Heft 5, 3/2001
Im Taijiquan verkörpert sich die daoistische Lehre
Taijiquan als das der Gesellschaft am besten angepasste Produkt des Daoismus.
Von Liu Sichuan
Taijiquan gründet sich auf daoistischen Vorstellungen, und zwar nicht nur in einem allgemeinen Sinn, sondern ganz konkret auf allen Ebenen der Übungspraxis. Liu Sichuan, der während seiner Lehrzeit als daoistischer Mönch im Wudang-Gebirge Taijiquan lernte und es zu seinem Spezialgebiet machte, beschreibt den Wert von Taijiquan in unserer heutigen Zeit. Darüber hinaus geht er auf seine Entstehungsgeschichte im Kontext daoistischer Weltanschauung ein und kommt zu dem Schluss, dass Taijiquan als Methode der daoistischen inneren Alchimie betrachtet werden kann und gleichzeitig eine hervorragende Möglichkeit darstellt, die Grundsätze des Daoismus einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Taijiquan bedient sich der Methoden und Regeln der traditionellen daoistischen Philosophie, der Yin/Yang-Lehre, der Lehre von den fünf Wandlungsphasen (Wuxing) und der acht Trigramme (Bagua) und nimmt die inneren und äußeren Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Bewegungen auf. Dadurch wurde Taijiquan eine hervorragende Kampfkunst, in der die Härte und die Weichheit, die Aktivität und die Ruhe miteinander verschmelzen und sich wechselseitig ergänzen.
Taijiquan ist sowohl für die Selbstverteidigung als auch für die körperliche Ertüchtigung, das Gesundheitstraining sehr gut geeignet. Heute ist Taijiquan als eine bestimmte Bewegungskultur mit östlichen Besonderheiten in allen Ecken der Welt bekannt und verbreitet. Die gehaltvolle Taijiquan-Kultur umfasst die wesentlichen Gesetzmäßigkeiten aller Dinge, die Prinzipien der Philosophie und der zwischenmenschlichen Verhaltensweisen. Ferner kann sie die Ästhetik der menschlichen Bewegung und der Kampfkunst prägen. Wir können diesen reichen und tiefgründigen kulturellen Inhalt des Taijiquan unendlich genießen.
So wie wir heute mit dem Alltagsrhythmus in der industriellen Zivilisation leben, brauchen wir Taijiquan als Regulator um Leib und Seele zu stützen. Sowohl viele chronische Beschwerden oder Berufskrankheiten als auch die Angstgefühle und Glaubenskrisen, die unsere moderne Welt mit sich bringt, können wir durch das Üben von Taijiquan sehr gut behandeln, ihnen vorbeugen oder uns von ihnen befreien oder zumindest Hilfe bekommen. Taijiquan selbst ist eine Medizin ohne Arzneimittel und Nebenwirkungen für die menschliche Gesundheit. Mit einem stabilen Körper werden wir dem sehr hitzigen Alltag gewachsen sein und gesund und lange leben, um die Harmonie auf der Erde und ein glückliches Leben zu genießen. Dies entspricht der Lehrmeinung des Daoismus, der das Leben sehr wertschätzt und ein langes Leben anstrebt.
Viele daoistische Grundsätze wie »Die Weltordnung (im Sinne von Frieden) wird durch Klarheit und Ruhe (gemeint auch: Reduzierung der persönlichen Begierden) geschaffen«, »Das Schwache und das Weiche besiegen das Harte und die Stärke« oder »Die Reaktion (Gegenbewegung) ist selbst die Bewegung des Dao« können wir in den typischen Bewegungen und Körperhaltungen des Taijiquan wieder erkennen. Die daoistischen Lehrmeinungen spiegeln sich in den Bewegungsprinzipien des Taijiquan. Daoismus und Taijiquan haben in Inhalt und Form die gleiche Quelle, so dass die Verbreitung des Taijiquan auch die Verbreitung des Daoismus bedeuten kann. Es ist ein Erfolg versprechender Weg für den Daoismus, sich an die Gesellschaft anzupassen.
