Heft 10, 4/2002

Verspannte Schultern

Ansätze zur Lösung mit Qigong.
Von Gabi Lind


Ein verspannter Schulter-Nackenbereich ist eines der häufigsten Haltungsprobleme und nicht selten der Grund, der Menschen zum Qigong oder ähnlichen Bewegungstherapien führt. Gabi Lind macht deutlich, wieso Qigong – und Ähnliches gilt für Taijiquan – geeignet ist, den hier bestehenden energetischen Blockaden und auch den zugrunde liegenden inneren Mustern entgegenzuwirken. Sie betont dabei, dass eine rein körperliche Herangehensweise nicht ausreicht, sondern ein Wandel der inneren Haltung vollzogen werden muss. Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin ist besonders der Bezug zur Wandlungsphase Holz und den Emotionen sowie zum Funktionskreis Herz relevant. Einige Übungsbeispiele geben Gelegenheit, die Problematik gleich aktiv anzugehen.

Fast jeder kennt das Problem: Schultern und Nacken schmerzen, sind verspannt und beim Bewegen meint man fast ein Knirschen zu hören. Wem das im Alltag nicht so aufgefallen ist, merkt es spätestens beim Üben von Qigong ganz deutlich. Denn hier beginnen die Energien wieder besser zu fließen und über lange Zeit in Gewohnheit übergegangene Verspannungen und Fehlhaltungen blockieren den Fluss der Energie: Die Blockade wird deutlich und tritt ins Blickfeld.

Qigong ist ideal diesen Blockaden entgegenzuwirken, sie sanft aufzulösen und vor allem der neuen Entstehung vorzubeugen. Doch am Anfang der Übung erzielen gerade die "hartnäckig" Verspannten nicht so schnell einen Erfolg. Auch die Hinweise des Lehrers, die Schultern loszulassen werden zwar verstanden, doch fehlt einfach die persönliche Erfahrung des "Wie".

Die verspannte Schulter-Nacken-Partie hat ja schließlich auch ihre Gründe, die bei jedem Betroffenen etwas anders aussehen können. Allen gemeinsam ist, dass nicht nur Privatleben, Beruf, Konstitution und das ganze Umfeld zu den Auslösern gehören. Vor allem die eigene innere Haltung und der persönliche Umgang mit den Einflüssen von außen sind entscheidend. Körperliche Übungen sind daher zwar sinnvoll, aber sie können auf Dauer nicht ohne eine Änderung der Lebenseinstellung wirken.

In der chinesischen Medizin kennt man verschiedene energetische Ansätze zu diesem Thema. Besonders interessant ist für Qigong-Praktiker die enge Verbindung des Muskelsystems mit der Wandlungsphase Holz und den Funktionskreisen Leber und Gallenblase. Die Leber ist mit der Emotion Zorn verbunden. Ein Übermaß an Zorn, Wutausbrüchen, Ärger oder aggressiver Grundhaltung schwächen die Energie der Leber. Umgekehrt führen Störungen der Leber-Energie zu aggressiven Handlungen und Äußerungen, zu Zorn oder zur Unfähigkeit, diese Emotionen zu äußern. Gleichzeitig reguliert die Leber als Sitz von Hun, der Seele, auch alle anderen Emotionen. Obwohl die Emotionen im Einzelnen jeweils anderen Funktionskreisen zugeordnet werden, ist der Funktionskreis Leber immer dann mit im Spiel, wenn es zu unkontrollierten Ausbrüchen oder zur emotionalen Blockade kommt. Sie stellt die Harmonie im emotionalen Gefüge her und sorgt für den freien Fluss aller Gefühle. Alle Emotionen können dann in angemessener Weise und zum angemessenen Zeitpunkt gelebt werden. Freude, Wut und Ärger, Trauer, Angst, Sorge usw. erscheinen in der natürlichen Weise, sind aber nicht von Dauer! Keine Emotion manifestiert sich als grundlegende Haltung.

Störungen der Leber-Energie gehen jedoch oft mit einem einseitigen, festgefahrenen emotionalen Empfinden einher. Grundhaltungen von ständigem unterschwelligem Ärger, Unzufriedenheit und Aggression bestimmen das Leben. Die ständige Kampfbereitschaft, das Streiten und Kämpfen ohne Sinn und Ziel können Ausdruck dieser rigiden Haltung sein. Und der Ausdruck "Haltung" weist schon auf die doppelte Bedeutung hin: Nicht nur die äußere Haltung des Körpers kann damit bezeichnet werden, sondern auch die innere Haltung, Geist und Seele. Gehen wir von der Untrennbarkeit des Menschen in Geist und Körper aus, bleiben innere und äußere Haltung des Menschen tief verbunden und voneinander abhängig.

