Heft 11, 1/2003
Diskussion: Taijiquan im Fitnesstudio
Von Alexander Kron
In den kommenden Jahren werden sehr viele, vielleicht fast alle Fitness-Clubs Taiji in ihr Kursprogramm aufnehmen wollen. Sind die etablierten Taiji-Lehrer und -Lehrerinnen bereit, diese Herausforderung anzunehmen, oder überlassen sie dieses Terrain den Fitness-TrainerInnen?
Nachdem ich fast 15 Jahre lang eigene Taiji-Schulen geleitet hatte, standen mein persönlicher Werdegang und Taiji-Entwicklungsprozess nicht mehr im Einklang mit der traditionellen chinesischen Lehrmethodik, die ich selbst dort praktizierte. Ich löste meine Studios auf und betrat im Januar 2001 als Taiji-Lehrer/Trainer eine mir völlig neue Welt die »Fitness Welt«. Die Aufgabe, die Vielfalt des Taijiquan zu »fokussieren«, entsprach meinem Talent und meinem persönlichen Anliegen entspricht es, das Taiji-Training integriert in die »Sportart Fitness« ins Zentrum der Gesellschaft zu rücken. »Fokussieren« wird hier benutzt im Sinne der Filmemacher: Man fokussiert zum Beispiel die Handlung eines Buches, um einen Film daraus machen zu können. Würde man das Buch so verfilmen, wie es vorliegt, wäre die Handlung für die Zuschauer zu unübersichtlich und nicht verständlich.
In zahlreichen Gesprächen mit Fitness-TrainerInnen, KursteilnehmerInnen, Verantwortlichen in der Fitness-Branche und in ständiger Praxis in den Fitness-Anlagen erarbeitete ich in knapp zwei Jahren das Konzept »Taiji for Fitness and Health«. Auch wenn die letzte der drei Kursstufen, die »Taiji Master Class«, im Detail noch nicht entwickelt und zusammengestellt ist, betrachte ich das Gesamtkonzept als vollendet.
Viele Fitness- und Wellness-Clubs bemühen sich, den sogenannten »Mind/Body«-Kursen wie Taiji, Yoga oder Feldenkrais mehr Raum zu geben. Aber passt das Taiji mit seiner traditionellen Didaktik in das Konzept eines modernen Fitness-Studios? Betrachten wir dabei drei Gesichtspunkte:
1. Bisher wird Taiji überwiegend in einem aufeinander aufbauenden Lehrprogramm innerhalb eines Kurses angeboten. So können nur zu bestimmten Terminen Neueinsteiger aufgenommen werden. Für Teilnehmer, die zu Hause nicht üben, gestaltet sich das Mithalten mit der Gruppe schwierig. Diese Art Lehrprogramm ist für Fitness-Clubs ungeeignet.
2. Oft geht die klassische Lehrmethodik davon aus, dass es dem Menschen an etwas mangelt, dass er durch Taiji etwas wiederherstellen kann wie etwa Gesundheit, Zufriedenheit oder innere Harmonie. Nun ist es aber so, dass Fit-ness-Studios hauptsächlich von ihrer eigenen Auffassung nach gesunden, zufriedenen und Harmonie ausstrahlenden Menschen besucht werden, die in dieser Hinsicht nichts wiederherstellen wollen. Taiji als Lebenshilfe anzubieten ist daher nicht ratsam.
3. Außer in speziell dafür hergerichteten kleineren Studios gibt es in den Fitness-Studios kein Kampfsport-Angebot im herkömmlichen Sinne. Fight Club oder Kickbox Workout dienen hauptsächlich der Kondition. Taiji-Training, welches den Kampfkunst-Aspekt in den Vordergrund rückt, ist daher nicht gefragt.
Das Hauptthema in einem Fitness-Studio ist und bleibt Fitness ob nun körperlich oder geistig. Die Schwierigkeit besteht darin, den Inhalt und die Werte, die dem Taiji innewohnen, in ein Kursprofil zu bringen, welches sich in die Fitness-Clubs integrieren lässt.
In den Clubs herrscht Trainingsatmosphäre, das heißt, die Mitglieder ziehen jeweils ihr persönliches Trainingsprogramm durch, wobei sie zumeist von vornherein wissen, welche Trainingseinheiten sie absolvieren wollen. Hat man zum Beispiel drei Stunden zur Verfügung, so könnte diese Zeit wie folgt eingeteilt sein: 30 Minuten Cardio-Training, 30 Minuten Geräte, 45 Minuten klassische Gymnastik, 60 Minuten Taiji und anschließend Sauna.
