Heft 11, 1/2003

Quo vadis, Qigong?

Kommentar zu den derzeitigen Standardisierungstendenzen im Qigong.
Von Helmut Oberlack.


Aufgrund verschiedener Entwicklungen innerhalb der »Qigong-Szene« in Deutschland gibt es derzeit einige Unruhe und auch Unmut. Dabei geht es im Wesentlichen um Ausbildungsstandards, Anerkennungsrichtlinien und Ähnliches. Da es keine allgemein verbindlichen Richtlinien gab und gibt, gingen und gehen Institutionen dazu über, selbst welche aufzustellen beziehungsweise aufstellen zu lassen. Helmut Oberlack zeigt an den Beispielen der Deutschen Angestellten Krankenkasse, des Volkshochschulverbandes und des Deutschen Sportbundes, wie solche Bestrebungen aussehen und umgesetzt werden können. Um zu vermeiden, dass es auf diese Weise zu Ausgrenzungen innerhalb der breiten Vielfalt im Qigong kommt, setzt er sich für die Gründung eines Dachverbandes der deutschen Qigong-LehrerInnen ein, der die Interessen aller Qigong-Übenden vertritt.

Qigong befindet sich seit seinen Uranfängen vor Tausenden von Jahren in stetiger Entwicklung, sowohl was die Entstehung verschiedener Übungssysteme angeht als auch bezüglich seiner gesellschaftlichen Relevanz. Dies ist in den letzten Jahren auch in Europa der Fall. Es geht weiter mit dem Qigong, doch wohin?
Eine große allgemeine Tendenz gibt es schon seit Jahren: Das medizinische Qigong ist im Vormarsch. Immer mehr Kurse, Workshops, Ausbildungen werden angeboten, neue Qigong-Arten wurden und werden entwickelt, die bei bestimmten Krankheiten oder Beschwerden helfen sollen. Dann gibt es für alle Organe mindestens eine eigene Übungsreihe, es gibt Qigong gegen Stress, bei Rückenschmerzen und viele andere Beispiele, bei denen Qigong ganz bestimmten Beschwerden oder Körperteilen zugeordnet wird.
Um es deutlich zu sagen: Solche Weiterentwicklungen sind wünschenswert, vorausgesetzt die Methode hält, was sie verspricht, und wird seriös ausgeübt und gelehrt.

