Heft 4, 2/2001

Diskussion

Taijiquan und Qigong - zwei ungleiche Brüder?

Von Jürg Wiesendanger aus der Schweiz erhielten wir einen Brief, in dem er auf sehr unterschiedliche Auffassungen darüber hinweist, wie eng Qigong und Taijiquan miteinander verbunden sind oder sein sollten. Da nicht nur er daran interessiert ist, was andere Taijiquan- und Qigong-Praktizierende dazu denken, veröffentlichen wir die wesentlichen Passagen seines Briefes als Anregung zu einer Diskussion über dieses Thema.

In Europa erlebe ich eine zunehmende Vereinnahmung des Taijiquan durch Qigong. So habe ich neulich eine Taijiquan-Lehrerin kennen gelernt, die sich resolut auf den Standpunkt stellte, dass Taijiquan-Lehrkräfte zwingend einen breiten Rucksack im Bereich Qigong mitbringen müssten, ansonsten nicht kompetent unterrichten könnten. Sie meinte, Qigong sei schon immer wichtiger Bestandteil des Taijiquan gewesen.
Solche Meinungen gehen heute schon so weit, dass bei der Vorbereitung zur Gründung des "Schweizerischen Berufsverbandes für Qigong und Taijiquan" im vergangenen Dezember die Forderung fiel, man solle das Taijiquan im Namen weglassen, denn Taijiquan sei ja nur eine "Unterart" des Qigong. Dies verkennt meiner Ansicht nach völlig die Entstehungsgeschichte des Taijiquan (auch wenn diese Entstehungsgeschichte mangels schriftlicher Quellen in weiten Teilen Fragezeichen aufwirft). Gesichert dürfte sein, dass immer wieder ausgezeichnete Kämpfer das Taijiquan geprägt haben, beispielsweise Chen Wangting oder Yang Luchan. Letzterer hat als Kämpfer einen geradezu legendären Ruf begründet und selbst Fu Zhongwen hat mir 1993 noch gesagt, dass er auf seinen Missionen mit Yang Chengfu vielerorts zum Kampf herausgefordert worden sei.
Deshalb würden mich die Ansicht oder verschiedene Ansichten (vielleicht gibt es ja auch gesicherte Erkenntnisse?!) zum Thema "Taijiquan und Qigong - zwei ungleiche Brüder?" sehr interessieren. In China gibt es ja ebenfalls Bestrebungen Taijiquan und Qigong zusammenzubringen, zum Beispiel durch die Taiji-Yi-Qigong-Übungen.
Auch ich mache mit meinen Schülern Qigong-Übungen als Vorbereitung auf den Taijiquan-Unterricht. Ich vertrete aber die Auffassung (oder zumindest die Vermutung), dass Taijiquan und Qigong trotz allem nicht über einen Kamm geschoren werden dürfen, weil sie unterschiedliche Geschichten und damit nicht identische Wurzeln haben. Ich persönlich glaube nicht, dass Taijiquan von Beginn weg mit Qigong einherging, auch wenn die Erfinder Atem- und Meditationsübungen gemacht haben; das sagt man schließlich auch den Shaolin-Mönchen nach.
Es dürfte nicht von ungefähr kommen, dass in China die Bestrebungen dahin gehen, zukünftig bei Wettkämpfen nicht mehr nur zwei Disziplinen (Faust- und Schwertform) zu fordern, sondern vermehrt auch Tuishou (bis hin zum Obligatorium). Damit sollen unter anderem die Wurzeln des Taijiquan wieder in den Vordergrund gerückt werden. Es war und ist eine Kampfkunst, auch wenn erst die Reformation des Taijiquan zu Anfang des 20. Jahrhunderts - und damit wohl ein Stück weit der Bruch mit der Idee der Kampfkunst - den Grundstein zum weltweiten Erfolg legte. Fu Zhongwen sagte im besagten Jahre 1993 aber auch: Nur wer noch weiß, wozu die Bewegungen dien(t)en, kann die Form korrekt ausführen.
Sie sehen damit, zu welcher Seite ich hinneige. Dabei geht es mir nicht darum, dass ich mit Qigong nichts anfangen könnte. Aber ich denke, wir müssen trotz allem das eine vom andern unterscheiden, um beiden bei den Anforderungen an den Unterricht, an die Lehrkräfte, die Art der Vermittlung etc. gerecht zu werden. Ich bin der Überzeugung, dass ich Taijiquan - überspitzt ausgedrückt - ohne genaue Kenntnisse der Meridianlehre und der Windatmung vermitteln kann. Ich erachte allerdings Qigong als gute Ergänzung für den Taijiquan-Unterricht (aber eben nicht als zwingend).
Was meinen Sie dazu? Würde mich freuen, von Euch zu hören.

Jürg Wiesendanger
Wushu Akademie Schweiz
Fon +41/62/724 05 05 (Fax -06)
jwiesendanger@wushu-akademie.ch
www.wushu-akademie.ch



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