Die Holz-Energie äußert sich vor allem in den Muskeln und Sehnen. Die Verspannung ist so ein körperlicher Ausdruck für die innere Störung der Holz-Energie und der Emotionen. Werden die Emotionen blockiert, zurückgehalten oder eingeschränkt, suchen sie sich einen anderen Weg – sie erscheinen im Körper. Innere Spannung, Stress, geistige und emotionale Starre, Ängste und das Unterdrücken von Emotionen erscheinen unweigerlich als erhöhte Spannung in der Muskulatur. Sichtbare Zeichen sind neben den hochgezogenen Schultern Schwierigkeiten den oberen Rücken aufzurichten und der sogenannte "Witwenhocker". Entspannung dagegen ist nur möglich, wenn die Seele im Lot ist, bei Ausgeglichenheit, innerer Ruhe und einem gewissen Grad von innerer Freiheit.

Unverarbeitete inneren Prozesse werden, wenn sie lange genug verdrängt oder ignoriert werden, irgendwann auf ein anderes Niveau verschoben – sie erscheinen als Signal des Körpers. Unwohlsein oder Schmerz sagen uns deutlich: Etwas stimmt nicht, tu was!

Das Fatale daran ist, dass Ursache und Wirkung leicht verwechselt werden. Oft ist es bequemer, die Verspannungen allein in äußeren Ursachen statt in sich selbst zu suchen. So tragen der unbequeme Schreibtischstuhl, der stressige Job usw. schnell die "Schuld", obwohl sie wahrscheinlich nur noch als Tropfen das Fass zum Überlaufen bringen.

Natürlich haben Stress-Situationen einen entsprechenden Einfluss darauf, doch nur so lange man es zulässt! Die innere Sensibilität gegenüber Belastungen spielt dabei eine große Rolle. Eigentlich eine Stärke, kann sie bei falschem Umgang leicht zu Stress und Überlastung führen. Sie kann aber ebenso eingesetzt werden, um belastende Situationen zu vermeiden oder früh genug entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Dabei spielen rechtzeitige Pausen und individuelle Möglichkeiten neue Kraft zu schöpfen eine große Rolle.

Eine Übung, die dabei helfen kann, ist das "Innere Lächeln". Die Vorstellungskraft (Yi) leitet dabei ein warmes, herzliches Lächeln durch den Körper. Das Lächeln, dass mit seiner positiven Kraft negative Energie auflöst, kann durch die inneren Organe und auch durch verspannte Stellen geleitet werden.

Besonders in der Übung von Qigong oder Kampfkünsten kommt es sowohl für den Betroffenen, als auch für erfahrene Zuschauer schnell ans Licht: Die Fehlspannung überträgt sich auf die gesamte Bewegung und prägt so alle Übungen. Die Kraft - sowohl die körperliche als auch die innere Energie – entsteht dann aus der Muskelaktivität (Li) der Schultern und Arme, oft auch aus dem Rücken. Sie ist nicht nur mit mehr Anstrengung verbunden, sondern vertieft eventuell auch Fehlhaltungen. Die Schultern bewegen sich im Verhältnis zum restlichen Körper zu stark, sie gehen mit in den Bewegungen, vor allem nach oben und nach vorne, und bestimmen so den Schwerpunkt der "Kraft" in den Schultern oder oben in der Brust. Die Betonung der Brust wiederum verstärkt Muskelspannung in diesem Gebiet, schränkt den Atem ein und beeinträchtigt Herz und Lunge. Der Punkt Tanzhong (Renmai 17, "Brustmitte") wird durch diese Haltung energetisch verschlossen und verstärkt die Wirkung nach innen auf das mittlere Dantian, den oberen Erwärmer, Herz und Lunge. Die Bewegungen wirken bei genauem Betrachten angestrengt, eckig, meist fehlt die angestrebte Leichtigkeit. Die Übung scheint "gemacht" anstatt natürlich.