Medizin, Prävention, Spiritualität und Abhärtung

Aber mir bereitet diese Tendenz gleichzeitig einige Sorgen. Qigong droht auf eine sehr einfache medizinische Ebene reduziert zu werden: Qigong als Medizin, quasi auf Rezept, das man (kurz) übt, wenn bestimmte Beschwerden oder Krankheiten auftauchen. »Bei Rückenschmerzen fragen Sie Ihren Arzt, Apotheker oder eben Qigong-Therapeuten!« Auch wenn das von den Anbietern der jeweiligen Qigong-Arten nicht so intendiert sein mag, denke ich, dass sich die gesellschaftliche Rezeption des Qigong in diese Richtung entwickelt.
Andere wesentliche Aspekte des Qigong laufen Gefahr in den Hintergrund zu geraten. Aspekte, die im präventiven Bereich liegen, sind davon noch nicht so stark betroffen. Neben den allgemein gesundheitsfördernden Wirkungen wie Atmung, Aufmerksamkeit, Beweglichkeit oder Entspannung, auf die keine Therapie einer Befindlichkeitsstörung ein Monopol hat, gibt es auch das Phänomen, dass das Üben von Qigong ein Umfeld schafft in und um den Menschen, das Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht. Dieses Umfeld ist nicht konkret beschreibbar und eine Störung dieses Umfeldes kann nicht pathologisch zugeordnet werden. Solche nicht genau zuordbaren Eigenschaften lassen sich nicht mit einem »Rezept-Denken« vereinbaren.
Demgegenüber sind Aspekte, die mit »spirituell« oder »persönlichkeitsfördernd« beschrieben werden, schon weiter in den Hintergrund getreten. Ich denke, es wäre an der Zeit, dass sich ein Kongress oder eine Tagung nur mit diesen Aspekten beschäftigte. Dann würde der drohenden Einseitigkeit des Qigong ein Kontrapunkt entgegengesetzt und der nebulöse Begriff »spirituell« könnte mit konkretem Inhalt gefüllt werden.
Und schon so gut wie in Vergessenheit geraten beziehungsweise kaum in Erscheinung getreten ist das sogenannte »harte Qigong«, obwohl es regelmäßig medienwirksam in Galas vorgeführt wird, zum Beispiel bei den Tourneen der (echten oder falschen?) Shaolin-Mönche. Auch hier wäre es wünschenswert, dass die Medien (das TQJ eingeschlossen) mehr darüber berichten würden und es nicht bei spektakulären Fotos mit belanglosen Bildunterschriften beließen.
Die Tendenz zum medizinischen Qigong – was immer das auch genau sein mag – wird natürlich durch die Entwicklung in der VR China stark beeinflusst, wo im Rahmen der Bekämpfung von Falun Gong Qigong-Arten auf ihre »medizinische Wirksamkeit« überprüft werden. Das medizinisch wirksame Qigong wird gefördert und die wesentlichen Neu- oder Weiterentwicklungen im Qigong kommen nun mal aus seinem Mutterland.
Die Hinwendung zu den medizinischen Aspekten bietet aber auch Vorteile, die nicht zu vernachlässigen sind. Klare medizinische Auswirkungen fördern die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Lebenskunst, Qigong würde so seinen Ruf als eine Methode zur Therapie und Prävention ausbauen. Eine Einbindung in Reformen im Gesundheitswesen – zumindest in Deutschland sind solche notwendig und werden kommen – wird erleichtert.
Qigong könnte so noch mehr Menschen erreichen, Menschen, die sonst nie mit Qigong in Berührung kommen würden, und Qigong-Lehrende würden besser verdienen. Oder droht durch eine Integration in das »normale« Gesundheitswesen eine Einschränkung des Personenkreises, der Qigong unterrichten darf, so wie es bereits für die deutschen Krankenkassen gilt? Werden später möglicherweise nur ÄrztInnen oder HeilpraktikerInnen die Personen der Wahl sein, weil diese heilen dürfen? Wird es eine staatlich anerkannte Ausbildung geben, die »Qigong-KrankengymnastInnen« hervorbringt, welche dann auf Rezept einen Zehnerpack Qigong verabreichen dürfen?
Alle Qigong-Lehrenden – und Folgendes gilt auch für Taijiquan – sollten sich auf die bevorstehenden gesellschaftlichen Veränderungen einstellen. Eine Gabe zu guter PR und gu-tem Marketing hilft »die Schäfchen ins Trockene zu bringen«. Doch gute PR macht noch kein gutes Qigong. Sie kann allerdings dazu benutzt werden, »Qualitätsstandards« zu schaffen, die keine oder nur wenig »Qualität« haben. Und wenn ein Standard erst etabliert ist, dann ist er nur sehr, sehr schwer zu ändern, schwerer als einen neu einzuführen.
Wenn wir wirklich Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse nehmen wollen, kommen wir an einem (Dach-)Verband, der möglichst viele Qigong-Organisationen repräsentiert, nicht vorbei. Nur ein großer Verband kann, positiv formuliert, allgemein akzeptierte Qualitätsstandards, die diesen Namen auch verdienen, gesellschaftlich durchsetzen oder, negativ formuliert, verhindern, dass sich geschicktes Marketing zu Ungunsten von Qualität und Vielfalt auswirkt.
Österreich hat mit der IQTÖ einen guten Anfang gemacht, in der Schweiz und in Deutschland ist noch nichts Vergleichbares geschehen.

DAK und PTCH

In Deutschland gibt es eine Menge Unruhe und Unzufriedenheit, die durch die Zusammenarbeit der DAK (eine der größten Krankenkassen) mit dem »Projekt Traditionelle chinesische Heilweisen« (PTCH) der Universität Oldenburg und Dr. Gisela Hildenbrandt von der »Medizinischen Gesellschaft für Qigong Yang-sheng« ausgelöst wurden. Die DAK hat Ausbildungsstandards vorgeschrieben, die Qigong-Unterrichtende erfüllen müssen, wenn die DAK deren SchülerInnen Geld für die Teilnahme am Qigong-Kurs erstatten soll. Johann Bölts (PTCH) und Dr. Gisela Hildenbrandt sind in der dreiköpfigen Kommission, die diese Standards erstellt hat und überprüft (s. TQJ 4/02 oder www.tqj.de). Welche Art von Qigong dann wie unterrichtet wird, ist nicht reglementiert.
An dieser Zusammenarbeit gibt es viel Kritik. Manche fordern, dass alle maßgeblichen Qigong-Verbände in der Kommission vertreten sein sollten, und andere befürchten wohl zu Recht, dass dieses Exempel von anderen Kassen übernommen wird. Weitere Kritik betrifft das Prozedere der Überprüfung, die mangelhafte Qualität der Standards und die Tatsache, dass zum ersten Mal VertreterInnen des Qigong für Krankenkassen über die Qualität anderer Qigong-LehrerInnen entscheiden und damit eine (nicht kontrollierbare) Machtposition innehaben, was viele zumindest als »unkollegial« ansehen.

