Heft 8, 2/2002Das 2. Internationale Push-Hands-Treffen in HannoverEs war noch dunkel, als Thorsten mich am Morgen des 26. 02. zum Flughafen von Hannover brachte. Kurz darauf saß ich einem Propellerjet der Chech Airlines auf dem Weg nach Bulgarien. Der Flug sollte nicht allzu lange dauern und nach 10 Tagen intensiver Push-Hand-Erlebnisse in der Schule von Nils Klug freute ich mich auf zu Hause. Für jemanden in meinem Alter (für diejenigen, die es interessiert: ich bin 57) entpuppten sich die physische Anstrengungen des 2. Internationalen Push-Hands-Treffen in Hannover dann doch als ein echtes Abenteuer. Die Organisation durch Nils Klug war perfekt und seinem "Überblick" ist auch der große Erfolg zu verdanken. Jeden Tag kamen neue Teilnehmer an, blieben einige Tage und wurden wieder von anderen abgelöst, die mit der gleichen Begeisterung bei der Sache waren. Insgesamt waren es mehr als 120. Ich war einer der wenigen, die alle Tage gebucht hatten. Am 7. Tag begannen meine linke Schulter und beide Ellbogen zu schmerzen und am Tag darauf wollte ich von Tuishou nichts mehr wissen. Ich wollte nur noch nach Hause oder zumindest dorthin telefonieren und ich konnte nun auch verstehen, warum E.T. das gleiche Bedürfnis empfand, obwohl er (es?) sich ebenso wie ich in einer freundlichen, aber eben fremden Umgebung befand. Der Jet rollte langsam auf die Startbahn und ich begann schon vor mich hin zu dösen, als er plötzlich stoppte. Die Crew begann mit angestrengten Gesichtern hektisch von einem Ende des Flugzeugs zum anderen und wieder zurück zu eilen und Szenen aus allen möglichen Thrillern und Action-Filmen schossen mir durch den Kopf. Dann hörte man die Stimme des Kapitäns, der sich sichtlich Mühe gab, beruhigend zu klingen. Man habe ein kleines Problem mit der Klimaanlage. Das Flugzeug müsste wieder zurück an den Gate. Mit einer Kehrtwende ging es also wieder zurück und die beiden Maschinen wurden gestoppt. Freundlich lächelnde Stewardessen servierten uns Orangensaft. Ich zog meine Taschenuhr hervor sie war weg. Ich hatte sie in dem Umkleideraum in Nils Schule liegen lassen. Ich musste beinahe lachen. Am Morgen zuvor hatte ich amüsiert einen Berg von Rucksäcken, Schlafsäcken, Isomatten und Kleidungsstücken betrachtet - die Teilnehmer hatten sie bei ihrer Abreise am Vorabend einfach vergessen. "Alles verrückte", hatte irgendjemand auf meinen erstaunten Ausruf geantwortet, "die denken eben nur ans Pushen." Jetzt war ich auch einer von diesen Verrückten. Ich musste wieder an die letzte Woche denken. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Die meisten Teilnehmer schliefen in den beiden Übungsräumen auf dem Boden. Am Morgen weckte uns der Duft von Tee und Kaffe, den die Frühaufsteher schon aufgesetzt hatten. Meist waren das ich und noch ein anderer Teilnehmer. Er arbeitete als Altenpfleger ... Am Morgen sah das Treffen drei Stunden Workshops vor, am Nachmittag war die gleiche Zeit für freies Pushen reserviert. Und wem das nicht genügte, der konnte nach dem Abendessen weitermachen. Es nahmen keine Großmeister teil, aber unter den vielen Teilnehmern hoben sich einige durch wirkliches Können ab, sie waren auf ihre Art Meister. Bei den Workshops handelte es sich fast ausschließlich um Praxis-Workshops. Ich versuchte, an so vielen wie möglich teilzunehmen und kein einziges Mal hatte ich das Gefühl, meine Zeit vergeudet zu haben. In Erinnerung blieben mir vor allem der "Schlangenkörper" von Daniel Grolle-Moscovici, die explosive "Nadel im Wattebausch" von Detlef Zimmermann, Wilhelm Mertens starke und dennoch elastische Verwurzelung mit dem Boden, die entspannte Power von Lauren Smith, das Gongfu von Fernarndo Chedel und Eduardo Monteiro, Jan Silberstorffs tiefes Verständnis für den Energiefluss beim Tuishou und die Anwendungsbeispiele