Die "Mitte", das untere Dantian, dem eine zentrale Rolle in der Ganzkörperbewegung zukommt und das das Zentrum unserer Energiearbeit darstellt, wird so von der Bewegung ausgeschlossen und der Übende schneidet sich selbst von seiner persönlichen Energie ab. Das Sammeln und Konzentrieren des Qi im unteren Dantian werden nicht unterstützt. Die Spannungen in den Schultern ziehen oft auch Spannungen im Rücken und in den Oberschenkeln nach sich, so dass der Unterbauch vom Empfinden abgeschnitten wird. Damit gehen jedoch auch die ganzen subtilen Empfindungen "aus dem Bauch heraus" verloren. Die Übung bleibt so eine äußerliche Technik, abgeschnitten von der inneren Energie.

Gleichzeitig beeinträchtigt die Spannung im Schulter-Nacken-Bereich den Funktionskreis Herz. Das Herz ist der Sitz des Shen, unserer Verbindung zum Dao und der "göttliche" Funke in uns. Shen bestimmt den Menschen als Individuum und wird in intuitivem und kreativem Handeln ausgedrückt. Wird Shen in seinem Wirken eingeschränkt, fehlt es an Intuition und Kreativität. Zu viele Termine und Verpflichtungen, vor allem diejenigen, die nicht mit Freude und innerer Überzeugung gelebt werden, tragen ihr Übriges dazu bei. Die große Last auf den Schultern trennt den verspannten Menschen von den höheren Aspekten seines Wesens und ersetzt Intuition durch ein Übermaß an vernünftigem Denken/Ratio. Des Zentrum der Energie wird vom unteren Dantian nach oben zwischen die Schultern verlagert. Das zeigt die starke Betonung des Kopfes anstatt des Bauches und führt zu dem Missverhältnis "unten leicht und oben schwer". Das bedeutet, dass der Geist mit schweren Gedanken blockiert ist, während die Füße keinen festen Halt mehr auf dem Boden haben. Das Sein im Hier und Jetzt und das (Wohl-)Fühlen leiden darunter. Selbsteinschränkung und Festhalten treten an die Stelle von Selbstverwirklichung und Natürlichkeit. Der Austausch mit dem Himmel (Dao) wird unterbrochen. Das Leuchten der Augen, Ausdruck der Shen-Kraft, wird stumpf und müde.

Ein Lösen der Verspannungen kann auf vielen verschiedenen Wegen erreicht werden. Man darf jedoch nicht außer acht lassen, dass das körperliche Üben allein nur einen Impuls darstellen kann, die Ursache aber im Inneren liegt. Doch oft braucht es diesen Impuls von außen, damit ein Problem durchbrochen wird. Nicht das Nachdenken oder Kreisen um eine Problematik stehen im Vordergrund. Häufig bleibt diese Art der Beschäftigung mit sich sehr intellektuell und berührt nicht wirklich die Seele. So gibt es heute mehr Menschen denn je, die genau wissen, warum sie bestimmte Probleme haben und wer sie verursacht hat (die Familie, Schule, ein bestimmtes Erlebnis, das übertragene Verhaltensmuster der Großmutter ...), aber an den Problemen ändert sich dadurch noch nichts. Ein wirkliches Verstehen und Fühlen sollte jedoch zu deren Auflösung führen.

Solche Probleme können nicht intellektuell gelöst werden, sondern dort, wo sie entstehen, in unserer Emotionalität und (verdrängten) Spiritualität. Im Qigong ist diese Art der inneren Suche daher untrennbar mit dem gesamten Erfahren als Mensch verbunden. Alles ist miteinander verbunden, alles beeinflusst sich unmittelbar gegenseitig. "Verstehen" drückt sich auch im Körper aus und löst die körperlichen Manifestationen des Ignorierens und Blockierens. "Verstehen" findet in diesem Fall nicht auf der Ebene der Ratio statt, sondern im Herzen, im Zentrum der Individualität.

Im Qigong kennt man folgende Reihenfolge im Übungsablauf: Die Übung entsteht im Geist, nicht als vorgegebene Form, sondern (im idealen Fall) als natürlicher Ausdruck des Selbst. Der gerichtete Gedanke, die Vorstellungskraft (Yi) bewegt das Qi in der natürlichen Weise und erfüllt die geistige Bewegung. Der Körper folgt der Bewegung des Qi – die Form oder Technik ist im fortgeschrittenen Verständnis also ein Ausdruck des Selbst.

