Heft 14, 4/2003
Es ist vollbracht!
Zur Gründung eines Dachverbandes für Qigong und Taijiquan in Deutschland
Von Helmut Oberlack
Am 11. September 2003 trafen sich VertreterInnen von 16 Qigong- beziehungsweise
Taijiquan-Verbänden und -Ausbildungsstätten in Göttingen
und gründeten den »Deutschen Dachverband für Qigong und
Taijiquan« (DDQT). Helmut Oberlack war maßgeblich mitverantwortlich
für den Gründungsprozess und beschreibt dessen Entwicklung seit
1997. Insbesondere die Diskussionen um eine Anerkennung von Seiten der
Krankenkassen und das bevorstehende Lebensbewältigungshilfe-Gesetz
scheinen Bewegung und »frisches Qi« in die Szene gebracht
zu haben, so dass sich wesentliche Organisationen nun auf gemeinsame Grundsätze
geeinigt haben. Weitere Mitglieder sind willkommen.
Dass ich seit Jahren einen Dachverband beziehungsweise Berufsverband
für Qigong und Taijiquan für notwendig erachte, werden die LeserInnen
des TQJ bereits bemerkt haben. Nun ist es vollbracht, der DDQT ist gegründet
und wird so schnell wie möglich seine Arbeit aufnehmen.
Manche werden sich sicherlich an das Jahr 1997 erinnern, als ein Entwurf
zu einem Lebensbewältigungshilfe-Gesetz (LBHG) die Existenz vieler
freier Lehrender - nicht nur in Taijiquan und Qigong, sondern in der gesamten
"alternativen Gesundheitsszene" - bedrohte. Ich war seiner Zeit
noch für die Zeitschrift DAO - das Dao habe sie selig - tätig
und beteiligte mich an der Gründung der Interessengemeinschaft Lebenskunst,
einem Zusammenschluss von Zeitschriften, die über verschiedene Wege
von Lebenskunst berichteten. Die IG Lebenskunst startete eine publizistische
Offensive gegen den Gesetzentwurf und sammelte Tausende von Unterschriften.
Ich initiierte auch einen Gesprächskreis von Organisationen verschiedener
Wege (Taijiquan und Qigong, Yoga, Atemtherapie und andere), aus denen
die "Frankfurter Gespräche" resultierten, ein Dachverband
von Verbänden und Organisationen im Bereich der "alternativen"
Gesundheit. Die Frankfurter Gespräche haben mittlerweile übergreifende
Qualitätsrichtlinien und eine Ethikrichtlinie erstellt.
Der erste Versuch
Doch damit nicht genug, irgendwie war ich wohl in einer Gründerlaune
- oder war es ein Gründungswahn? -, zusammen mit Christian Auerbach
startete ich einen Versuch, Qigong- und Taijiquan-Unterrichtende an einen
Tisch zu bringen und über die Gründung eines Berufsverbandes
zu beraten. In den Jahren 1998 und 1999 gab es in Oldenburg und Göttingen
drei Treffen. Zudem wurde in einem Ausschuss ein Satzungsentwurf erarbeitet,
ein weiterer Ausschuss beriet über "Qualitätsrichtlinien".
Doch dieser Versuch einen Berufsverband ins Leben zu rufen verlief im
Sande. Lag es daran, dass er sehr basisdemokratisch organisiert war und
bis zu 60 TeilnehmerInnen unter einen Hut zu bringen waren? Oder daran,
dass auch das LBHG scheiterte? Oder war einfach noch nicht die Zeit dafür?
Eine längere Ruhephase trat ein und alle Unterrichtenden und Verbände
kümmerten sich - mehr oder weniger - nur noch um sich. Ich konnte
allerdings nicht immer "mein Maul halten" und nutzte meine Stellung
als Herausgeber des TQJ dazu, das Thema "Dach-/Berufsverband"
am Leben zu halten.
Die AALL Taijiquan entstehen
Im Jahre 2001 begann Klemens Speer, federführend für das
"Taijiquan & Qigong Netzwerk Deutschland", Kontakt zu verschiedenen
Verbänden und Ausbildungsinstituten im Bereich Taijiquan aufzunehmen
und sich auf gemeinsame "Allgemeine Ausbildungsleitlinien" (AALL)
zu verständigen. Im Frühjahr dieses Jahres war es dann soweit:
Auf einem Treffen in Osnabrück wurden am 9. März die AALL Taijiquan
beschlossen. Damit war es Klemens Speer gelungen eine wegweisende Vereinbarung
von namhaften Taiji-Organisationen in Deutschland zu erreichen - eine
mühevolle Arbeit, die nicht nur ich Klemens Speer hoch anrechne!