»Gesundheit ist nicht alles. Aber ohne Gesundheit hast du gar nichts.«
Die Schnelligkeit unseres Lebensrhythmus, die harte Konkurrenz im Geschäft, die Anstrengung im Beruf und die enorme Informationsflut belasten unsere Seele, so dass wir psychisch sehr gestresst sind und das innere Gleichgewicht stark gestört wird. Taijiquan kann unsere Psyche entspannen, unser Gleichgewicht regulieren. Anstrengende und einseitige Arbeitsweisen und die Bildschirmarbeit stören das körperliche und seelische Gleichgewicht des Menschen durch Bewegungsmangel und Stressbelastung. Diese Störung des Gleichgewichts zeigt sich in einem Zustand, den wir Chinesen als »oben voll, unten leer« (= rastloser Kopf und Unsicherheit durch fehlenden Bodenkontakt, Orientierungslosigkeit) bezeichnen. Gerade hier brauchen wir Taijiquan sehr, um die Gesundheit wieder herzustellen.
Taijiquan veranschaulicht die daoistische Kultur
Taijiquan ist eng mit dem klassischen Daoismus und der daoistischen Religion (Dao Jiao) verbunden. Zuerst stammt der Name »Taiji« aus dem Kapital »Da Zong Shi« (»Der große ehrwürdige Meister«, 6. Kapitel des inneren Abschnitts) in »Zhuangzi«. Im späteren Klassiker »Xici« (»Das systematische Werk«) wurden der philosophische Inhalt und der Fachausdruck der daoistischen Lehre zur Übersetzung und Interpretation des »Yijing« (I Ging - Buch der Wandlungen) benutzt, wobei der Ausdruck »Taiji« im Sinne von kosmischem Urzustand zur Erklärung des Ausdrucks »Yi« (Wandlung) eingesetzt wird (Anhang von Kongzi Kapitel 11, 5. Absatz).
Einige Berühmtheiten der späteren daoistischen Religion (Dao Jiao) wie Zuo Xian Weng und He Gong haben sich »Taiji Xianweng« (der Taiji-Unsterbliche) beziehungsweise »Taiji Zhenren« (der Taiji-Erhabene) genannt. Das legendäre »Taiji Tu« oder »Neijing Tu« (das Bild der menschlichen Anatomie nach daoistischen Vorstellungen) soll von dem berühmten daoistischen Einsiedler Chen Zhuan aus der Epoche der fünf Dynastien (907 - 960) stammen. Er hat die Lehre der daoistischen Alchimie und der inneren Taiji-Übungen vorangetrieben und an die Nachwelt weitergegeben. Auf dieser Basis entstand allmählich das Lixue (theoretische Wissenschaft) in der Song-Dynastie (960 - 1279). Der hohe daoistische Priester Zhang Sanfeng hat die Lehre des Taijidao mit der Lehre der daoistischen Alchimie, der Biomechanik und der chinesischen Medizin zusammengefasst und unter Heranziehung von Erfahrungen der Altvorderen »Die dreizehn Taiji-Bewegungen« (»Taiji Shisan Shi«) verfasst. Er hat auf diese Weise das System der Taiji-Alchimie zusammengefasst und die unerschütterliche Grundlage des Taijiquan geschaffen.
Ferner ähnelt vieles in der Formlehre des Taijiquan der Gehübung der daoistischen Religion, die nach der Sternkonstellation im Himmel konzipiert ist. Die spezielle Gangart »Yubu« (Schritt des Königs Yu) in dieser daoistischen Übung kann die Urform der Schritte von Baguazhang und des »Mühlsteinschrittes« (gemeint ist das Vorwärtsschreiten) des Taijiquan sein.
Die elementarste Bewegung der dreizehn Taiji-Bewegungen »Peng« ähnelt der häufigen Haltung eines daoistischen Priesters, wenn er beidhändig den Zeremonienstab vor dem Körper hält. Dabei muss er ähnlich wie beim Taijiquan das eigene Yuanqi (ursprüngliches Qi) umarmen und geistig dort halten. In der Selbstverteidigung ermöglicht diese Haltung Veränderungen in Richtung Abwehr als auch Angriff. Auch innerlich (psychisch) können diese Wandlungen nachgeahmt werden und bei hohem Niveau der körperlichen und geistigen Fertigkeiten können sie in der Imagination und in der inneren Yangsheng-Übung sogar sichtbar (spürbar) werden. Man kann in manchen Handlungen daoistischer Zeremonien Ähnlichkeiten mit anderen Taiji-Figuren wie »Der weiße Kranich breitet die Flügel aus« oder »Das Spiel an der Laute« finden. Bei einigen Taiji-Bewegungen können wir diese alten Haltungen und Bewegungen zumindest rudimentär erkennen.
