Heft 6, 4/2001

Das Wesentliche lernen

Taijiquan jenseits von Stilzuordnungen.
Von Georges Saby

Innerhalb der europäischen Taiji-Szene gibt es immer wieder Abgrenzungen und Auseinandersetzungen darüber, wer das »authentischste« Taijiquan macht, ob die eine Richtung beispielsweise noch als Yang-Stil bezeichnet werden kann oder die andere überhaupt noch als Taijiquan. Georges Saby hat im Laufe von 25 Jahren mit einer ganzen Reihe von Taijiquan-, Baguazhang- und Qigong-Lehrern trainiert und sich in verschiedene Stile und Formen vertieft. Durch die unterschiedlichen Ansätze ist er den Prinzipien des Taijiquan näher gekommen. Daher empfiehlt er, sich nicht an äußeren Varianten festzuhalten, sondern bei verschiedenen Lehrern nach dem eigentlichen Kern dieser Kunst zu suchen. Am Beispiel der »Einfachen Peitsche« stellt er das Prinzip der knallenden Kraft und verschiedene Stil-Interpretationen vor. Er verweist außerdem auf die heilende Wirkung, die mit dieser Figur erzielt werden kann.

Alle inneren chinesischen Künste zeichnen sich durch eine sich entwickelnde Tradition aus. Die existierenden Stile als Stützen der Anwendung sollten die Übenden nicht in ein geschlossenes Register unterteilen. Wenn man das Taijiquan von unterschiedlichen Meistern vergleicht, stellt sich heraus, dass die verschiedenen Interpretationen derselben Bewegung tatsächlich mit der Formenlehre und der eigenen Psychologie eines jeden Meisters korrespondieren. Übende sollten daher nicht exakt das Taijiquan ihres Lehrers imitieren, sondern ihr eigenes Taijiquan finden. Es scheint so, als sollte man mehr der Arbeit an den Prinzipien als der an der Technik den Vorzug geben, so wie es früher üblich war.

Die Stammbäume des Taijiquan zeigen meist Lernbeziehungen von mehreren Meistern zu einem Schüler. Jeder Übende mit gutem Niveau hat mehrere Lehrer gehabt, es gibt selten gute Übende, die nur einen Lehrer hatten. In traditionellen chinesischen Schulen nannten sich die Trainingspartner "Brüder”; sie lernten mit den "großen Brüdern”, den Lehrern, mit dem Meister, "dem Vater”, oder mit dem Großmeister, "dem Großvater”. Wenn man die Schule wechselte, war ein Empfehlungsschreiben nützlich, um akzeptiert zu werden, denn es zeigte, dass der erste Lehrmeister zufrieden mit einem war. Es war hinderlich, ohne Empfehlungsschreiben zu kommen, und da jeder Meister die Bewegungen änderte, um sein "Markenzeichen” zu hinterlassen, wusste man sowieso schnell, woher jemand kam ...

Heutzutage wird es in Europa nicht gut aufgenommen, wenn man die Schule wechselt. Der Lehrer, den man verlässt, kann gekränkt sein, derjenige, der einen aufnimmt, kann misstrauisch sein. Trotzdem: Lernen Sie in mehreren Schulen, bei mehreren Meistern! Wenn Ihr Herz offen ist, werden Sie auch offenherzige Lehrer treffen, die Ihnen alles beibringen. Und mit der Haltung, Studium, Schule und Lehrer zu wechseln, lernt man schneller. Durch das Üben eines kleinen Stücks stellt man die Gesamtheit wieder her, während man immer besser den Kern der Disziplin, die Prinzipien meistert.

Nachdem Mitglieder unserer Schule Union Art Taijiquan in ein paar Yang-Stil-, dann Chen-Stil-, dann Wu-Stil-Schulen gelernt haben, denken wir nicht mehr, dass Taijiquan eine Form, ein Stil war oder dass es immer langsam sein sollte. Taijiquan ist eine Disziplin, die auf Prinzipien beruht, die allen Stilen gemeinsam sind. Die meisten sind in dem Traktat des ehrwürdigen Wang Zongyue vorgestellt. Ohne Formen und Stile abzulehnen denken wir, dass sich Taijiquan aus den Prinzipien entwickeln sollte, so wie es für die meisten chinesischen Künste im 19. Jahrhundert der Fall war. Tatsächlich interessierte man sich viel weniger für Einzelheiten in den Formen und viel mehr für die Prinzipien und die Wirksamkeit, sowohl auf der Kampf- als auch auf der Gesundheitsebene.