Diese "Kette" hat unter anderem auch den Sinn, durch die Kraft von Yi und Qi den Einsatz der rohen Muskelkraft Li auf das notwendige Maß zu beschränken. Die Einheit des Menschen wird so wieder empfindbar. Nicht die äußere Bewegung und Kraft werden betont; Qigong ist keine Bewegung um der Bewegung willen, es ist kein Sport. Es ist eine Übung, die den Übenden die Untrennbarkeit von Innen und Außen fühlen lässt! Dieses Fühlen ist dabei ein wesentlicher Punkt. Denn das theoretische Wissen um die Einheit des Menschen ist vollkommen wertlos, nur eine intellektuelle Übung, solange sie nicht umsetzbar ist. Einheit zu fühlen, sie zu SEIN, ist der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme, auch von Verspannungen.

So geht die Übung des Qigong in ihrer Wirkung den umgekehrten Weg. Einfache Methoden machen den Körper auf einer anderen Ebene fühlbar und erfahrbar. Der erste Schritt dazu setzt ganz weit außen an: an der Regulierung des Körper und des Atems. Der Übende spürt, dass etwas nicht stimmt, und nach einiger Zeit ist er in der Lage, durch Änderungen der Haltung, durch Atmen und durch einfache innere Übungen, ein Regulieren des Geistes, bewusst etwas daran zu verändern. Werden die Muskeln lockerer und sinken die Schultern, fließt auch das Qi frei und ungehindert. Der neue, ungewohnte und kraftvolle Fluss der Energie lässt plötzlich mehr Raum für die Entfaltung von Emotionen und Geist. Neue Gedanken und Gefühle äußern sich, innere Situationen ändern sich. Die Wirkung der Übung beginnt in den Muskeln, setzt sich fort im Qi und reicht ins Innere.


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Gabi Lind
HP, Mutter von zwei Kindern, studierte sechs Jahre an der International Free University in Maastricht TCM; unterrichtet hauptberuflich Taijiquan und Qigong in Bensheim sowie international im Rahmen von Seminaren.


Literatur:

Porkert/Hempen: Systematische Akupunktur, Urban & Schwarzenberg 1997

Leon Hammer: Psychologie & Chinesische Medizin, Joy 2000

Luc Theler: Hunyuan Qigong, Neue Erde 1999

Josef Viktor Müller: Den Geist verwurzeln, Müller & Steinicke 2001

Unterrichtsmaterial der International Free University

Einige Anregungen zum Üben

Grundsätzliches zum Üben

Übe mit Freude! Erzwinge weder die Übung, noch den erwarteten Erfolg. Du solltest einigermaßen ausgeruht und gut gelaunt sein. Sorge dafür, dass Du nicht unterbrochen werden kannst. Übe, weil es Spaß macht, und schaffe eine angenehme Atmosphäre dazu. Auf Deine Übung solltest Du Dich freuen können wie auf ein Rendezvous. Mache keinesfalls eine Pflichtübung daraus. Was Du "leistest", ist nicht wesentlich für den Erfolg. Der Erfolg hängt zwar wesentlich vom regelmäßigen Üben ab, lässt sich aber nicht erzwingen. Denke immer daran: Qigong kann man nicht wie eine Tablette einnehmen, alles was sich tut, tust Du selbst.

Strebe nicht ständig nach neuen und "exotischeren" Übungen. Je komplizierter eine Übung ist, desto länger wirst Du brauchen, um sie wirklich zu beherrschen (das körperliche Nachahmen hat damit nur wenig zu tun). Hast Du also irgendwelche gesundheitlichen Probleme, suche deren Lösung möglichst in Übungen, die Du sowieso täglich (wenn möglich) übst. Je einfacher die Übung ist, desto mehr kannst Du Dich auf die wesentlichen Punkte der Übung konzentrieren. Je häufiger und regelmäßiger Du sie wiederholst, desto besser wirst Du Dich in sie einfinden.

Übe immer hundertprozentig. Das bedeutet: Ersetze alle Gedanken durch einen einzigen – Deine Übung. Tue das, was Du tust, ganz. Sei ganz bei Dir und in Dir, fülle Dich tatsächlich bis in jeden Winkel und Aspekt Deines Wesens aus. Verteile Deine Aufmerksamkeit nicht auf Probleme, Vergangenes oder Zukünftiges.

