Heft 10, 4/2002
Ein »Tempelpark« vor der eigenen Tür
Kolumne von Jan Siberstorff
(nichtlektorierte Originalversion)
Es ist so etwas wie ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Viele Leser haben sicher in meinen Kolumnen ein immer wieder auftauchendes Thema wahrgenommen: Taijiquan und Spiritualität. Aber auch den Versuch, hierfür eine Plattform, eine Möglichkeit der Praxis zu finden, die dem Thema gerecht werden kann. Ich hatte eine Art Aufruf gestartet sich umzusehen, wo man sich in Deutschland in Abgeschiedenheit und Stille dieser ernsthaften Praxis widmen könne. Daraufhin bekam ich einige Zuschriften mit schönen und gutgemeinten Hinweisen auf Klöster und ähnliche Einrichtungen in Deutschland, wo man sich eine gewisse Zeit zurückziehen könne. Doch das Problem ist folgendes: Natürlich gibt es gewohnheitsgemäß genug Orte in Deutschland, wo man in entsprechenden Traditionen Retreats abhalten kann. Zen-Retreats beispielsweise sind in Deutschland längst keine Seltenheit mehr. Viele Taiji-Ausübende nutzen diese Möglichkeiten, um sich ab und zu ganz der Stille im Sitzen widmen zu können. Dies ist für das Taijiquan eine sehr gute Bereicherung. Aber es ist kein Taijiquan. Und genau darum ging es mir: Taijiquan in einer Intensität und Ruhe trainieren zu können, wie man es sonst nur von diesen Methoden her kennt.
Erschwerend kommt dazu, dass viele nicht genug Kenntnisse über Taijiquan haben um zu wissen, dass es innerhalb der Tradition des Taijiquan eine lange Geschichte von Zurückgezogenheit und Retreats gibt. Viele vergleichen Taijiquan immer noch mehr mit einer Sportart. Dabei hat Taijiquan in der daoistischen wie auch in der Tradition der Chen-Familie einen Stellenwert, der mit Sport oder Freizeitaktivität nichts mehr zu tun hat. Was aber nicht bedeutet, dass Taijiquan nicht für die meisten Ausübenden ein hervorragendes Hobby und eine gute Art der sportlichen Gesunderhaltung sein kann. Sehr ernsthaft betrieben jedoch hat es weit schwerwiegendere Inhalte, ist es eine tiefgreifende ganzheitliche Selbsterfahrung, die weit über die Grenzen normaler Vorstellung hinausgeht. Dafür allerdings bedarf die Ausübung des Taijiquan einer Umgebung, die eine solche Entwicklung auch zulässt. Insofern sind Tempel und Klöster sicherlich eine gute Möglichkeit. Denn oft ist es dort auch möglich auf sich selbst gestellt seine eigene Praxis ausüben zu können. Allerdings ist ein gewisses Gastdasein nicht zu vermeiden, da die Klöster in Deutschland einer anderen Tradition entstammen und vor allen Dingen der Aufenthalt zeitlich begrenzt ist.
Aber wie so oft liegt die Lösung dann doch ganz nah. Seit zehn Jahren trainieren ich und einige Schüler immer an derselben Stelle, immer in demselben Park in Hamburg. Es ist ein sehr schöner, ruhiger kleiner Park. Jeder kennt uns dort inzwischen. Auch in unserer Abwesenheit ist unser Trainingsplatz unübersehbar, denn es wächst dort im wahrsten Sinne des Wortes kein Gras mehr. Nach einiger Zeit des Grübelns, wo überall auf der Welt wir Orte der Zurückgezogenheit finden könnten, fassten wir den Entschluss uns für genau unseren Park direkt vor der Tür zu entscheiden. Wir schufen ein Übereinkommen, nach dem vom frühen Morgen bis 16 Uhr nicht gesprochen werden soll. Ebenfalls soll nicht durch Grüßen, Zuschauen oder anderes die Aufmerksamkeit der Praktizierenden auf sich gezogen werden. Für eine halbe Stunde kommen alle, die möchten, auf einem gesonderten Platz zum gemeinsamen Essen zusammen. So hat jedeR die Möglichkeit, sich täglich um die sechs Stunden in Stille und Konzentration den Sitz- und Standmeditationen, den Seidenübungen und dem Formentraining hinzugeben. Es ist ein wundervolles Bild, wenn rund ein Dutzend Übende alleine und doch gemeinsam in sich versunken, über Stunden quasi "dahingleiten". Von 16 18 Uhr folgen dann zwei Stunden gemeinsames Training mit spezieller, auf die einzelnen Personen ausgerichteter Betreuung. So hat jedeR nicht nur die Möglichkeit professionell zu trainieren, sich in Stille selbst zu finden und wirklich zu forschen er oder sie erhält auch noch täglich Unterricht. Und das in Sonne und Hitze, Regen oder Schnee. Wenn es jemandem zuviel oder zu lang wird, verlässt er einfach die Fläche unseres "Tempelparks", wie wir ihn verspielt nennen, und kehrt zurück, wenn er wieder "bereit" ist. Wir praktizieren dies inzwischen seit einem halben Jahr und es sind nicht nur Hamburger, die daran Gefallen finden. Viele Auswärtige haben bereits ihren Wohnort nach Hamburg verlegt, um hieran teilhaben zu können. Zur Zeit arbeiten wir an gewissen Subventionierungsprogrammen, um Interessierten dies auch finanziell ermöglichen zu können, denn schließlich bleibt zum Arbeiten hier keine Zeit mehr ...
Viele bleiben für ein bis zwei Jahre, andere wiederum nur jeweils eine Woche oder einen Monat. Nur eines ist wichtig: Sobald man auf der Fläche ist, gilt: schweigen und praktizieren. Keine Handys, kein "Taiji-Stammtisch", sondern viel Ruhe, "In sich Gehen" ... und jede Menge Fortschritte.
Vielleicht ist es zu intim, die eigene Praxis hier einer so großen Öffentlichkeit näher zu bringen. Auch wird hier nur ein "äußerer Rahmen" beschrieben, denn natürlich hat die intensive Praxis für jeden Einzelnen spezielle Aufgaben und Inhalte. Und ich weiß, dass es nur wenigen bestellt ist, sich so intensiv damit auseinander setzen zu wollen.
Aber ich denke, wir haben einen Weg gefunden Taijiquan nicht nur in den Alltag zu integrieren, sondern aus Taijiquan den Alltag zu machen. Nicht das Training irgendwie mit in den Tag zu quetschen, sondern frei und grenzenlos praktizieren zu können. Ich bin mir sicher, damit vielen zu helfen, die ähnliche Träume haben, wenn sie sehen, dass man Träume auch verwirklichen kann.
Das jedenfalls wäre meine Hoffnung.
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