Es ist interessanter, einer bereits richtigen Praxis Prinzipien hinzuzufügen, ohne den Stil oder die Form zu ändern, als wieder eine neue Folge zu lernen. Neue Prinzipien zu erlernen ist höchst entwicklungsfördernd, auf der technischen wie auf der menschlichen Ebene.

 

Cover Heft 6

Autor
Georges Saby ist technischer Direktor von Union ART Taijiquan; er war Privatschüler von Erle Montaigue, hat mit Yang Zenduo studiert und praktiziert auch den Chen-Stil von Wang Xian, den Wu-Stil, das Daoyin Qigong und zwei Bagua-Stile. Er hat viele Schulen besucht und im Laufe von 20 Jahren viele verschiedene Lehrer in seine eigene Schule eingeladen. Er ist seit 25 Jahren überall auf der Suche, um ein Maximum an Prinzipien zu integrieren und in nahezu wissenschaftlichen Vorgehensweise auf die Probe zu stellen, was die Lehrer ihm weitergegeben haben. Er entwickelte eine Fernlehrmethode mit Videokassetten (auf französisch).

Ein Prinzip in verschiedenen Ausführungen

Als Beispiel soll hier das Prinzip der knallenden Kraft in der Arbeit an der Bewegung "Einfache Peitsche” dienen. Ich möchte zuerst einmal daran erinnern, dass die Namen der Bewegungen eine große Bedeutung in der traditionellen Überlieferung hatten. Sie waren tatsächlich eines der Mittel, um die Botschaft des Prinzips von Generation zu Generation intakt zu halten. Die anderen ergänzenden Informationen könnten der Gesang – die Übenden sangen in Gruppen poetische und theoretische Texte während des Trainings – und die theoretischen Texte gewesen sein, die per Manuskript vom Meister an die Schüler weitergegeben wurden.

Der Name "Einfache Peitsche” suggeriert das Ausstoßen der Kraft aus einem weichen Bestandteil. Wenn Sie eine Peitsche handhaben und den Riemen durch den Raum lenken, dann beenden Sie die Bewegung mit einem kurzen, schnellen Zurückziehen des Griffs. Die Kraftwelle pflanzt sich im Leder fort und explodiert mit Beschleunigung an der Extremität. Dies ist sehr mächtig mit wenig Kraftaufwand.

Man kann den Körper benutzen, um eine knallende Kraft wie eine Peitsche hervorzubringen. Dazu ist es nötig biegsam zu sein wie ein Riemen und den Peitschenstiel im letzten Moment zurückzuziehen, um die Energiewelle zu beschleunigen bis zum Aufschlagpunkt. Biegsam wird man durch fließendes Üben einer Taijiquan Form, und dadurch, dass man im täglichen Leben einfach und aufrichtig ist.

Die Fotos zeigen verschiedene Möglichkeiten, den "Peitschenstiel” zu bewegen.

Wenn das Prinzip ”einfache Peitsche” in der Tiefe integriert ist, kann man es in allen Taijiquan-Bewegungen anwenden und auch in manchen Bewegungen der doppelten Peitsche praktizieren.

Die kämpferische Umsetzung der Bewegung wird unterschiedlich aufgefasst. Die Endposition der einfachen Peitsche ist selbst nicht sehr wirksam auf der Kampfebene. Man hat nie gesehen, dass ein Kämpfer sie in der Realität benutzt hätte. Obgleich sie erlaubt, das Prinzip der knallenden Kraft zu entdecken, ist diese Haltung nicht ideal zum Kämpfen, denn sie ist zu offen an der Brust und der Haken an der hinteren Hand gleicht einer unbeweglichen Waffe. Meister Kenji Tokitsu (Karate, Yiquan) hat die These aufgestellt, dass die Taijiquan-Formen reale Waffen enthalten als Dekoration, wie man ein Schwert oder einen Dolch an der Wand aufhängt ... Man muss nur noch lernen, wie man sie benutzt!
Tatsächlich kann der Haken der hinteren Hand nach der Lehre von Yang Shaohou oder Yang Luchan auf mehrere Weise benutzt werden. Es scheint allgemein so zu sein, dass im Yang-Stil die offene Handfläche die Kehle flach, direkt auf der Stimmritze attackiert oder auf der Brust, wenn man nicht töten oder verletzen will. Bei manchen Meistern des Wu-Stils sticht die Spitze der Finger in die Furche der Halsschlagader auf den Akupunkturpunkt Shu Yang Ming 9, Magenmeridian 9. Gemäß der Prinzipien des Tien-Hsueh, dem Wissen um das Schlagen der Vitalpunkte mit den Fingern, das allen asiatischen Kampfkünsten gemeinsam ist, ist die Konsequenz ein einseitiger niedriger Blutdruck im Gehirn, der eine Ohnmacht nach sich ziehen kann. Ich überlasse den Chen-Stil-Meistern das Wort, um ihre Ansicht ergänzend und bereichernd zu äußern.