Nicht zuletzt ist ein erfahrener Lehrer extrem wichtig. Alle Menschen sind unterschiedlich, sie brauchen unterschiedliche Anleitung, Schwerpunkte in der Übung, Korrekturen, Erklärungen und Gespräche. Es gibt kein "Rezept", denn Qigong ist ein äußerst individueller Übungsweg.




Das Qi fließen lassen

Wir üben mit einem Partner. Setze Dich bequem hin, die Kleidung sollte nicht einengen, der Rücken ist aufrecht. Bewege, so oft es Dir angenehm ist, die Wirbelsäule in kleinen Wellen in alle Richtungen, damit die Haltung nicht steif wird. Dein Partner sitzt hinter Dir und massiert zuerst seine Laogong-Punkte auf der Handmitte, Männer zuerst an der linken, Frauen an der rechten Hand. Dann legt er die Hände locker auf Deine Schultern. Atmet beide zuerst zum unteren Dantian, um Euch zu sammeln. Dann stellt sich der Partner vor, wie Wärme und Energie aus seinen Händen in Deine Schultern strömt. Sie verteilen sich sanft und lösen nach und nach alles Harte und Unbewegliche auf. Du spürst die Wärme und lässt sie überall hinfließen, wo Du Dich verspannt fühlst. Stelle Dir ganz deutlich vor, wie das Qi Dir hilft, Deine Blockaden und Verhärtungen aufzulösen. Ihr könnt beide in Gedanken wiederholen: "Eis zu Wasser, Wasser zu Dampf" und deutlich dieses Bild vor dem inneren Auge haben. Zum Abschluss der Übung sammelt ihr Eure Energie wieder im unteren Dantian ein und der Partner verschließt geistig seine Laogong, bevor er die Hände löst. Bleibe noch einen Moment sitzen und fühle der Übung nach.



Die Schultern lockern

Stehe in normaler Qigong-Haltung und lege beide Hände auf die Schultern. Reibe und knete sie, so wie es angenehm ist. Lege dann zuerst die linke Hand auf die rechte Schulter (für Frauen) oder die rechte Hand auf die linke Schulter (für Männer). Ist eine Schulterseite besonders verspannt, kannst Du auch damit beginnen. Knete und massiere nun jede auffällige Stelle. Das können Verhärtungen, Schmerzpunkte, Vertiefungen, Erhebungen oder besonders angenehme Stellen sein. Stelle Dir dabei vor, das die Wärme und die Energie Deiner Hände in die berührten Stellen eindringen und die Lösung in Gang setzen. Atme dabei zum unteren Dantian hin und spüre, wie der Schwerpunkt von den Schultern zum Dantian sinkt. Behandle dann die andere Seite genauso.



Wippen und Schütteln

Lasse Oberkörper, Schultern, Nacken und Kopf leicht nach vorne hängen. Wippe dann sacht aus den Füßen und lasse die Vibration durch den ganzen Körper nach oben kommen, bis auch Schultern und Nacken sanft davon durchströmt werden. Die Arme und Hände baumeln locker vor dem Körper und schwingen mit. Stelle Dir vor, dass jedes Wippen die Spannungen durch die Arme und die Hände nach außen schüttelt. Wiederhole dieses innere Bild, bis Du vor Deinem geistigen Auge keine Verspannung mehr ausmachen kannst. Beende die Übung, indem Du die Hände alleine nochmals kräftig schüttelst, damit auch keine Spannung in ihnen zurückbleibt. Sammle dann Deine Aufmerksamkeit (Yi) im unteren Dantian.



Die Schultern einzeln kreisen

Beginne nun die Schultern im Wechsel nach vorne zu kreisen. Atme ein, ziehe eine Schulter dabei so hoch, wie Du nur kannst, die andere Schulter hängt ganz schwer nach unten. Mit dem Ausatmen lässt Du die Schulter nach unten und vorne sacken und fühlst, wie Schulter, Arm und Hand schwer wie aus Stein nach unten fallen. Dann das gleiche mit der anderen Seite. Wiederhole die Übung, so oft sie angenehm ist, und wechsle dann die Richtung. Die Bewegung nach unten sollte ganz passiv sein, sie geschieht von alleine und je größer das Gewicht des fallenden Arms ist, desto lockerer wird die Schulter.