Doch auch beim Qigong tat sich etwas. Letztes Jahr beauftragte die Deutsche
Angestellten Krankenkasse (DAK) Johann Bölts von der Uni Oldenburg
damit, Kriterien für die Anerkennung von Qigong-LehrerInnen auszuarbeiten
und eine dementsprechende Prüfungskommission zu leiten. In diese
Arbeit bezog dieser Dr. Gisela Hildenbrandt von der "Medizinischen
Gesellschaft für Qigong Yangsheng" mit ein. Wer jetzt von der
DAK als Qigong-LehrerIn anerkannt werden und damit seinen SchülerInnen
Gelegenheit geben will, einen Zuschuss von der DAK zu den Kursgebühren
zu bekommen, muss sich einem Prüfungsverfahren unterziehen.
Innerhalb der "Qigong-Szene" sorgte die Zusammenarbeit der DAK
mit Johann Bölts für heftige Unruhe und viele Emotionen, zumal
sich andere Kassen dem Verfahren der DAK anschlossen. Nun ist es durchaus
möglich, dass die DAK-Regelung zu einem bundesweiten Modell und auch
auf Bereiche außerhalb der Krankenkassen übertragen wird.
In Zusammenhang mit der Anerkennung bei Krankenkassen ist es für
die allermeisten Qigong- beziehungsweise Taijiquan-Unterrichtenden außerdem
unverständlich, dass dafür meistens der sogenannte "Primärberuf"
eine wichtige Rolle spielt. Nur bestimmte akademische Berufsgruppen wie
SportlehrerInnen, PsychologInnen, PädagogInnen, ÄrztInnen, SozialwissenschaftlerInnen
und SozialpädagogInnen mit einer Zusatzausbildung in Qigong oder
Taijiquan können nach einem Beschluss der Spitzenverbände der
Krankenkassen anerkannt werden. Dadurch wurde es vielen, die schon jahrelang
unterrichten und teilweise sogar LehrerInnen ausbilden, unmöglich
von Krankenkassen anerkannt zu werden beziehungsweise sie müssen
auf Ausnahmeregelungen hoffen.
Diese Entwicklung in einem wesentlichen Bereich des deutschen Gesundheitswesens
machte es vielen Qigong- und auch Taijiquan-Unterrichtenden deutlich,
dass ein gemeinsamer Verband nötig ist, um besser auf uns betreffende
gesellschaftliche Prozesse Einfluss nehmen zu können, zum Beispiel
damit solche unsinnigen Regelungen wie die der "Primärberufe"
nicht entstehen.
Der zweite Versuch
Christian Auerbach und ich waren uns schnell einig, dass ein neuer
Versuch zur Gründung eines Dachverbandes nicht wieder so "basisdemokratisch"
organisiert werden sollte. Vielmehr erschien es uns sinnvoller, zuerst
einige Qigong-Organisationen zu einem Treffen zu bewegen.
Am 28. Februar dieses Jahres trafen sich dann in Göttingen VertreterInnen
folgender Vereine: Daoyin Yangsheng Gong Vereinigung Deutschland (DYYSG),
Deutsche Qigong Gesellschaft (DQGG), Fördergemeinschaft Chan Mi Qigong
(Chan Mi), Kolibri Seminare beziehungsweise Club (Kolibri) und Taijiquan
& Qigong Netzwerk Deutschland (Netzwerk). Es wurde unter anderem beschlossen,
einen gemeinsamen Dachverband für Qigong und Taijiquan zu gründen,
das sei sinnvoller als zwei getrennte. Zum nächsten Treffen sollten
weitere Qigong- und einige Taijiquan-Organisationen eingeladen werden.
Zudem sollte allen an einem Dachverband Interessierten die Möglichkeit
gegeben werden dabei zu sein. Aus diesem Grunde veröffentlichte ich
im TQJ und auf dessen Website eine entsprechende Mitteilung. Alle, die
sich daraufhin gemeldet haben, wurden über den Stand der Dinge informiert
und zu den weiteren Treffen eingeladen.
Weitere Treffen fanden am 4. April, 19. Juni und am 5. September statt.
Hinzugekommen sind die Akademie Gesundheit, Bewegung und Pädagogik,
das Bildungsinstitut für Taijiquan und Körperarbeit (BITAK),
Dalü - Schule für Taijiquan und Körperarbeit, das Institut
für Bewegungslehre und -forschung (IFBUB), Neues Guolin Qigong, die
Sebastian Kneipp Akademie (SKA), das Tai Chi Forum Deutschland und der
Verein Achtsamkeit in Oldenburg sowie Klemens Speer.
Die Gründung verlief innerhalb von sieben Monaten, was vergleichsweise
schnell ist. Das war nur möglich, weil wichtige Vorarbeiten bereits
erledigt waren. So wurde bei der Satzung auf den Entwurf vom ersten Gründungsversuch
und auf die Satzung der Frankfurter Gespräche zurückgegriffen
und die AALL Taijiquan wurden als Maßstab für die Mitgliedschaft
im Bereich Taijiquan übernommen, für Qigong gibt es bisher erst
eine Rohfassung. Außerdem gab es eine hohe Bereitschaft sich zu
einigen, das heißt auch, sich von seinen Idealvorstellungen zu verabschieden
und sich auf Kompromisse einzulassen.