Der »normalen« Taiji-Schule würde ich eher einen »Event«-Charakter zuschreiben. Der Lehrer hat durchaus Zeit den Unterricht mit philosophischen Geschichten und Anekdoten zu würzen. Manchmal werden im laufenden Kurs die Teilnehmer sogar aufgefordert, das soeben Erlernte »allein« für sich zu üben, wobei der Lehrer dann zwischen den Teilnehmern herumläuft und korrigiert. Anschließend kann man oft bei einem Tee oder in der Kneipe Erfahrungen austauschen. Auch Taiji-Seminare haben einen Gruppenerlebnis-Charakter. Man könnte hier fast schon von einem Freundeskreis sprechen. Um die Gemeinschaft zu beschreiben, wird zuweilen das Wort »Familie« genannt.
Für einen Menschen, der im Fitness-Studio sein individuelles Trainingsprogramm durchziehen möchte, ist es vertane Zeit, sich im Taiji-Kurs eine philosophische Geschichte oder eine Anekdote anzuhören. Er könnte stattdessen ja trainieren, sich bewegen.
Auch versierten Taiji-LehrerInnen könnte es also passieren, dass sie in der Gewohnheit ein Taiji-«Event« anzuleiten mit falschen Erwartungen in die Fitness-Clubs gehen. Entweder werden dann die Taiji-Kurse irgendwann gestrichen oder es entwickelt sich eine geschlossene Taiji-Gruppe, die ihr »eigenes Süppchen« kocht innerhalb des Studios. Die großen Fitness-Anlagen können aus Platzgründen solche geschlossenen Gruppen nicht nebenher laufen lassen. Speziell im Winterhalbjahr sind alle Kurse »brechend voll« und keine Kursräume frei.
Laut einer kürzlichen Befragung (2002) sind die zur Zeit wichtigsten Gründe für die Mitgliedschaft in einem Fitness-Club:
1. Verbesserung der Leistungsfähigkeit
2. eine attraktive Figur
3. Spaß haben
(in dieser Reihenfolge)
Es ist jedoch eine neue Entwicklung zu beobachten immer häufiger finden in den Studios »Special Events« statt. Diese sogenannten »Specials«, zu denen auch Trainer von außerhalb eingeladen werden, dienen dem Bedürfnis, an einem Event teilzuhaben.
»Taiji for Fitness and Health«
Mein Konzept berücksichtigt die beschriebenen Unterschiede in der Erwartungshaltung bei den Besuchern der Fitness-Clubs und den Besuchern traditioneller Taiji-Schulen. Es besteht aus drei Kursstufen: Taiji Basic, Taiji Advanced und Taiji Master Class, wobei die dem Taiji zugrunde liegenden Prinzipien in den Kursstufen Basic/Advanced enthalten sind. Die Master Class ist die Weiterführung dieser Prinzipien in individuelle Bewegungsformen wie Kampf- und Turniersport, Waffenformen, aber auch Tanz und vieles mehr. Hierbei kommt es auf die Interpretation des Leiters der Master Class an. Die Master Class hat als einzige dieser drei Kursstufen Event-Charakter. Push Hands ist, wie alle kämpferischen Elemente des Taiji, der Master Class zugeordnet.
Kursaufbau des Taiji Basic Kurses:
- Taiji Gym
- Zentriertes Stehen
- Taiji Basic Form Lernphase
- Taiji Basic Form Ausführungsphase mit
Musik
- (Sitz)Meditation
Die Kursdauer beträgt 60 Minuten.
Der Kursaufbau des Taiji Advanced Kurses:
- Taiji Gym
- Taiji Advanced Form Lernphase
- (Steh)Meditation
- Taiji Advanced Form Ausführungsphase,
gesamte Form Basic/Advanced mit Musik
Die Kursdauer beträgt als direkter Anschlusskurs an das Taiji Basic 45 Minuten, als alleinstehender Kurs 60 Minuten.
Taiji Gym ist ein Terminus für Qigong-Übungen, die einen direkten Bezug zur Taiji-Form haben. Der Kurshöhepunkt beider Kurse ist die Ausführungsphase der Form mit Musik. Sowohl Taiji Gym als auch die Lernphase arbeiten stets auf diesen Kurshöhepunkt hin. Die Musik entspricht nicht der zur Zeit handelsüblichen Taiji-Musik und muss speziell ausgesucht werden.
Die Advanced Kurse bauen zwar auf den Basic Kursen auf, aber jede Unterrichtseinheit ist in sich selbst abgeschlossen und im Ablauf immer gleich. Es kann so jederzeit jede Person am Taiji-Kurs teilnehmen. Es ist auch nicht notwendig »zu Hause zu üben«. Wer Taiji machen will, kommt zum Kurs.