Die Welle durch den Körper führen

Stehe wieder in der normalen Qigong-Haltung. Spüre unter Deinen Füßen die Kraft der Erde und nimm sie durch die Punkte Yongquan auf der Fußsohle auf. Leite die Kraft als Welle auf der Rückseite des Körpers nach oben und lass sie dann auf der Vorderseite wieder nach unten fließen. Wenn Du die Welle deutlich spüren kannst, lasse Deinen Körper sich frei bewegen und die Welle nachempfinden. Atme bei der Aufwärtsbewegung ein und abwärts aus. Stelle Dir dabei vor, dass die Welle mit der Kraft der Erde alle Spannung und Unbeweglichkeit fortspült und sie über die Körpervorderseite in den Boden mitnimmt. Sammle zum Schluss Deine Energie wieder im unteren Dantian ein.



Die Schultern durchströmen in den Rückwärtsschritten des Taijiquan

Grundlage der Übung ist die Bewegung des Taijiquan "Mit Rückwärtsschritten den Affen vertreiben". Die Bewegung sollte möglichst korrekt ausgeführt werden. Besonders wichtig ist es, die Schultern in der Aufwärtsbewegung der Arme nicht anzuheben, die Spannung in den Schultern sollte durch die Bewegung nicht erhöht werden. Zusätzlich ruht der größte Teil der Aufmerksamkeit im unteren Dantian, was die Grundregel "oben leicht und unten schwer" deutlich unterstützen sollte. Den Schwerpunkt im unteren Dantian zu halten vermeidet wesentlich das Anheben oder Spannen der Schulterpartie.
Beim Einatmen und gleichzeitigen Ausbreiten der Arme spürst Du intensiv in den Nacken-Schulter-Bereich. Fühle Dich dort deutlich leicht und spüre gleichzeitig die Schwere im unteren Dantian. In dieser Phase der Übung fallen Dir vielleicht schon kleine Partien auf, in die Du nicht gut hineinfühlen kannst oder die sich unangenehm anfühlen.
Atme aus und bewege eine Hand nach vorne. Lasse in Deiner Vorstellungskraft die auffallenden Partien durch diese Hand nach draußen strömen, während das Dantian deutlich sinkt und die Schultern nach sich zieht.
Wiederhole die Übung mehrmals oder übe sie einfach an den entsprechenden Stellen der Taijiquan-Form. Die Armbewegung kann auch im Stand geübt werden. Da diese Übung etwas schwierig ist, eignet sie sich nur für Übende, die regelmäßig Taijiquan üben!



Die Schultern durchströmen in der Bewegung "Stoßen" des Taijiquan

Nimm einen Bogenschritt ein und wiederhole dann die Bewegung "Stoßen" mehrmals hintereinander, zwischendurch kannst Du die Stellung der Beine wechseln.
Mit dem Einatmen und Zurückziehen der Arme nimmst Du Qi durch die Fingerspitzen auf. Es bewegt sich durch die Arme, den Brustkorb und den Bauch zum unteren Dantian. Achte hier besonders auf entspannte Hände und ziehe nicht mit der Kraft der Schultern nach hinten, sondern lass die Bewegung im unteren Dantian entstehen.
Atme dann aus und schiebe die Hände wieder nach vorne. Das Qi fließt dabei vom Dantian durch den Punkt Mingmen (unter dem zweiten Lendenwirbel), durch die Wirbelsäule, die Schultern, Arme und Hände. Dabei atmest Du die Spannung und das "schlechte" Gefühl in den Schultern einfach aus. Die Kraft/Energie der Welle, die diese Bewegung trägt, endet jedoch im Punkt Laogong, damit nicht wertvolle Energie verloren geht. Von dort wird sie bei der nächsten Einatmung wieder zum unteren Dantian mitgenommen und der Kreis schließt sich.
Diese Bewegung ist eine Abwandlung der Energiearbeit im Taijiquan und ist speziell auf die Nacken-Schulter-Problematik abgestimmt. Die Übung sollte auch nur ausgeführt werden, wenn man schon etwas Erfahrung im Taijiquan besitzt.



