Heft 4, 2/2001

First World Taijiquan & Health Conference

22. - 26. März 2001 in Sanya, Hainan (VR China)

Auf der südchinesichen Insel Hainan fand im März die erste »Taiji-Weltkonferenz« statt. Veranstaltet wurde sie von der Chinesischen Wushu
Association. Urs Krebs war einer der wenigen Europäer, die daran teilnahmen.

Als ich vor einigen Monaten erstmals etwas von einer Taijiquan-Weltkonferenz hörte, konnte ich mir noch nichts Genaues darunter vorstellen. In den Unterlagen, welche ich mehrere Wochen später via Verbandssekretariat der Swiss Wushu Federation erhielt, stand etwas von Unterricht mit berühmten Meistern, Wettkämpfen, Vorführungen und Dan-Prüfungen. Immerhin konnte ich mir zu fast allem etwas vorstellen. Aber Dan-Prüfungen im Taiji? Meine Neugier war geweckt. Ich startete Mail-Anfragen an die Veranstalter. Da ich bis kurz vor Ende der Anmeldefrist keine Antworten erhielt, meldete ich Jürg Wiesendanger, einen befreundeten Taiji-Lehrer aus Unterentfelden, und mich auf gut Glück an. Einige Tage später erhielt ich Antwort. Es hieß, dass unsere Anmeldungen akzeptiert waren.
Dann kam der Tag der Abreise nach Sanya. Die Anreise war etwas mühsam, denn direkte Flüge nach Sanya gab es nicht und auch mit Umsteigen in Hongkong war es nicht so einfach und relativ teuer. Nicht alle Mannschaften konnten mit nur einem Stopp anreisen wie ich. So fanden aus Europa denn auch neben unserer zweiköpfigen Schweizer Delegation nur noch Delegationen aus Finnland (17 Teilnehmer), Holland (zwölf Teilnehmer) und Slowenien (ein Teilnehmer) den Weg nach Sanya. Es ist zu wünschen, dass der nächste Austragungsort etwas mehr an den Hauptverkehrsadern liegt, damit mehr Taiji-Enthusiasten aus der ganzen Welt teilnehmen können.
Wie oft bei chinesischen Großanlässen blieb vieles im Vorfeld unklar. Obwohl ich als einer der Ersten in Sanya eingetroffen war, erhielt ich wichtige Informationen wohl als einer der Letzten. Die Eröffnungsfeier verpassten wir deswegen. Dass es nicht einfach war, einen Anlass mit 3500 Teilnehmern reibungslos über die Bühne zu bringen, war mir klar. Ich machte denn hierfür nicht primär die Organisatoren, sondern vielmehr den zugeteilten Übersetzer verantwortlich, der bereits zum Frühstück sein erstes Bier trank.
Die erste Taijiquan-Weltkonferenz begann offiziell am 22. März 2001 mit einem Treffen der Teamleader. Dabei wurde erstmals etwas detaillierter über den Ablauf informiert. Die ersten Wettkämpfe und Vorführungen fanden am Nachmittag statt. Ich sah mir zuerst einige der Gruppendarbietungen an. Neben den obligaten Vorführungen der Peking-Form sowie der 32er-Taiji-Schwertform gab es einige wirklich herausragende Darbietungen wie eine Chen-Stil-Fächerform, bei der die Teilnehmer nicht nur anspruchsvolles Taiji zeigten, sondern auch absolut synchron vorführten.
Daneben – und das war das wirklich Schöne an dieser Veranstaltung – fand ein wirklicher Austausch statt. Vertreter der verschiedensten Stile sprachen miteinander, zeigten einander ihr Taiji. Gerade die Vorführungen neben dem Wettkampfteppich hatten einige Besonderheiten zu bieten. So sah ich eine mir bis dahin unbekannte Chen-Stil-Variante oder auch ein achtjähriges Mädchen, welches bereits auf recht hohem Niveau die 42er Wettkampfform vorführte.
Am nächsten Morgen um 6.30 Uhr begann der Kurs mit den berühmten Meistern. Neben Yang Zhenduo, Li Deyin, Kan Guixiang und anderen bekannten Größen war für mich der bekannte Chen-Stil-Meister Chen Zhenglei, mit dem ich bereits früher einmal trainieren durfte, das Highlight dieses frühen Morgens. Wir lernten oder verbesserten die von Meister Chen auf der Basis der Bewegungen des alten Rahmens entwickelte 18er Form des Chen-Stils.
Nach dem Frühstück begannen die Kurse für die Dan-Prüfungen. Sie waren so aufgebaut, dass zuerst die 8er Form, dann die 16er Form (beide können als Aufbau zur 24er Peking-Form verstanden werden), anschließend die 16er Schwertform und schließlich die Peking-Form behandelt wurde. Die 8er Form, welche auch als Verknüpfung von Grundübungen verstanden werden kann, wurde von dem bekannten Meister Xu Weijun unterrichtet.
