Heft 10, 4/2002
Taiji-Wettkampf ganz anders
Eine Diskussionsanregung von Daniel Grolle-Moscovici
In diesem Sommer gab es ein großes internationales Taiji-Treffen im französischen Périgueux. Es sollte die Taiji-Tradition des verstorbenen Zheng Manqing pflegen. Dazu kamen einige seiner betagten engen Schüler, viele seiner Enkelschüler und einige hundert Teilnehmer und Zuschauer. Dreh- und Angelpunkt des Treffens war wie auch in den USA, Taiwan und China bei solchen Anlässen üblich ein Wettkampf.
Das Für und Wieder solcher Wettkämpfe ist schon des Öfteren thematisiert worden. Interessant war nun, dass auf dem Zheng-Manqing-Treffen eine Diskussion der Teilnehmer mit den Altmeistern stattfand. Beständig wiederkehrende Frage bestürzter Taiji-Liebhaber war, wie denn dieses Ringen und Wüten in den Wettkämpfen mit dem Geist des Taijiquan vereinbar wäre. Zu meinem Erstaunen waren sich die drei anwesenden direkten Zheng-Manqing-Schüler darin einig, dass auch sie sich mehr wirkliches Taiji in den Wettkämpfen wünschen würden. Allerdings wussten sie sich keinen Rat, wie das zu bewerkstelligen sei. Das Publikum wurde aber von ihnen ausdrücklich dazu aufgefordert, alternative Wege zu diskutieren und auszuprobieren.
Es sind in den letzten Jahren einige Alternativen zu solchen Wettkämpfen entstanden. Da ist zum Beispiel das jährliche Push-Hands-Sommertreffen im französischen Jasnières, das ebenso jährliche Push-Hands-Wintertreffen in Hannover oder das »Drachen und Tiger Treffen« in der Nähe von Bremen. In Utrecht gibt es ein monatliches Push-Treffen mit bis zu 30 Teilnehmern, für das nicht mehr als 7 Euro Eintritt, ein zehnminütiger Glockenschlag zum Partnerwechsel und ein patenter Organisator wie Teerd Verbeek nötig sind. Etwas Ähnliches wird am letzten Sonntag des Januar 2003 in Hamburg an den Start gehen. Im Übrigen findet man alle diese Aktivitäten auch auf den ersten Seiten dieses Journals unter »Tui-shou Kalender«. Diese Ansätze gehen dem Gedanken des Wettkampfes bewusst aus dem Weg und tragen den Geist des Taiji mit einer beglückenden Leichtigkeit in sich.
Nils Klug hat sich am Telefon spontan bereit gefunden, eine alternative Form des Wettkampfes zu wagen, in der es hoffentlich möglich sein wird tatsächlich Taiji zu üben und zu fördern. Sie wird am Sonntag, den 16. Februar 2003 von 15 bis 18 Uhr im Rahmen der »Internationalen Push Hand Tage« in Hannover stattfinden:
Zu diesem »Wettkampf« darf jeder antreten, der erfahren in Taiji und Push Hand ist. Es wird nur eine Gruppe von Wettkämpfern geben, die weder nach Geschlecht noch nach Gewicht oder bevorzugten Kampfregeln unterschieden werden. Die Schiedsrichter werden in diesem Fall die Laien bzw. die Teilnehmer der Veranstaltung sein. Jeder dieser schiedsrichtenden Teilnehmer wird einen Fragebogen über jeden Wettkämpfer erhalten. Diese Bögen enthalten Fragen, die subjektiv in sechs Stufen von sehr gut bis ungenügend bewertet werden können.
Der »Wettkampf« selbst besteht nun darin, dass nach dem Erklingen der Glocke je ein »Schiedsrichter« mit einem der »Wettkämpfer« für zehn Minuten pusht. Die ersten fünf Minuten wird schweigend gepusht, die zweiten fünf Minuten versucht der »Wettkämpfer« dem »Schiedsrichter« etwas zur Verbesserung von dessen Taiji zu vermitteln. Anschließend gibt es eine fünfminütige Pause, in der die »Schiedsrichter« ihre Fragebögen ausfüllen.
Die Fragebögen werden wir so zu gestalten versuchen, dass die unterschiedlichen Qualitäten der »Wettkämpfer« sowie die unterschiedlichen Interessen der »Schiedsrichter«, aber im Besonderen auch die anderer Taiji-Spieler Berücksichtigung finden. Bisher wuss-te man am Ende eines Wettkampfes nur, welcher Wettkämpfer in welcher Gewichtsklasse unter den angetretenen Gleichgeschlechtlichen, Gleichgewichtigen zuerst den Fuß gehoben oder als erster eine Linie überschritten hatte. Jetzt aber wird auch ein Leser, der nur die Ergebnisse dieses Taiji-Wettbewerbes ansieht, erkennen können, ob sich da ein Taiji-Spieler tummelt, der offenbar hervorragende Qualitäten in dem Bereich besitzt, der ihn wirklich interessiert. Durch die Ergebnisse des Wettbewerbes angeregt, kann er gezielt Workshops besuchen, die seine Taiji-Wünsche fördern.
Ich hoffe, dass auf diese Weise tatsächlich Informationen entstehen, die einen echten Nutzwert für die Entwicklung des Taijiquan haben. Und das ebenso für Taiji-Spieler, die eine unterhaltsame und charmante Vermittlung des Taiji in der Geriatrie interessiert, wie auch für solche, die auf der Suche nach der ultimativ gefährlichsten Kampfkunst für den Einsatz gegen die Mafia sind, und diejenigen, die schweißdurchfeuchtet, tief erleuchtet vom Astralkörper der tiefen Schlange berührt werden wollen.
Die Hoffnung der Veranstalter dabei ist, dass hier nicht der Wettkampf über den Wettkämpfer siegt, sondern dass Taiji in seiner Vielgestalt zu einem Gewinn für alle Taiji-Spieler wird. Die unterschiedlichen hohen Qualitäten des Taiji sollen gleichberechtigt nebeneinander siegen und sich gegenseitig bereichern.
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