Heft 9, 3/2002
Stehen wie ein Baum - Zhanzhuang
Interview mit Professor Yu Yong Nian (Beijing)
Professor Yu Yong Nian ist einer der letzten noch lebenden Schüler desnamhaften Begründers der inneren Kampfkunst des Yi Quan, Wang Xiangzhai. Martin Pendzialek befragte ihn bei einem Besuch in Beijing danach, was es mit dieser Kunst, die weitgehend ohne äußere Bewegungen auskommt, auf sich hat. Im Zentrum steht dabei die Übung des Zhanzhuang, das »Stehen wie ein Baum« in verschiedenen Positionen. Professor Yu Yong Nian setzt diese Methode seit vielen Jahren auch therapeutisch ein und hat die Erfahrung gemacht, dass sie gerade bei Schwerkranken gute Erfolge aufweist. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das tägliche Üben, das in seiner Dauer der Belastbarkeit der PatientInnen angepasst wird.
Herr Professor Yu, bitte beschreiben Sie ihre erste Begegnung mit Zhanzhuang und Ihrem Lehrer Wang Xiangzhai.
Zunächst hatte ich Taijiquan gelernt und wurde dabei auf die Übung des Zhanzhuang aufmerksam gemacht.1944 begann meine Ausbildung bei Wang Xiangzhai in Beijing. Zu dieser Zeit stellte ich viele Fragen und hatte kein Verständnis dafür, dass ich einen Monat nur eine Übung, das Stehen, durchführen sollte. Ich war ungeduldig und wollte etwas Neues lernen. Nachdem ich einen Sportlehrer um seine Meinung zu dieser Methode befragte, sagte dieser, dass es sich hierbei um keinen Sport handele, weil die Bewegung fehlte.
Ich hatte die »Nicht-Bewegung« im Vergleich zur allgemeinen körperlichen Bewegung nicht die inneren Bewegungen des Körpers das Jinggong. Bereits vor 2700 Jahren wurde über »Xinshu«, »geistige Kunst«, geschrieben. Der Begriff »Xin« im alten China korrespondiert mit dem Begriff »Großhirn« in unserer modernen Sprache.
Auch Laozi hat über diese Methoden geschrieben, die mit Kopf, Nervensystem, Geist und Herz verbunden waren. Wushu als Kampfkunst wird im Unterschied zu Xinshu durch die äußere bewegte Form ausgedrückt. Wushu ist somit das Ergebnis, Xinshu die Ursache. Wushu wiederum die Form, Xinshu das Bewusstsein.
Mit »Wu« können wir also die Außenwelt beschreiben, die wir außerhalb unseres Körpers sehen können: die Natur mit Sonne, Mond, Bergen und Flüssen sowie die von Menschen entwickelten Produkte. Im Vergleich dazu gibt es Wahrnehmungen, Empfindungen in unserem Körper; etwas, was wir nicht mit der Geburt bekommen haben. Diese Empfindungen können nur durch Übung entwickelt und dann nach außen ausgedrückt werden; auch Qi zu spüren ist eine solche Empfindung.
Ein wichtiges Element der inneren Bewegungs- und Kampfkünste ist der Wechsel zwischen Entspannung und Anspannung. Dieser zeigt sich zum Beispiel bei ziehenden, drückenden, öffnenden oder stoßenden Bewegungen. Die Anwendung im Kampf setzt ein Gefühl, ein »Spüren« voraus, also Empfindungen, um die verschiedenen Kräfte in den entsprechenden Bewegungen nach außen zu zeigen. Die Methode des Zhanzhuang entwickelt diese Voraussetzungen, indem wir durch den zunehmenden Informationsaustausch mit dem Nervensystem lernen, Empfindungen und Belastungen zu steuern sowie Gesundheit und Fitness zu verbessern. Eine besondere Rolle spielt dabei die Entspannung der Körpermuskulatur, um die Elastizität und damit die Qualität der Muskelarbeit zu fördern. Somit kann dieses gewonnene Kraftpotential gezielt in den Kampfkünsten eingesetzt werden.
Sie haben über viele Jahre Forschungen mit Zhanzhuang betrieben. Diese Methode wurde in zahlreichen Krankenhäusern gezielt gegen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Arthritis und chronische Beschwerden von Atmungs-, Kreislauf- und Nervensystem eingesetzt. Wie sind Ihre Erfahrungen und Ergebnisse aus der medizinischen Anwendung?
Ich arbeitete im Krankenhaus der Beijinger Universität und später in weiteren Krankenhäusern als Zahnarzt. Ich begann 1960 Zhanzhuang für Patienten anzubieten, nachdem ich inzwischen 16 Jahre Erfahrung damit gesammelt hatte. Ich schlug diese Methode für die klinische Behandlung vor, um sie besonders bei Patienten mit chronischen Erkrankungen einzusetzen.
Hauptsächlich bei schweren Erkrankungen zeigen sich immer gute Ergebnisse. Ein wichtiger Grund dafür ist die Selbstbeteiligung der Menschen bei der Behandlung ihrer Krankheiten. Patienten mit Bluthochdruck können nach einem Monat der Übung von Zhanzhuang die Tablettendosis reduzieren; der Blutdruckwert wird stabilisiert. Bei Menschen, die unter Schlaflosigkeit leiden, beruhigt sich das Nervensystem. Bei Störungen des Atmungssystems verbessert sich die Lungenfunktion. Ebenso können Entzündungen mit Wasserbildung beispielsweise im Kniegelenk geheilt werden. Menschen mit Krebserkrankungen können ihren Zustand erheblich verbessern und Schmerzen reduzieren.