Nun lässt sich über Sinn und Unsinn solcher Kurzformen sicher streiten, Gegner kritisieren die Standardisierung des Taijiquan und beklagen die Vernachlässigung der traditionellen Werte. Andererseits gibt es durch diese Standardformen für die Lernenden ein konsistentes System, welches von einer 8er Form bis zu einer 88er Form reicht und es ermöglicht, sich Schritt für Schritt an die Schwierigkeiten heranzuwagen. Nicht zu vergessen, dass auch viele namhafte Vertreter traditioneller Stile Kurzformen kreiert haben, um ihren Schülern den Einstieg ins Taiji zu erleichtern.
Der Unterricht selbst war sehr kurzweilig und wurde von Xu Weijun und den ihn assistierenden Trainern Wang Jianhua und Yang Jing kompetent geleitet.
Am Nachmittag übernahm Wang Jianhua die Leitung des Trainings. Auch er ist ein ausgewiesener Fachmann und schaffte es mit seiner Mischung aus chinesischen Erklärungen und ausgeprägter Gestik, selbst sprachunkundigen Ausländern die 16er Taiji-Form näher zu bringen. Der Unterricht dauerte wie am Vormittag etwas mehr als zwei Stunden.
Anschließend nahm ich mir wiederum Zeit, mir die Wettkämpfe und Vorführungen anzusehen. Dort zeigte sich eine der Stärken dieser Veranstaltung: Nicht nur die standardisierten Wettkampfformen, sondern auch Kategorien mit traditionellen Stilen waren sehr gut besucht und man sah manche Form zum ersten Mal. So war auch der freundliche Umgang der Wettkämpfer untereinander nicht weiter verwunderlich, denn alle stellten das Motto dieser Weltkonferenz, den Austausch untereinander, in den Vordergrund.
Nach dem Abendessen gab es Vorträge mit einigen interessanten Themen – leider nur auf Chinesisch. Erst nachdem Jürg Wiesendanger beim Präsidenten der Chinese Wushu Association insistiert hatte, wurde an die ausländischen Teilnehmer eine Dokumentation auf Englisch verteilt, in der alle Vorträge zusammengefasst waren. Unter anderem wurden die philosophischen Aspekte des Taijiquan und eine wissenschaftliche Studie der gesundheitlichen Aspekte beleuchtet. Leider konnte sich die Politik auch hier nicht ganz zurückhalten und es wurde die Falun-Gong-Problematik angesprochen, von der man sich klar abgrenzen wollte.
Der nächste Morgen begann wiederum um 6.30 Uhr mit dem Unterricht bei Chen Zhenglei. Wir behandelten diesmal die zweite Hälfte der 18er Form.
Das Vormittagstraining wurde von Yang Jing geleitet, einer ehemaligen Gewinnerin der Asien-Meisterschaften. Mit ihr erlernten wir die 16er Taiji-Schwertform, eine Vorstufe zur 32er Schwertform. Die Schwertform war Bedingung für die Prüfung zum dritten Dan, die für den nächsten Tag vorgesehen war.
Am Nachmittag fand noch ein Workshop über die 24er Peking-Form mit dem bekannten Meister Men Huifeng statt. Wenn auch die fachlichen Qualitäten Men Huifengs außer Zweifel standen, bekundete der eine oder andere Teilnehmer etwas Mühe mit der manchmal arrogant anmutenden Art seines Unterrichts. Vielleicht lag es auch daran, dass er mehr Wert auf die traditionelle Etikette legte als die anderen Kursleiter der Dan-Seminare. Immerhin konnte ich auch für diese Form die eine oder andere Erkenntnis mitnehmen.
Den absoluten Höhepunkte dieser Weltkonferenz bot schließlich der Abend. Die Veranstalter hatten alles, was in China Rang und Namen hat, für Taiji-Vorführungen zusammengerufen. Wir sahen unter anderem unsere Kursleiter der Vortage, Xu Weijun und Yang Jing, wieder, aber auch ganz große Namen der traditionellen Schulen führten ihr Können vor: Chen Zhenglei, Li Rong (eine Wettkampfgröße der frühen achtziger Jahre), Li Bingci (Wu-Stil), Feng Zhiqiang (Chen-Stil) und Yang Zhenduo, Sohn des legendären Yang Chengfu. Das moderne Taiji wurde von Chen Sitan mit seinem Lehrer Zeng Nailiang, Li Deyin, Men Huifeng und dem »Prinzen« des Taijiquan, Wang Erping vertreten. Schon alleine wegen dieser Vorführungen hatte sich die Reise gelohnt. Sie bewiesen, dass das Taiji die Wirren der Kulturrevolution auch in seinen traditionellen Ausprägungen überlebt hat. Gleichzeitig wurde der Weg aufgezeigt, wie China versucht Taiji mit standardisierten Formen auf der ganzen Welt zu verbreiten.