Die Taiji Basic Form hat acht Bewegungen, vier leicht auszuführende und vier schwierigere. Bei der Taiji Advanced Form werden diesen acht Bewegungen noch zwölf hinzugefügt. Sie hat also insgesamt 20 Bewegungen. Jeweils im wöchentlichen Wechsel wird die »Spiegelvariante« angeboten, denn Sportler sehen keinen Sinn darin, eine Bewegung wie zum Beispiel die Peitsche nur einseitig auszuführen. Alle Bewegungen wurden dem Yang-Stil entnommen, haben aber eine Entwicklung durchlaufen. Es ist im Grunde genommen ein eigener Taiji-Stil. Dieser Taiji-Stil ist nicht personen-, sondern konzeptgebunden. Die Person des Meisters als Oberhaupt entfällt.
Der Meister stellte bisher die geistige Ausrichtung und Führung innerhalb des Taiji-Stils beziehungsweise eines Taiji-Verbandes oder einer Schule dar und begleitete so den persönlichen Taiji-Entwicklungsprozess jedes Einzelnen. Anstelle eines Meisters, an dem man sich orientieren könnte, gibt es in unserem Taiji-Konzept Meditationstechniken, die uns auf lange Sicht konzentriert halten können und die eine geistige Richtlinie sind. Wir nennen sie deshalb »Schlüssel«.
Wir verwenden drei solcher Schlüssel, je einen für den körperlichen, den emotionalen und den mentalen Spannungsausgleich. Diese Meditationstechniken resultieren aus drei bewussten menschlichen Wahrnehmungsebenen: dem Körpergefühl, den Emotionen, den Gedanken und Vorstellungen. Jeder Schlüssel ist seiner Wahrnehmungsebene zugeordnet.
Jeder Taiji-Stil, jeder Verband und jede Schule haben ihre eigene Art »Schlüssel«. Sie sind zumeist nicht identisch. Es gibt keine »ultimativen« Schlüssel. Die Schlüssel sind nicht die Meditation selbst, sondern eine Hinführung in diese. Hier in der westlich orientierten modernen Didaktik werden die Schlüssel dem Ausbildungsweg vorangestellt. In der traditionellen östlich orientierten Didaktik erfolgt deren Vermittlung am Ende des Ausbildungsweges.
Zur Ausführung der Kurse
Grundsätzlich steht es jedem frei, mal eben einen Taiji-Kurs zu besuchen oder sich intensiv mit dem Taiji auseinander zu setzen. Beides findet gleichberechtigt Platz bei uns in den Kursen.
Anfassen ist ein sensibles Thema im Fitness-Studio. Korrigiert wird im Basic Kurs nur auf ausdrücklichen Wunsch des einzelnen Kursteilnehmers. Auch aus diesem Grund wird Push Hands nicht in den Basic/Advanced Kursen angeboten. In den Advanced Kursen ist diese Art der Korrektur etwas problemloser.
Eine kerzengerade gestreckte Wirbelsäule, wie sie teilweise gelehrt wird, ist ungeeignet für unseren Taiji-Stil. Hat der Körper beispielsweise eine starke Muskulatur und eine starke Gesamtkörperspannung, so wird die Wirbelsäule unweigerlich S-förmig sein. Das heißt, die Form der Wirbelsäule ist auch Ausdruck unserer körperlichen Spannungsverhältnisse. Durch reine »Streckmaßnahmen« (ohne orthopädische Indikation) werden die Spannungsverhältnisse im Körper weder ausgeglichen noch verbessert, sondern eher verschlechtert.
Es hat sich gezeigt, dass Taiji wunderbar mit Pilates harmoniert. Es ist optimal, einen Taiji-Kurs direkt im Anschluss an einen Pilates-Kurs zu plazieren.
Seit über zwei Jahren laufen die Taiji Basic/Advanced Kurse in den Anlagen eines Hamburger Fitness-Clubs und sind dort fest integriert. Praktisch alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Taiji-Kurse nutzen auch weitere Angebote im Studio wie Kurse, Training an Geräten, Schwimmbad. Mit einer Tageskarte können auch Nichtmitglieder unsere Taiji-Kurse besuchen, sofern sie ihren Wohnsitz nicht in Hamburg haben.
zum Inhalt von TQJ 1/2003 | zur Diskussion
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Die Meridian Academy Professional School of Fitness hat das vorliegende Taiji-Konzept in ihr Ausbildungsprogramm aufgenommen. In diesem Jahr starten in Hamburg und München Wochenend-Ausbildungsseminare zu dem Taiji-Konzept von Alexander Kron.

Alexander Kron,
44, Taiji-Trainer/Lehrer/Ausbilder, ist Urheber des vorliegenden Taiji-Konzepts.
Jürgensallee 49 D-22609 Hamburg
Fon 040/ 81 99 46 95
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