Das Daodejing als Hypertext
Hans-Georg Möller
Geschichte ist das Ergebnis ständig neuer Schichtung und Umschichtung.
Wir legen neue Schichten an und heben alte Schichten wieder hervor. Wie
die Karten eines Spiels neu gemischt zu neuen Varianten führen, mit
dem gleichen Stock auch nach verschiedenen Regeln gespielt werden kann,
wird die Geschichte in allen Epochen nicht nur ergänzt durch neue
Ereignisse und Ideen, sie wird auch immer wieder neu umgeschrieben. Manche
erhoffen sich vom Neuen mehr Klar-, wenn nicht gar Wahrheit, der Konservative
wittert Verrat und Niedergang.
Nun ist es nachgerade Mode geworden, historische Figuren in Frage zu stellen,
ihre Lehren als Sammlung von mündlich Überliefertem, erst von
späteren Generationen Aufgeschriebenem zu relativieren. Selbstverständlich
ist Authentizität von großer Bedeutung, will man in einem Text
eine Wahrheit finden, eine "richtige" Aussage, wie wir sie von
einer Gebrauchsanweisung erhoffen. Katastrophal wird es, wenn man solches
von Niederschriften wie dem Daodejing erwartet, einem Laozi zugeschrieben,
der circa 600 v. u. Z. gelebt haben soll, und uns seit rund 200 Jahren
in divergierenden Übersetzungen als Weisheit des Ostens feilgeboten.
Hat es diesen Menschen nun gegeben oder ist er nur Legende? Hat er tatsächlich
gelebt, ist dann die Schrift von ihm verfasst, wie Brecht in einem schönen
Gedicht die Legende nacherzählt, oder ist alles im Laufe von Generationen
gewachsen? Ist das wichtig?
Die von Legenden umwobene Geschichte des Laozi Manuskripts Daodejing wird
sich nie klären lassen, seine innere Wahrheit nie eindeutig sein.
Es ist unwichtig, ob Laozi eine historische Figur war, ob, wenn ja, er
diesen Text aus eigener Erkenntnis schrieb oder ob es sich um eine Sammlung
mündlich überlieferten Spruchgutes handelt. Die Geschichte um
die Herkunft zu verwirren schafft keine Klarheit. In seiner 1995 erschienen
Übersetzung des Daodejing-Textes, den man im Grab von Mawangdui gefunden
hat, textet Hans-Georg Möller in Kapitel 15:
Wird, was trüb ist, ruhig gehalten, klärt es allmählich
auf.
In seinem neuen Buch vertritt der Professor für Sinologie an der
Brock University in Ontario nun auch die Annahme, dass man den Laozi-Text
nur als Grabbeigabe aufgeschrieben habe, zum Lesen sei er nicht gedacht
gewesen. Natürlich sind die Chancen, in einem über zweitausend
Jahre verschütteten Grab antike Seidentücher oder Bambusstäbchen
aufzufinden, größer als sonst wo. Dass deshalb die Verse "nur"
für die Verstorbenen aufgeschrieben wurden, ist damit nicht erwiesen.
Wenn, wie Möller und andere glauben, die Inhalte sich an die Herrscherkaste
richteten, an die Gebildeten im Lande, warum sollen diese sie dann auswendig
lernen und nicht aufschreiben, waren sie doch sicher der Schrift kundig.
Aber: Ist das wichtig?
Möller braucht all diese Spekulationen, um eine These aufstellen
zu können, die er dann nur versuchsweise benutzt, uns damit aber
einen Weg zur Erschließung des Daodejing anbietet, der wirklich
neu ist. Sein Vergleich mit dem Hypertext, der netzartigen "Verlinkung"
einzelner Kapitel oder auch nur einzelner Passagen, also durch das Daodejing
wie im Internet zu surfen, gibt uns Möglichkeiten individueller Auslegungen,
individueller Lesarten. Wir können die Karten neu mischen.
Was Möller aus dem Laozi liest, bleibt seine eigene Sache, wir müssen
uns ihm nicht anschließen. Wir können seinen Weg verfolgen
und seine innere Schlüssigkeit bewundern. So erleben wir altchinesische
Denkungsart nicht wie herkömmlich linear, den einzelnen Kapiteln
folgend, sondern thematisch sondiert, aber nie aus dem Zusammenhang gerissen.
Neben den unverzichtbaren Schlüsselbegriffen "Dao und De ",
"Yin und Yang", "Himmel und Erde" tastet er den Text
nach Leitgedanken wie Sexualität, Gefühle, Krieg und den Tod
ab. Dabei offenbart er uns eindringliche Einblicke in eine uns fremde
und ferne Denkart. Als Ratgeber müssen wir Laozi sowieso kritisch
lesen. Denn auch Wegweiser können in die Irre führen, besonders
wenn sie für ganz andere Territorien geschaffen wurden.
Nun stellt Möller nicht nur den historischen Text in neue innere
Zusammenhänge, es "gelinkt" ihm auch eine teilweise globalphilosophische
Vernetzung, wenn er Parallelen, aber auch die gerne falsch verstandenen
Freundschaften zu modernen Denkern aufzeigt. In seinem letzten Buch "In
der Mitte des Kreises" (Insel Verlag 2001) ist er noch sehr bemüht,
daoistisches Denken zu erklären. Im vorliegenden Band schafft er
sich - und uns - eine zeitgemäße Freiheit, ohne damit der Vorlage,
dem Daodejing, etwas aufzuzwingen, was ihr nicht entspräche.
Sicher, ich würde das Blatt anders ausspielen. Aber das ist ja das
Spannende an der Geschichte, es gibt immer mehrere Möglichkeiten.
Bei der Lektüre sollte man auf jeden Fall mindestens eine komplette
Übersetzung zum Vergleich hinzuziehen.
(Yürgen Oster)
|
Hans-Georg Möller: "Laozi - Meister der Spiritualität"
Herder Spektrum 2003,
160 Seiten, EUR 9,90
|