Zu den Empfindungen während der Übung des Zhanzhuang gehören Taubheitsgefühl, Schmerzen, Schwanken, Asymmetrie sowie Wohlbefinden und Entspannung. Was sollten speziell kranke Menschen beachten und welche Empfehlung geben Sie, um die Gedanken loszuwerden und den Geist zu beruhigen?
Die Patienten sind zur täglichen Übung aufgefordert, dies ist die wichtigste Voraussetzung für den Übungserfolg. Jedoch müssen die Übungsdauer und die Standhöhe der Belastbarkeit angepasst sein. Die einzelnen Übungen sollen langsam aufgebaut werden.
Im Vergleich zu Qigong-Übungen mit gezielter Aufmerksamkeit auf einen Punkt oder Bereich ist es bei Zhanzhuang leichter, das Problem der aufkommenden Gedanken zu lösen. Wenn man Zhanzhuang übt, richtet man seine Aufmerksamkeit auf die Empfindungen des Körpers wie Schmerz oder Müdigkeit in den Armen, Schultern oder Beinen. Diese Empfindungen werden bei regelmäßiger Übung durch die Entspannung abgebaut und die Gedanken dabei reduziert. Die Aufmerksamkeit orientiert sich somit an der entsprechenden Belastung des Körpers.
Welche persönliche Definition geben Sie »Qi« und haben Sie aufgrund Ihrer reichen Erfahrung Erkenntnisse darüber, wie »Qi« im menschlichen Körper wirken kann?
Es ist eine schwierige Frage, viele Menschen fragen: »Was ist Qi?« oder »Wie funktioniert Qi?« Ich meine, es gibt noch etwas hinter Qi. Über dem Qi gibt es ein »Wu«, also Materie wie Eisen, Holz oder Wasser in der Außenwelt. Durch die Übung von Qigong kann man Qi verstehen. Die Wahrnehmung von Qi bedeutet Qi zu spüren, es ist eine subjektive Empfindung des Menschen im Körper unter Beteiligung aller Funktionseinheiten wie Gefäße oder Zellen des Herz-Kreislauf- und des Nervensystems.
Eine höhere Stufe des Qi bezeichne ich als »sachliches Qi«, wenn es sich bei bestimmten Bewegungen der Kampfkunst wie Ziehen, Drücken oder Stoßen zeigt. Diese bewusst gesteuerten Bewegungen sind anders als eine rein subjektive Wahrnehmung, das Kraftpotential ist dabei ebenso verändert wie die Empfindung. Schließlich können wir mit zunehmender Übungsqualität die unterschiedlichen Kräfte in unserem eigenen Körper spüren. Über den Informationsaustausch mit dem Nervensystem werden Empfindungen und Belastungen immer besser gesteuert. Hiermit entwickelt sich die Fähigkeit, Funktionen des Körpers zur Gesunderhaltung zu verändern oder von außen einwirkende Kräfte bei der Anwendung im Kampf zu verstehen und zu kontrollieren.
In Ihrem Buch »I-Chuan Wissenschaftliche Grundlagen« beschreiben Sie unter anderem die Begriffe »Qi«, »Kraft« und »Dao«. In welcher Beziehung steht die Methode des Zhanzhuang zu »Dao«?
Mit zunehmender Übungsqualität auf einer höheren Übungsstufe werden die inneren und die äußeren Bewegungen »natürlicher«, die Empfindungen verändern sich im Sinne der Einheit von Körper und Geist. An dieser Stelle verweise ich auf das Prinzip »Wuwei«, welches der Philosophie des Daoismus entstammt und von Laozi beschrieben wurde. Zhanzhuang zu verstehen bedeutet das Dao zu verstehen; später gibt es keine Empfindungen mehr: »Das Dao ist ohne«.
Auf dieser hohen Übungsstufe stehen uns sehr viel Energie und sehr viel Kraft zur Verfügung. Wir verstehen diese Kraft, können Sie verändern und verstehen sie anzuwenden. Somit ergibt sich in einer Kampfsituation eine Überlegenheit gegenüber einer Person, die nicht diese Fähigkeiten erworben hat und anders »empfindet«.
Welche Bedeutung hat der Baum als Namensgeber für die Methode des Zhanzhuang?
Als ich begann bei Wang Xiangzhai zu lernen, übte ich im Park immer zwischen großen und kleinen Bäumen. Eines Tages fragte ich ihn, warum wir wie die Bäume stehen. Mein Lehrer sagte zu mir: »Schaue dir die großen und die kleinen, die dicken und die dünnen Bäume an. Die großen Bäume stehen lange, die kleinen Bäume stehen eine kürzere Zeit. Wenn man lange steht, wächst alles und die Kraft vermehrt sich.«
Pflanzen und Bäume können im Vergleich zu den Menschen sehr alt werden. Wenn wir stehen wie ein Baum in der Natur umgeben von guter Luft und Ruhe, dann können wir wie ein Baum natürlich wachsen, indem wir das Dao verstehen.
Herr Professor Yu, vielen Dank für die Zeit, die Sie uns geschenkt haben.
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