Partnerübungen zu Bewegungen des Taijiquan

Verspannungen fühlt und löst man am effektivsten in Bewegungen, die einem schon vertraut sind. Für Taijiquan-Übende liegt es daher nahe, die bekannten Übungen auch unter diesem speziellen Aspekt zu wiederholen.
Du brauchst einen Partner, der seine warmen, schweren Hände locker auf Deine Schultern legt. Ihr übt beide! Während Du einen besseren Eindruck von Bewegung und Haltung Deiner Schultern bekommst und sofort fühlen kannst, wie sie sich verändern lassen und was die Auswirkungen davon auf den ganzen Körper sind, gibt Dein Partner Dir dazu Rückmeldungen. Dein Partner spürt deutlich Spannung, Symmetrie ... Er kann nicht nur Deine Schultern fühlen und korrigieren, sondern auch die Haltung des Beckens (und deren Verhältnis zueinander), des Rückens usw.
Diese Übung könnt Ihr im festen Stand oder auch in langsamer Bewegung vers
uchen.



Selbstmassage ausgewählter Punkte bei hartnäckigen Verspannungen

Manchmal braucht es einfach einen stärkeren Anstoß, um Bewegung in Verspannungen zu bringen. In vielen Fällen kann Selbstmassage dazu beitragen. Aber auch hier kann es hilfreich sein, von einem erfahrenen Lehrer oder Therapeuten die individuelle Kombination auswählen zu lassen. Gerade hier gilt keinesfalls das Prinzip "viel hilft viel", da jeder Punkt eine bestimmte Energiebewegung in Gang setzt. Je mehr Punkte massiert werden, desto mehr unterschiedliche Bewegungen werden ausgelöst, die sich unter Umständen auch gegenseitig behindern und die Energie zerstreuen.
Ich habe hier eine kleine Auswahl an Punkten getroffen, die nicht nur eine gute Wirkung auf die Verspannungen haben, sondern auch recht gut zu erreichen sind.

Allgemeines zum Massieren: Kreise beim Massieren locker auf dem Punkt, verschiebe aber den Finger dabei nicht auf der Haut, sondern schicke den Impuls in die Tiefe. Die Aufmerksamkeit liegt ganz auf der Bewegung und auf dem Punkt. Atme in den Punkt und stelle Dir vor, dass die Massage tief in das Innere des Körpers dringt. Atme natürlich und bewusst durch die Nase und achte darauf, dass das untere Dantian der Angelpunkt bleibt.
Frauen beginnen mit der Massage immer auf der rechten Seite, Männer auf der linken. Massiere jeden Punkt etwa eine Minute.

Einer der wichtigsten lokalen Punkte ist Jianjing, der "Schulterbrunnen" (Gallenblase 21). Er ist auf dem Schultergrad etwa in der Mitte zwischen Wirbelsäule und Schulterhöhe zu finden, liegt in einer Vertiefung und ist bei Verspannungen deutlich druckschmerzhaft. Massiere ihn mit der Mittelfingerspitze. Achte darauf, dass er nicht zu stark schmerzt. Du kannst ihn auch ohne Kreisbewegung stark gedrückt halten, bis der Schmerz nach und nach weg geht.

Fengchi, der "Teich des Windes" (Gallenblase 20), liegt in einer deutlichen Vertiefung unterhalb des Hinterhauptbeines, etwa auf halber Strecke zwischen Ohrmuschel und Wirbelsäule.

Der Punkt Jianwaishu, der "Äußere Schulterpunkt" (Dünndarm 14), liegt etwa drei Daumenbreiten neben dem Dornfortsatz des ersten Brustwirbelkörpers. Auch ihn kannst Du mit Zeige- oder Mittelfinger massieren.

Den Punkt Jianzhongshu, "den "Mittleren Schulterpunkt" (Dünndarm 15), kannst Du ebenfalls leicht erreichen. Er liegt zwei Daumenbreiten neben dem siebten Halswirbelkörper.

Zum Abschluss noch eine Übung, die die ganze Schulter-Nacken-Partie positiv beeinflusst: Lege einen Mittelfinger (Frauen den rechten, Männer den linken) unter dem siebten Halswirbelkörper auf den Punkt Dazhui, "Großer Wirbel" (Dumai 14). Schicke mit dem Einatmen Deine Aufmerksamkeit zu dem Punkt und stelle Dir vor, wie er warm und voll wird. Mit dem Ausatmen stellst Du Dir vor, wie sich die Wärme sternförmig nach allen Seiten ausbreitet: seitlich bis zu den Schultergelenken, nach oben zum Hinterkopf und nach unten bis in den Rücken. Mit jedem Ausatmen erwärmen sich die erreichten Gebiete mehr, werden wohlig weich und beweglich. Beende die Übung, indem Du Dich wieder im unteren Dantian sammelst.


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