bedeutete. Sie stürzten sich geradezu in diese Aufgabe, was ich sehr überraschend fand.

Das geht mir auch so. Ich hätte gedacht, dass ihr Training sehr strukturiert wäre.

Ja, sie waren auch so strukturiert und so diszipliniert, dass es ganz außergewöhnlich war, dass sie sich so auf die Improvisation umstellen konnten.
Während dieser Zeit in Shanghai entdeckte ich Taiji. Ich sah einen alten Mann jeden Morgen hinausgehen mit einem Vogelkäfig und seine täglichen Übungen machen. Dies zu sehen war ein Gefühl, als würde ein Blitz in meine Wirbelsäule hinunterkommen. Aber ich hatte große Probleme einen Lehrer zu finden. Wie Sophia Delza Ma Yueliang gefunden hat, weiß ich nicht. Es war, nachdem wir Shanghai verlassen hatten, dass sie ihn traf und bei ihm lernte. Wir waren die einzigen westlichen Frauen, die sich überhaupt für Taiji interessierten. Sophia interessierte sich auch für das Theater, aber da ich gerade ein Baby hatte, konnte ich der Arbeit im Theater nicht so viel Zeit widmen, wie ich es gerne getan hätte.

Auf der Suche nach einem Lehrer

Später zogen wir nach Hongkong, etwa 1955/1956, wo wir eine Freundschaft mit einem Chinesen entwickelten, der an der Universität lehrte und der regelmäßig Taiji praktizierte. Ich fragte ihn, ob er mich unterrichten würde, aber er sagte, dass er das nicht könne, da er nicht genügend Erfahrungen damit hätte, und dass ich von einem Meister lernen sollte. Diese Idee, nur von jemandem unterrichtet zu werden, der wirklich gute Kenntnisse hat, blieb mir für immer. Heute sieht man so oft Leute mit sehr wenig Erfahrung unterrichten. Das macht mir wirklich große Sorgen.

Und welchem Meister stellte er dich vor?

Er hieß Choy Hok Peng und hatte zur gleichen Zeit bei Yang Chengfu gelernt wie Zheng Manqing. Leider konnte ich nur ein Jahr bei ihm lernen, dann starb er. Danach wurde sein Sohn, Choy Kam Man, mein Lehrer. Später zog dieser nach San Francisco, wo er unterrichtete und eine Schule mit vielen Schülern aufbaute.

Kannst du ein bisschen über die Struktur des Trainings erzählen, das du hattest? Ich würde auch gerne etwas darüber erfahren, wie man mit dir als einziger westlicher Frau, die unterrichtet wurde, umging.

Ich ging nie in einen Kurs, sondern wurde privat unterrichtet, und ich weiß, dass er vorher sehr aufgeregt war. Wahrscheinlich dachte er: »Wie im Himmel soll ich bloß mit dieser Frau umgehen?«
Er testete mich, bevor er mich als Schülerin akzeptierte. Ich musste ihm die Bewegungsarbeit zeigen, die ich gemacht hatte. Ich hatte einen Tanz über meine ersten Eindrücke von China choreographiert mit Rhythmus und Klängen.

Nachdem er festgestellt hatte, dass du jemand warst, der seine Zeit wert war, wie sah da der Trainingsplan aus?

Ich arbeitete mit Choy Hok Peng ungefähr zwei Stunden pro Tag, jeden Tag für sechs Monate. Er lehrte mich die lange Yang-Stil-Form. Die Unterrichtsmethode war für mich vor dem Hintergrund, den ich hatte, sehr ungewöhnlich. Es gab absolut keinen körperlichen Kontakt zwischen uns. Als er mit der Zeit anfing mich zu korrigieren, tat er das mit nur einem Finger, wobei er seinen Körper sehr weit von mir weg hielt. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns während dieser Zeit gegenseitig abschätzten.
Ich musste mir all meine Tanztechniken abgewöhnen und das war mit das Schwierigste für mich. Mein Körper war sehr gut trainiert in einer speziellen Art sich zu bewegen und ich musste alles umdenken. Es war, als müsste ich noch einmal laufen lernen, und ich brauchte sehr lange Zeit, um mich an diese Art der Bewegung zu gewöhnen.
Er wollte, dass ich einfach seine Bewegungen nachmachen sollte, und ich erinnere mich daran, wie er sagte: »Sehen Sie her, Missy, schauen Sie auf meinen Fuß, sehen Sie.« Es war sehr harte Arbeit, aber als mir klar wurde, dass ich mir meine bisherigen Bewegungs-muster abgewöhnen musste, erkannte ich auch, dass ich einfach loslassen musste. Dieses Loslassen und Umdenken meines ganzen Körpers war für mich der beste Weg Taiji zu lernen.
Bevor Choy Hok Peng starb, gab er seinem Sohn die Anweisung mich weiter zu unterrichten. Dieser hatte großes Interesse an Sport, den er mit den Einflüssen aus seinem Taiji-Training ausführte. Es erschreckte ihn zunächst sehr mit mir zu arbeiten, da ich eine ältere westliche Frau war.