ASS, VHS und Ernst Klett Verlag

Die Zusammenarbeit der DAK mit zwei prominenten VertreterInnen des Qigong ist jedoch nicht die einzige Entwicklung, die zu einer gewissen Standardisierung der Ausbildung beziehungsweise des Unterrichts im Qigong führen könnte. Durch diese Auseinandersetzung ist ein Projekt, das das »ASS – Institut für Taijiquan und Qigong« zusammen mit dem Bayerischen Volkshochschulverband und dem Ernst Klett Verlag gestartet hat, in den Hintergrund der Wahrnehmung getreten. Barbara Schmid-Neuhaus, Liane Schoefer-Happ und Dieter Mayer, die drei GründerInnen des ASS, haben ein Konzept entwickelt, nach dem in den Volkshochschulen Qigong, Akupressur und Selbstmassage unterrichtet werden kann.
Das Kernstück dieses Konzeptes ist die didaktisch-methodische Aufbereitung des Unterrichts, die von vielen Qigong-LehrerInnen sehr gelobt wird. Dokumentiert ist diese in zwei Büchern: einem Kursbuch für die TeilnehmerInnen und vor allem dem Handbuch für die KursleiterInnen (s. Rezension in TQJ 2/02 oder www.tqj.de). Das Konzept enthält zahlreiche Übungen, die KursleiterInnen übernehmen können, aber nicht müssen. So werden gewisse Übungen präferiert, aber prinzipiell soll dieses Konzept auf viele Qigong-Arten übertragbar sein. Wie Andreas Eckert
vom Bayerischen Volkshochschulverband schreibt, hat es das Ziel, »einen Rahmen zu geben und die KursleiterInnen in ihrer Unterrichtstätigkeit zu unterstützen, ohne die Vielfalt der Qigong-Formen einzuschränken«.
Im Gegensatz zu der Prüfungskommission der DAK geht es bei diesem Projekt nicht um die Ausbildung von KursleiterInnen. Es wird vo-rausgesetzt, dass diese Qigong unterrichten können, und nur gewisse Anforderungen an deren Ausbildung sind ausdrücklich formuliert.
Das Konzept wird seit über einem Jahr KursleiterInnen von Volkshochschulen vorgestellt und könnte als Richtlinie an allen Volkshochschulen eingeführt werden. Ob dies eintreten wird und ob dieses Konzept von anderen Ins-titutionen übernommen wird, bleibt abzuwarten. Der Bayerische Volkshochschulverband plant für 2003 ein Treffen mit Qigong-Vereinen beziehungsweise -Verbänden, bei dem dieses Konzept vorgestellt werden soll.

DSB und DTB

Neben Krankenkassen und Volkshochschulen gibt es in Deutschland noch eine weitere bedeutende gesellschaftliche Institution, die wichtig für die Verbreitung von Qigong und Taijiquan ist: den Deutschen Sportbund (DSB). Unter den im DSB organisierten Verbänden ist der Deutsche Turner-Bund (DTB) derjenige, der sich den »Gesundheitssport« auf die Fahnen geschrieben hat. Daher ist der DTB mit seinen Landesverbänden für Qigong-Unterrichtende der wichtigste Ansprechpartner. Allerdings kann es auch in anderen Sportverbänden Qigong und Taijiquan geben, insbesondere in Kampfsport-Verbänden.
Die einzelnen Landesverbände des DTB agieren eigenverantwortlich bezüglich der Ausbildung von KursleiterInnen. So führt beispielsweise der Hamburger Landesverband, der »Verband für Turnen und Freizeit« (VTF), seit Jahren eine Qigong-KursleiterInnen-Ausbildung in Zusammenarbeit mit dem »Taijiquan und Qigong Netzwerk Deutschland« durch. Innerhalb des DTB gab und gibt es zwar die Idee eines Netzwerks der Landesturnverbände und damit verbunden eine Vereinheitlichung der Ausbildungen, doch bisher ist diese Idee nicht konsequent umgesetzt worden. Daher kümmert sich zur Zeit noch jeder Landesverband selbst um die Qualität seiner Qigong-Unterrichtenden oder auch nicht und es gibt hier noch eine Vielzahl von Kooperationen. Nichtsdestotrotz sollten wir nicht überrascht sein, wenn auch innerhalb von DTB und DSB Standardisierungstendenzen auftreten. Einzelne Landesverbände werden versuchen ihre Qigong-Ausbildungen als DTB-Lizenz zu verkaufen, so wie es beim Taijiquan zu lesen ist.

Noch fahren viele verschiedene Boote auf dem großen Fluss Qigong, große und kleine, dünne wie breite. Doch nicht alle werden immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel haben. Wir sind aufgerufen, uns dieser Tatsache zu stellen und uns zusammenzusetzen, damit möglichst viele Boote weiter fahren können – bevor BürokratInnen und PR-ManagerInnen kommen und uns die Boote vorschreiben. Nur wir gemeinsam können die Vielfalt des Qigong bewahren – bevor es ganz dumm kommt und ein kleiner »Deutscher Taichi-Bund«, der auch Qigong repräsentiert, als verbindlicher Ansprechpartner in Sachen Qigong und Taijiquan anerkannt wird.
Um zu vermeiden, dass ein einzelner Verein oder Verband eine solche Rolle einnehmen kann, bitte ich alle Vereine und Verbände, die Interesse an einem Dachverband haben, mir eine Mail oder ein Fax zu senden. Ich werde diese dann auf der Website des TQJ sammeln und informieren, wenn es zu einem Gründungstreffen kommen wird.

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