Am nächsten Tag standen die Dan-Prüfungen auf dem Programm. Jürg Wiesendanger und ich hatten uns für die Prüfung zum dritten Dan angemeldet, die höchste Prüfung, die bei dieser Weltkonferenz möglich war. Als Erstes hatten wir die Peking-Form vorzutragen. Sowohl Jürg wie auch ich brachten diese fehlerfrei über die Runden. Zwei Teilnehmern wurde jedoch beschieden, dass Sie lediglich den zweiten Dan geschafft hätten und die Prüfung somit für sie zu Ende sei. Anschließend mussten wir die neu gelernte 16er Schwertform vorführen. Auch diesmal klappte es ganz gut und fehlerlos. Men Huifeng, der der Prüfungskommission vorstand, bestätigte uns, dass wir die Prüfung bestanden hatten. Ein weiteres, diesmal persönliches Ziel dieser Weltkonferenz war erreicht. Die Prüfungsgebühr war mit 110 US-Dollar allerdings ziemlich happig.
Über Sinn und Unsinn von Dan-Prüfungen im Taiji-Bereich lässt sich bekanntlich streiten. Gerade die Traditionalisten wird man wohl nie für diese Art von Graduierungen begeistern können. Andererseits gab es im Taiji bisher keine einheitlichen Kriterien, die einen Taiji-Lehrer als solchen qualifizierten. Hier könnte das Dan-System ein Ansatz sein. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass die Prüfungskommission in einigen Fällen durchaus strenger hätte sein müssen, wenn es wirklich darum geht, weltweit ein gewisses Ausbilderniveau zu etablieren. Das Dan-System wurde ja selbst erst vor einigen Jahren in China eingeführt, weshalb man noch nicht allzu viele Erfahrungen mit der internationalen Verbreitung haben kann. Ob es sich durchsetzen kann, werden uns die nächsten Jahre zeigen.
Am Nachmittag sah ich mir nochmals einige Wettkämpfe und Vorführungen an. Im Verlauf des frühen Abends hatten wir Gelegenheit mit einigen der Taiji-Meister, die quasi zum ersten Mal einen »freien« Abend hatten, ein paar ungezwungene Worte zu wechseln. Da der größte Stress vorüber war, genossen wir es mit Teilnehmern aus anderen Ländern gemeinsam noch ein Bier im Biergarten des Hotels zu trinken.
Der letzte Tag begann wieder wie der erste. Um 9.00 Uhr sollte das Sightseeing-Programm beginnen, aber als ich um 8.50 Uhr in der Lobby eintraf, hieß es, der Bus sei bereits abgefahren ... Zum Glück gibt es Taxis. Am Nachmittag wurden dann alle Teilnehmer zum Nanshan gefahren, zum Südgebirge. Dort besichtigten wir eine große buddhistische Anlage und bekamen ein vegetarisches Abendessen. Danach wurden wir zurückgebracht zur Schlusszeremonie. Diese stellte sich als Fernsehshow heraus, die zur besten Sendezeit im ganzen Land ausgestrahlt wurde. Sie ließ uns noch einmal an den Darbietungen der bekannten Meister wie Chen Zhenglei, Yang Zhenduo, Chen Sitan oder Wang Erping teilhaben. Daneben gab es auch Intermezzos mit aktuellen Popstars des chinesischen Festlandes. Die Weltkonferenz wurde schließlich mit einem gigantischen Feuerwerk beendet, welches über eine halbe Stunde den Nachthimmel des Nanshan erhellte.
Wenn man mich fragt, was von dieser Weltkonferenz in Erinnerung bleiben wird, fällt mir die Antwort nicht schwer: Der Abend mit den Vorführungen der traditionellen und modernen Taiji-Meister. Aber auch die verschiedenen Workshops mit den Standardformen für die Dan-Prüfungen waren sehr lehrreich und haben mich weitergebracht. Des Weiteren sah ich meine Trainer von früher wieder, traf alte Bekannte und konnte neue Freundschaften schließen. Als negative Begleiterscheinung bleibt lediglich die Konfusion am Anfang hängen. Ich werde die Weltkonferenz in guter Erinnerung behalten und freue mich bereits jetzt auf die nächste Veranstaltung dieser Art.

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Urs Krebs

begann 1988 mit Wushu-, 1989
mit Taiji-Training, zuerst bei Jing
Lianzhen in Bern (Peking Form),
später auch in China bei Wang
Xian (Chen Stil Laojia Yi Lu),
Wang Erping (Chen-Stil-
Wettkampfform) und Chen
Zhenglei. Von 1996 bis 1999
gehörte er dem Schweizer
Wushu-Nationalteam an und
nahm an zwei Weltmeisterschaften
und einer Europameisterschaft
teil. In der Schweiz lernt er seit
Jahren die Taiji-Standardformen
(Peking-Form, 48er Form usw.)
bei seiner Frau Wu Yongmei,
die auch Schweizer Wushu
Nationaltrainerin ist.