Gab es Unterschiede in den Unterrichtsmethoden zwischen Vater und Sohn?

Der Sohn hatte eine viel weichere Herangehensweise. Der Vater war mehr in der Kampfkunstseite des Taiji ausgebildet. Wenn man ihn mit seinem Trainingskollegen Zheng Manqing vergleichen wollte, würde ich sagen, dass Zheng Manqing intelligenter, kultivierter und gelehrter war. Mein Lehrer war mehr ein Kämpfer.

In diesem Fall ist es noch erstaunlicher, dass er einwilligte, mit dir zu arbeiten, einer Tänzerin, die nicht in erster Linie an der kämpferischen Seite interessiert war.

Nun ja, wir arbeiteten nur mit der Form. Immer wenn ich Fragen stellte nach den Namen der Bewegungsbilder oder der Bedeutung der Bewegungen, die mich sehr reizten, sagte er, dass ich nicht weiter darüber nachdenken solle, die Namen wären nur für die Erinnerung. Er sagte, dass beispielsweise die Bezeichnung mit dem Vogel einen nur daran erinnern solle, sich auf diese Weise zu bewegen, nichts weiter. Ich musste alles über diese Seite allmählich selbst herausfinden.
Du musst dir vorstellen, dass das damals wie ein verschlossenes Buch war, nicht wie heute. Taiji-Lehrer öffneten sich nur selten anderen Lehrern gegenüber, sie hielten sehr an ihren »Geheimnissen« fest. Es waren einfach keine Informationen zugänglich. Ich musste schließlich sehr viel an dieser Seite arbeiten. Ich wollte mehr über die Symbole und wofür sie standen herausfinden, so versuchte ich mehr da-rüber zu lesen. Es war jedoch auch sehr schwierig, Literatur darüber zu finden. Es gab nur ein Taiji-Buch, das ins Englische übersetzt worden war, und ich fand es damals zu schwierig, Chinesisch zu lernen.

Wie lange hast du mit Choy Kam Man, dem Sohn, gearbeitet, bevor Du nach Großbritannien zurückgekehrt bist?

Ich hatte ungefähr zweieinhalb Jahre mit dem Sohn gearbeitet und sechs Monate mit dem Vater, als ich nach Großbritannien zurückkam. Niemand hatte auch nur die entfernteste Idee, worüber ich sprach, wenn ich Taiji erwähnte. Da ich jedoch schon vorher soviel Bewegungsarbeit mit Schauspielern und Tänzern gemacht hatte, wusste ich, dass diese Arbeit ausgesprochen nützlich für sie sein würde. Ich fuhr herum und machte Taiji-Vorführungen an allen großen Schauspielschulen in London.
Am Anfang hatte ich Probleme diese Leute davon zu überzeugen, dass es nützlich für sie sein würde, etwas von diesem Bewegungssys-tem zu wissen. Ich wurde sehr entmutigt durch ihre Apathie und mangelndes Interesse. Ich begann dann einen Kurs in einem sehr kleinen Raum und mein erster Schüler war ein Mann namens Felix Mann, ein Akupunkteur, der in China gelernt hatte und der Chinesisch schreiben und sprechen konnte. Er erzählte mir vom Neijing, dem klassischen Text der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Brückenschlag zwischen Ost und West