Die Gründung
Am 11. September 2003 fand die Gründungsversammlung statt, natürlich
wieder in Göttingen. Die 16 Gründungsmitglieder des "Deutschen
Dachverbandes für Qigong und Taijiquan" sind:
- Akademie Gesundheit, Bewegung und Pädagogik,
- Bildungsinstitut für Taijiquan und Körperarbeit,
- Dalü - Schule für Taijiquan und Körperarbeit,
- Dao-Schule Göttingen,
- Daoyin Yangsheng Gong Vereinigung Deutschland,
- Deutsche Qigong Gesellschaft,
- Chan Mi Qigong Gesellschaft,
- Institut für Bewegungslehre und -forschung,
- Klemens J. P. Speer,
- Kolibri Seminare,
- Schule für bewegende und berührende Künste,
- Sebastian Kneipp Akademie,
- Tai Chi Forum Deutschland,
- Taijiquan & Qigong Netzwerk Deutschland,
- Verein Achtsamkeit in Oldenburg und
- World Chen Taijiquan Association Germany.
Der DDQT hat sich als Verein konstituiert und versteht sich - wie es
der Name schon sagt - als Dachverband. Er soll eine Organisation werden,
die bereits bestehende Verbände und Vereine miteinander verbindet
und nicht mit ihnen in Konkurrenz tritt. Mitglieder können nur Vereine
und Verbände werden, deren Mitglieder unterrichten, oder "natürliche
und juristische" Personen, die oder deren Mitglieder beziehungsweise
Mitarbeiter ausbilden. Der Dachverband soll hauptsächlich eine hohe
Qualität des Unterrichts beziehungsweise von Ausbildungen gewährleisten
und die gesellschaftliche Anerkennung der Berufe Qigong-LehrerIn und Taijiquan-LehrerIn
vorantreiben. Dazu gehört auch der Kontakt zu gesellschaftlich relevanten
Gruppen wie Sportverbänden, Volkshochschulen, Krankenversicherungen
und zu politisch Verantwortlichen.
Als Vorsitzender wurde Wilhelm Mertens gewählt, dem weiteren Vorstand
gehören Christian Auerbach, Manfred Folkers, Martin Pendzialek und
Zuzana Sebková-Thaller an. Es gibt einen Ausschuss für Qigong
und einen für Taijiquan, ein wissenschaftlicher Beirat soll noch
gegründet werden.
Der Dachverband für Qigong- und Taijiquan wird ein weiterer Baustein
in der Vernetzung der Taijiquan- und Qigong-Szene sein. Nun ist es möglich,
gegenüber gesellschaftlich relevanten Gruppen stärker aufzutreten,
weil bereits jetzt mehrere hundert Unterrichtende über diesen Dachverband
repräsentiert werden. Alleingänge einzelner Organisationen werden
nun schwieriger. Je mehr Organisationen im Dachverband zusammenkommen,
desto kraftvoller oder besser: "qivoller" wird er sein.
Wie geht es weiter?
Allerdings birgt ein übergreifender Verband auch die Gefahr einer
Spaltung. Vereine und Organisationen, die nicht mit der Satzung, den Kriterien
oder der Arbeitsweise des Dachverbandes einverstanden sind, werden sich
ihm nicht anschließen und könnten gar einen "Gegenverband"
aufbauen. Dieses Phänomen ist nicht neu und ich sehe Qigong und Taijiquan
schon so sehr in unserer Gesellschaft integriert, dass solche menschlichen
Mechanismen auch in unserer Szene greifen könnten.
Allerdings wünsche ich mir, dass es nur einen Dachverband gibt, der
unsere Künste in unserer Gesellschaft qivoll vertritt. Die Struktur
und die Menschen, die in ihm tätig sind, sollten flexibel und offen
genug sein, um möglichst vielen eine Teilnahme in diesem Dachverband
zu ermöglichen. Diesbezüglich ist der Start gelungen, der Vorstand
und die Ausschüsse sind mit Menschen besetzt, die für ihre Offenheit
bekannt sind. Nun kommt es darauf an, dass die "Noch-nicht-Mitglieder"
sich überlegen in den Dachverband einzutreten oder sich über
andere Mitglieder des Dachverbandes vertreten lassen.
Ich selbst habe mich sehr bei der Gründung engagiert. Damit ist vorerst
meine Arbeit für einen Dachverband getan. Ich werde darin keinen
Posten bekleiden, sondern mich mit dem Medium, das ich betreue, für
die weitere Verbreitung von Qigong und Taijiquan einsetzen. Das Taijiquan
& Qigong Journal wird die Arbeit des Dachverbandes aufgeschlossen
und kritisch begleiten, aber es bleibt ein Medium für alle Praktizierenden,
egal ob sie in irgendeinem Verband organisiert sind oder nicht.
Frankfurter Gespräche
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Deutscher Dachverband für Qigong und Taijiquan
Adresse war zum Red.-Schluss noch nicht bekannt
www.ddqt.de
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