Wenn wir jetzt weitergehen würden, den Geist (Shen, Bewusstsein) mit dem Herz (Xin, Intuition) zu vereinigen, die Bewegungen durch das innere Qi leiten zu lassen und auf natürliche Weise autonom auszuführen, könnten wir den formlosen (wörtlich: angeborenen) Faustkampf (»Xian Tian Quan«) erreichen.
Die wichtigsten theoretischen Abhandlungen über Taijiquan erklären die gesundheitsfördernden Wirkungen und die charakterschulenden Möglichkeiten des Taijiquan häufig mit den Lehrmeinungen des Daoismus beziehungsweise mit Aussagen von Zhuangzi. An erster Stelle geht es dabei um die Wertschätzung des Lebens und darum, das Dao, das Gesetz des Universums, und die Tugenden zu beachten.
Auch die Erklärungen für die Anwendung des Taijiquan als Kunst der Selbstverteidigung »Das Schwache und das Weiche besiegen das Harte und die Stärke«, »Vier Unzen bewegen tausend Pfund« beziehen sich auf daoistische Lehrsätze wie »Die Sanftheit ist der Härte überlegen« und »Die Ruhe unterbindet die Aktion«. Im Daodejing von Laozi steht: »Das Weichste unter dem Himmel beherrscht das Härteste unter dem Himmel.« Im »Suojian« (»Abhandlung über das Schwert«) von Zhuangzi steht: »Zuerst sollten wir eine scheinbare Schwäche von uns zeigen, um den Angriff des Gegners zu provozieren. Dann nutzen wir die Verteidigungslücke des Gegners, um mit einem Gegenangriff, den wir später starten, als Sieger den Gegner zum Beenden zu zwingen.«
Im »Taijiquan Jing« (Klassiker des Taijiquan) wurden viele Prinzipien des Taijiquan dargelegt wie »Wenn das Weiche und das Sanfte den Gipfel erreichen, wandeln sie sich in maximale Härte und Stärke«, »Wenn eine Sache (zu) stark wird, wird sie unbrauchbar« und »Nicht zu viel und nicht zu wenig, so (kann man) zu jeder Zeit beugen und strecken«. Für alle Charakteristika des Taijiquan - Mitte, Ausgewogenheit (wörtlich Zheng: ordentlich, richtig), Lockerheit, Weichheit, Rundheit, Lebendigkeit, Gleichmäßigkeit, Gewandtheit und so weiter können wir passende Analogien oder zutreffende Erklärungen in daoistischen Lehren finden.
Taijiquan kann als eine Methode der daoistischen inneren Alchimie betrachtet werden. Denn es besitzt die gleichen Übungsprinzipien und oft die gleichen Vorgehensweisen wie die daoistischen Methoden. Nur im Ziel und in der Einteilung der Entwicklungsstufen können gewisse Unterschiede festgestellt werden. Als eine Verteidigungskunst legt Taijiquan großen Wert darauf, den Gegner zu besiegen, Yi (Bewusstsein) und Kraft (Li) werden nach außen geführt und in den vier Gliedern wirksam. Die Methoden der daoistischen inneren Alchimie, die unter anderem Unsterblichkeit und Erleuchtung anstreben, betonen dagegen die inneren Prozesse und das Sublimieren (die Veredelung) des eigenen Qi und des eigenen Jing (Essenz). Ziel ist es, die innere goldene Pille (Jindan) herzustellen, um neu geboren und unsterblich zu werden.