Als ich anfing Taiji zu lernen, war es mir nie in den Sinn gekommen, dass ich es einmal unterrichten würde. Heute kommen viele Leute, die mit dem Training beginnen, bereits mit der Idee, es unterrichten zu wollen. Ich frage sie immer, wie sie wissen können, dass sie es unterrichten wollen, wenn sie noch gar nicht wissen, worum es überhaupt geht. Ich übte sieben Jahre lang für mich allein, bevor ich nur auf den Gedanken kam zu unterrichten.
Ich hatte auch eine sehr entmutigende Erfahrung mit zwei Schülern von Zheng Manqing, die aus den USA gekommen waren, um im East West Centre in London eine Vorführung zu geben. Ich fand die beiden Männer sehr, sehr arrogant. Sie wollten mit niemandem sprechen, der selbst Erfahrungen mit Taiji hatte, und sie waren sehr zielstrebig in ihrer Herangehensweise zu dieser Kunst und stellten alles als sehr genau und »schablonenhaft« dar. Ich erzählte ihnen, dass meine Erfahrung mit den Chinesen nicht diese zielgerichtete Genauigkeit widerspiegelte, sondern dass eine Person etwas auf die eine Art ausführte, während eine andere einen ganz anderen Ansatz hatte.
Der große Durchbruch war für mich, dass ich feste Mitarbeiterin von »The Place« an der School of Contemporary Dance wurde. Ich trainierte alle TänzerInnen und alle mussten einen Grundkurs Taiji machen. Das gab mir eine gute Grundlage an SchülerInnen. Es war sehr interessant, mit diesen TänzerInnen zu arbeiten. Ich hatte immer zwei unterschiedliche Kurse laufen, wobei ich in dem einen TänzerInnen das Taiji so vermittelte, dass sie es für sich selbst nutzen konnten, um Verletzungen vorzubeugen. Mit den langsamen Bewegungen zu arbeiten und die erhöhte Aufmerksamkeit verbesserten ihre Körperwahrnehmung, was ihnen half, Verletzungen zu verhindern.

Es erstaunt mich, dass du in der Arbeit mit diesen Leuten, um ihre Körperwahrnehmung zu verbessern, nie Push Hands eingesetzt hast, was ich oftmals eine gute Möglichkeit finde, damit Menschen erkunden können, wo sie sich »halten«, meiner Ansicht nach eine gute Lektion auf diesem Gebiet. Es würde mich interessieren, was deine Einstellung zu dieser Seite des Taiji ist?

Nun, ich habe gar keine Einstellung zu Push Hands, weil ich daran nicht wirklich interessiert war. Als wir in Shanghai waren, ging ich zu endlosen Vorführungen und Wettkämpfen, wo ich Stunde um Stunde all diesen Experten zusah, wie sie versuchten sich gegenseitig zu entwurzeln. Ich fand es extrem langweilig, weil es so stark von Konkurrenz geprägt war. Dadurch distanzierte ich mich davon.
Ich war mehr an einer spirituellen Verbindung durch mein Taiji interessiert, das ist immer mein Hauptanliegen gewesen. In meiner persönlichen Erfahrung hat sich diese Seite des Taiji immer bewährt. So viele meiner SchülerInnen haben sich sozusagen »gefunden« oder haben durch die Arbeit mit dem Taiji andere Aspekte bei sich gefunden, was sie vielleicht kreativer hat werden lassen. Die kreative Quelle eines Menschen zu erreichen interessiert mich erheblich mehr, als wie weit ich jemanden pushen kann.

Innerhalb dieser kreativen Quelle, von der du sprichst, hast du da ein Gefühl von »innerer Kultivierung«?

Das ist das Wichtige für mich und es beginnt immer mit der Atmung. Ich hatte vier Atemmuster, mit denen ich arbeitete. Am Anfang gab es nicht viel Qigong und ich arbeitete damit, dass man sich seiner selbst bewusst wurde, indem man seine Atmung wahrnahm. Durch diese Übun-gen entdeckt man oft, wo der Atem im Körper nicht durchfließt, wo man an etwas festhält. Ich fand das sehr ähnlich der Arbeit von Wilhelm Reich, mit der ich schon sehr vertraut war.

Die Orgon-Energie, mit der er arbeitete, hatte Parallelen zum Qi?

Absolut. Es ist dasselbe, nur mit unterschiedlichen Namen und unterschiedlicher Ausdrucksweise. Er sprach darüber als »Lebenskraft« und er wusste nichts von einer Verbindung mit dem chinesischen System. Reich und Carl Jung glaubten beide an das menschliche Potential. Sie wussten beide, das Menschen ein spezielles Potential haben, aber sie sagten, dass Menschen Glück hätten, wenn sie es fänden.
Reich sagte, dass es zwei Dinge gäbe, nach denen man im Leben streben solle. Das eine bestand darin ein harmonisches Sexualleben zu haben, in dem Liebe eine wesentliche Rolle spielt – er war weitgehend für eine Öffnung in diesem Bereich verantwortlich, aber das Pendel ist ins andere Extrem zurückgeschwungen, wie es das immer tut. Wenn man einen Partner finden konnte, den man liebte und mit dem man ein gesundes Sexualleben führen konnte, so war das das Wichtigste. Der andere Aspekt war das Arbeitsleben. Er empfand, dass es persönlich erfüllend wäre, wenn man etwas fände, worin man von Herzen arbeiten und um das man sich intensiv kümmern könne. Ich stimme dem vollkommen zu.