von Torben Rif. Ich hatte auch an Detlev Klossows Workshop für Push-Hands-Neulinge teilgenommen und bewunderte seine pädagogischen Fähigkeiten und seine Auffassung des Tuishou. Alle wissen, wovon sie sprechen und wonach sie suchen. Sie besitzen hervorragende Taiji-Fähigkeiten, aber was mich am meisten beeindruckte, war das Geschenk ihrer Unterrichtsweise. In Hannover lernte ich einige der besten Taiji-Lehrer kennen, die mir bis dahin begegnet sind. Sie konzentrierten sich vor allem auf den Unterricht für Anfänger bis zur unteren Mittelklasse (wenn ich diese Kategorie hier einmal so nennen darf), der man wohl die meisten Teilnehmer zuordnen konnte. Während des freien Tuishou am Nachmittag konnten die Erfahrungen vom Morgen direkt erprobt werden und gerade diese Möglichkeit machte das Treffen so wertvoll. Zwei Gala-Abende wurden organisiert, eine am ersten und eine am letzten Samstag. Als kleine Show waren sie angekündigt und hielten mehr als sie versprachen: Daniel Grolle-Moscovici führte mit seinem Schüler Philippe Dominick sein "Schlangenkörper"-Tuishou vor und danach die Cheng Man Ching-Form - mit verschlossenen Augen und je einem Glas Wasser in der Hand. Sein erstaunliches Bewegungsspiel konnte ich bereits beim Tuishou beobachten. Volker Jung und Angela Menzel führten danach eine Sanshou-, Volker anschließend die Liu He Ba Fa-Form vor. Detlef Zimmermann und sein Chinese Boxing Institute zeigten verschiedene chinesische Kampfkünste und Anwendungsbeispiele, Michael Plötz gab eine Vorstellung der "Quick Fist". Gesa Tripplers "Johann Sebastian Bach Plays Taiji" war mehr als nur eine Vorführung. Sie spielte Flöte ("Partita 7a, A-Moll für Flöte solo") und machte Taiji, wobei die Flöte immer wieder mit den Bewegungen zu einer Waffenform verschmolz. Schöner kann man die Verbindung von Taijiquan und Musik kaum zum Ausdruck bringen. Laura Stone zeigte William Chens Kurzform, von der viele sagen, es sei nicht gerade eine schöne Form. Wie dem auch sei, Lauras beinahe schwebende und entspannten Bewegungen (vielleicht mit einem Hauch zu viel "Yin") und ihr wunderschöner chinesischer Seidenanzug verliehen ihr Schönheit. Im starken Kontrast zu Lauras Yang-Stil-Interpretation stand der Alte Yang-Stil aus Yongnian, den Cordyline Bartz vorführte, mit explosiven Sprünge und Fajing-Sequenzen. Seine Vorführung strafte dem Vorwurf lügen, die Yang-Form würde sich nicht zum Kämpfen eignen und bewies die Ehrwürdigkeit dieser Tradition. Karel Koskuba zeigte wie immer routiniert den Alten und den Neuen Chen-Stil. Claudia Patzig und Dieter Kiesewetter liefen parallel die Nördliche und Südliche Wu Stil-Form. Dann kam Lauren Smith. Entspannt, doch mit der Wachsamkeit einer Katze zog er mit nonchalanten und swingenden Schritten nach einem Song von Finley Quaye seine Bagua-Kreise im Raum. Mir gefiel dieses "amerikanische" Bagua sehr und dem tobenden Applaus zufolge war ich nicht der einzige. Voller Humor war der erste Teil der "International Qigong Exercises" von Olaf Gallus, voller Energie der zweite. Torben Rif zeigte zusammen mit seinem Schüler Michael Anderson spektakuläre Anwendungen und Würfe und führte noch eine kurze und kraftvolle Speerform vor. Die Gala endete mit Jan Silberstorffs beeindruckender Vorführung von Chen-Stil Laojia und Xinjia, Magie und Schwert. Der Flugzeugtechniker verließ den Jet mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der seinen Job zu seiner eigenen Zufriedenheit erfüllt hatte. Die Klimaanlage war repariert und die Maschine rollte wieder zum Startplatz. Nach eine Stunde Verzögerung hoben wir ab und ich erreichte in Prag sogar noch meinen Anschlussflug nach Sofia. Auf dem Treffen gab es ebenfalls eine außergewöhnliche Vorführung von einer Gruppe aus Tallin in Estland. Die sechs zeigten eine neuartige innere