Dieser klassische Vers birgt weitere Informationen über die einfache Peitsche zur eigenen Interpretation:
"Der Geist kommandiert
Das Qi ist eine Fahne
Die Taille ist der Stiel.”

Yang Lu Chan zugeschrieben
Zitat aus dem Traktat von Yang Chengfu über Taijiquan von 1931


Chen-Stil


Wu-Stil


Yang-Stil nach Yang Lu Chan


Yang-Stil nach Yang Chen Fu

Medizinische Aspekte der Einfachen Peitsche

Die Taijiquan-Bewegungen, die der Haltung der einfachen Peitsche vorausgehen und nachfolgen sind sich ähnlich im Yang-, Chen- und Wu-Stil. Sie bieten die Möglichkeit, auf dem Akupunkturmeridian Shu Tai Yin zu arbeiten, der mit der Lunge in Verbindung steht. Man kann diese Bewegungen benutzen, um zu kräftigen oder zu zerstreuen. Ein medizinisches Taijiquan-Programm wurde uns von Stuart le Marseny und Erle Montaigue überliefert, zwei Australiern, die es aus der geheimen Tradition der Familie Yang bekommen haben. Zusammen mit Pierre Noitaki habe ich mehrere Jahre daran gearbeitet, dieses Wissen zu prüfen und eine Diagnose- und Behandlungsmethode mit Taiji-Qigong zu entwickeln, die auf die großen physiologischen Funktionen, die zwölf Hauptmeridiane und die acht Sondermeridiane einwirkt. Diese Methode ist nicht dazu bestimmt, die medizinische Behandlung von schweren Krankheiten zu ersetzen, eignet sich aber als ergänzende Maßnahme.
Die Wirkungen auf die Meridiane sind einfach festzustellen durch Pulsdiagnose vor und nach dem Üben. Je nach gewählter Konzentration und Atmungsmethode verändert sich der Puls Richtung Yin oder Yang. Die Wirkung hält ein paar Stunden an. Deswegen soll man mehrmals pro Tag üben, um in kurzer Zeit einen anhaltenden Effekt zu erzielen. Man kann außerdem direkt die Organe behandeln. Die Wirkung auf die Meridiane oder Organe beruht auf Zirkulation, Beschleunigung, Akkumulation oder Veränderung des lokalen Qi.

Fortgeschrittene Taijiquan- und Qigong-Übende können die Endposition der Einfachen Peitsche benutzen, um Gelenkprobleme zu behandeln. Hierfür ist die Stil-Variante egal, wenn sie gemäß der Achsen richtig gehalten wird. Man nimmt die Haltung auf der rechten und der linken Seite dreimal täglich fünf Minuten lang ein. Für ein gutes Gelingen ist es unerlässlich geschmeidig zu üben, mit dem Körper, dem Herzen und dem Geist. Manche Verletzungen der Fußgelenke und Knie können nicht mit dieser Methode behandeln werden und sie entbindet einen nie davon, in ernsten Fällen einen Arzt aufzusuchen. Jede Haltung oder Bewegung zur Selbstheilung soll nach einer genauen Diagnostik und in Absprache mit einem Arzt geübt werden. Der Übende sollte wissen, unter welchen Bedingungen sie wie ausgeführt werden müssen, um eine Yin- oder Yang-, Metall- oder Feuer-Wirkung zu erlangen.

Union Art Taijiquan ist eine traditionelle Schule, aber ihr Aufbau ist nicht "klassisch”. Er entspricht dem Konzept des gegenseitigen Austauschs. Es ist in erster Linie eine Mannschaft, es gibt mehrere Anleiter in unserer Gruppe. Die Summe ihrer Fähigkeiten bildet ihre Kraft. Einer von ihnen, der Pädagogiklehrer Herbert Lemée, hat sie an diese Art der Gruppenarbeit herangeführt. Das hat ihnen erlaubt, ausgehend von der Beziehung Lehrer – Schüler, verschiedene Strategien und bessere Leistungen bei der Übermittlung von Informationen zu entwickeln.
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