Mir fallen mehrere Dinge auf: Zunächst bist du in China, als erst sehr wenige Westler dorthin gekommen sind, findest dort einen guten Taiji-Lehrer und überzeugst ihn auch noch davon, dass du es wert bist unterrichtet zu werden, du führst diese Arbeit und das Training fort, unterrichtest Taiji in einer Zeit, als es hier überhaupt noch nicht zur Kenntnis genommen wurde, und jetzt, nach fünfzig Jahren, übst du immer noch weiter – was hält dein Interesse und inspiriert dich?

Ich empfinde es immer so, dass man bei allem, was man tut, allem, woran man Anteil nimmt, darauf achten sollte, ob darin ein Entwicklungspotential liegt. Wenn es ein Potential gibt, woran ich arbeiten und worin ich besser werden kann, und wenn ich darin besser werde, werde ich dann ein erfüllterer Mensch sein – denn das ist es ja wohl, warum wir hier sind, oder nicht?
Für mich ist Taiji eine endlose Entdeckungsreise. Wenn es nicht immer neues Wachsen gegeben hätte, hätte ich damit aufgehört. Es gab einen Punkt, an dem ich aufgehört habe. Ich war total gelangweilt und dachte: »Warum in aller Welt mache ich das die ganze Zeit, wenn es so langweilig ist? Ich halte mich fit, aber das ist alles.« Ich gab es auf. Dann wurde ich krank und starb beinahe, und das war der Punkt, an dem Taiji zu mir zurückkam. Ich dachte, dass es hier noch mehr geben müsse und dass ich herausfinden müsste, was es ist.

Eine der Sachen, die für viele Leute im Taiji schwierig sind, ist es, ihre eigene Entwicklung wirklich wahrzunehmen, nachdem sie einmal die Grundbewegungen der Form gelernt haben. Ich wüsste gern, ob du ein Gefühl davon hattest, wohin dich das Taiji geführt hat oder wozu es dir gedient hat in den letzten fünfzig Jahren.

Nun ja, wenn man es regelmäßig macht, entdeckt man immer mehr Dinge in sich selbst. Es gibt ein wundervolles Zitat des berühmten chinesischen Schauspielers Mei Lang Feng, der ein herausragender Darsteller weiblicher Rollen war. Im chinesischen Theater wurden bis 1928 keine Frauen eingesetzt, es spielten immer Männer diese Rollen in der Peking Oper. Er schrieb ein Buch über sich selbst und seine Entwicklung, worin er sagt:
»Als ich ein junger Mann war, war ich voller Enthusiasmus und ich spielte mit meinem ganzen Körper und gab mich allem, was ich tat, mit Leib und Seele hin. Jetzt bin ich ein alter Mann und fast siebzig. Ich spiele immer noch mit Leib und Seele, aber der Unterschied besteht darin, dass ich jetzt tatsächlich weiß, was mein kleiner Fingernagel tut.«
Das ist Verfeinerung. Wenn man sowohl innerlich als auch äußerlich arbeiten kann, wenn man Kontakt hat zu seinen Organen, seiner Atmung und seinem ganzen Selbst. Das ist eine lebenslange Entdeckungsreise und ich denke, das ist es, worauf man hinarbeitet, so dass es, wenn man schließlich stirbt, keinen so großen Unterschied gibt zwischen dem hier Sein und dem Sein auf der anderen Seite. Wenn man auf dieser Stufe ist, ist man hier, aber auch mit der anderen Seite verbunden.
Ich habe nicht mehr den Wunsch Taiji zu unterrichten. Das fiel mir letztes Jahr auf, als ich 84 war. Eines Tages, als ich nach dem Unterricht nach Hause fuhr, dachte ich plötzlich, dass ich nicht mehr unterrichten wollte. Ich habe das Gefühl, dass ich ohne zu unterrichten unterrichten kann, durch mein Sein. Und so ist es jetzt für mich.
Die alten Daoisten sagen, dass die Weisen entscheiden können, wann die richtige Zeit für sie gekommen ist dieses Leben zu verlassen. Ich hoffe, dass ich lange genug lebe, um das zu beweisen – es wird immer ein Geheimnis geben. Wir können nicht alles wissen, weil wir nicht alles wissen sollen, aber was wir wissen, ist, dass wir sterben werden. Wenn wir älter werden, ziehen wir uns mehr in uns selbst zurück.

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Heft 15  

Das Interview führte Ronnie Robinson. Die Originalfassung ist erschienen in »Tai Chi Chuan & Internal Arts« No 16, winter 2002.

Es wurde aus dem Englischen übersetzt von Almut Schmitz.