Deswegen werden einige daoistische Persönlichkeiten wie Xu Xianping und Li Daozi erwähnt, wenn über die Herkunft des Taijiquan gesprochen wird. Es werden viele Aussagen der daoistischen Lehren wie »Klarheit, Stille und Nichthandeln« (Qing, Jing und Wuwei) zitiert, wenn über die Theorie des Taijiquan diskutiert wird. Selbst in der Beschreibung der Bewegungsweise, der Körperhaltung oder einzelner Figuren des Taijiquan werden immer und ewig Charakterisierungen des Daoismus herangezogen wie »Die edelste Güte ist wie Wasser« (Shangshan Ruoshui) und »Das Wasser ist nützlich für alle Dinge, es wetteifert aber nicht (mit den anderen)« (Shuili Wanwu Er Buzheng).
Kurzum, sobald Taijiquan erwähnt wird, denkt man unweigerlich an Daoismus. Daoistische Lehre und Taijiquan sind untrennbare Blutsverwandte. Daher sagen wir, dass Taijiquan die Veranschaulichung der daoistischen Kultur ist.
Taijiquan umfasst weitreichende Kenntnisse und tiefgründige Ideen. Es verschmilzt Gesundheitsförderung, Selbstverteidigung und die Ästhetik der darstellenden Kunst und bildet einen eigenen Weg der Schatzkammer der traditionellen Kampfkunst. Aus der uralten daoistischen Lehre wurde eine neue frische Taijiquan-Lehre herausgebildet. Wir können Taijiquan als eigene Wissenschaft betrachten und zugleich als ein Buch, das man unendlich schreiben kann.
Da die heutigen Praktiker und Theoretiker des Daoismus meinen, dass die Lehre nicht mit Worten vermittelt werden kann und die Idee »sanft sein und nicht kämpfen« vertreten, wird das daoistische Taijiquan oft missverstanden. So ergab sich ungewollt eine irrtümliche Übertragung und diese Farce wird sogar sehr eifrig weiter gepflegt. Ernsthafte Vertreter des Daoismus würden sich nicht wichtigtuerisch selbst als Erfinder oder Begründer des Taijiquan nennen. Sie verehren die eigenen Weisen und Meister der früheren Generationen, halten sich gewissenhaft an das Motto der tugendhaften Bescheidenheit »nicht als erster in der Welt zu sein«. Selbst diejenigen, die in diesem Gebiet gewisse Errungenschaften erzielt haben, würden nur sachlich über die Lehre und die Prinzipien diskutieren und nicht auf ihre Verdienste pochen. Aber die Geschichte und die Realität bezeugen Taijiquan als ein Produkt der traditionellen daoistischen Übungen zur gesunden Lebensführung (Yangsheng). Auch wenn Taijiquan kein Monopol des Daoismus ist, die Blutsverwandtschaft zwischen Taijiquan und Daoismus kann man nicht übersehen.
Wir beobachten nun, dass viele Meister die Urquelle suchen und an die Wurzel zurückkehren, dass zahlreiche Lernende zu den Meistern in abgelegene Gegenden reisen und dass Menschen aus dem Westen in den heiligen Stätten der Religionen Rat holen.
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Der Autor:
Liu Sichuan
wurde im Wudangshan als daoistischer Mönch ausgebildet und lernte dort das traditionelle Wudang-Taijiquan, das er zu einem Schwerpunkt seiner Praxis machte. Nach einigen Jahren im Louguantai-Tempel in der Nähe von Xian lebt er jetzt im Tempel der weißen Wolke in Beijing.
Übersetzung von Foen Tjoeng Lie
Weitere Ausführungen zu diesem Thema auf Chinesisch finden sich im Buch desselben Autors: »Taijiquan des Zhang Sanfeng aus Wudang« (»Wudang Sanfeng Taijiquan«)
Yu
ist der legendäre König und Gründer der Xia-Dynastie (etwa 21. - 16. Jh. v. u. Z.), der die Bekämpfung des Hochwassers entlang des Gelben Flusses erfolgreich geleitet hat.
indan
wird in der daoistischen Alchimie als Unsterblichkeit versprechendes Elixier betrachtet. Außerhalb des Körpers wird Jindan durch Verschmelzen und Legieren von goldenen Gesteinen bzw. Erzen hergestellt, innerhalb des Körpers durch verschiedene Übungen.
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