Kampfkunst und nannten sie auch Taiji. Allerdings gibt es keine Form im bekannten Sinne und die Übungsmethoden unterscheiden sich auch von den im Taiji sonst üblichen. Das Haupttraining besteht aus Partnerübungen, ähnlich denen des Tui Shou, sie üben aber auch Schwert und Stock und anderen Geräten und vor allem mit einem metallenen Ring. Ihre Kampfkunst beruht auf verschiedenen inneren Künsten und stammt vornehmlich von Gao Zhuanfei, einem Schüler von Wang Peisheng. Pawel Frolow und Oleg Michailow leben beide in Tallin, haben diese Methoden miteinander verbunden und eine eigene Schule eröffnet. Mit ihrer Methode wollen sie vor allem das Reaktionsvermögen und die Umsetzung der Kraft verfeinern. Ich will mir noch kein endgültiges Urteil über die Kunst dieser sympathischen Esten erlauben. Manchmal schienen sie mir allzu gesprächig und diskutierten über Energien und Traditionen, indem sie diese miteinander verglichen und bewerteten (ihrer Meinung nach steht die Energie der Sufis an höchster Stelle). Als ich ihnen so zuhörte, kamen sie mir vor wie Kinder, die sich ganz sicher sind, welches Auto das schnellste ist nämlich das von Papa. Aber wer mit ihnen trainierte, zeigte sich von ihrer Arbeit angetan. Als ich über Osteuropa flog und an die Esten dachte, schweiften meine Gedanken ab. Die Tatsache, dass Menschen aus Estland (oder wie ich aus Bulgarien) an diesem Treffen teilnahmen, stimmt mich zuversichtlich, dass die europäische Taiji-Gemeinde die Teilung Europas überwinden kann. Denn sie existiert immer noch, nicht mehr politisch aber wirtschaftlich. Die Taijiquan and Qigong Federation of Europe (TQFE) ging einen ersten Schritt in diese Richtung, indem sie die schwierige Situation von "Taijisten" aus Osteuropa aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse berücksichtigte und diesen bei den europäischen Veranstaltungen (das Europäische Forum für Taijiquan und Qigong und die Europäischen Meisterschaften) Sonderkonditionen gewährt. Nun konnten wir die "Grenze überschreiten" und heute sind viele osteuropäische Verbände Mitglied in der TQFE, die so zu einer echten europäischen Organisation wurde. Ohne die Weitsicht der Verantwortlichen in der TQFE wäre dies kaum möglich gewesen. Ein Austausch zwischen den Schulen in Ost und West ist so keine Seltenheit mehr. Einige meiner Schüler aus Sofia nahmen an den Europäischen Foren in Ungarn und in Tschechien teil. Zwei Mal hatten wir in den letzten beiden Jahren die Gelegenheit, Cornelia Grubers Schule in der Schweiz zu besuchen und enge Bande geknüpft. Viele neue Freunde im Westen kamen hinzu und das Gefühl des Isoliertseins gehört der Vergangenheit an. Und ich freue mich, dass das 5. Europäische Forum für Taijiquan und Qigong vom 6. bis 13. Juli 2003 in Bulgarien stattfindet. Die Stewardess fragte, was wir trinken wollten natürlich Bier! In Gedanken war ich wieder in Hannover und saß mit Cornelia, Helmut, Tjeerd, Renate, Britta, Cordyline und anderen alten und neuen Freunden im "Horn", eine Kneipe keine 200m von Nils Schule entfernt. Ich bestellte ein Weißbier und wir unterhielten uns bis spät in die Nacht. Die Bedienung sprach perfekt Englisch und setzte sich zu uns, einen kleinen Scherz auf den Lippen. Ich fühlte mich wie zu Hause. Der Jet flog in einem weiten Bogen über Bulgarien hinweg. Die Sonne schien und ich konnte die schönen Bergkämme im Südwesten erkennen. Dort wird, inmitten von Kiefernwäldern in 1300m Höhe, das "bulgarische" Euro-Forum stattfinden. Fern ab der Städte und mit allen Annehmlichkeiten die die älteste Bergtourismusregion des Landes zu bieten hat. Ich hoffe dort alle meine Freund wieder zu sehen und neue kennen zu lernen. Bis bald in Borowetz. Georgi Denichim Sofia, 8. März 2002 Inhaltsverzeichnis |
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