Heft 4, 2/2001
Licht und Schatten auf den heiligen Berggipfeln
Die heutige Situation des religiösen Daoismus in China.
Von Luc Théler
Noch immer findet man in China entlegene Plätze, an denen sich Daoisten ganz der Kultivierung des Lebens widmen. Luc Théler besuchte ausgiebig solche organischen Orte der Entwicklung der chinesischen Lebenskünste und entdeckte sowohl ihre große Faszination und inspirierende Wirkung als auch die massiven Probleme infolge von Umweltbelastungen, Tourismus, staatlicher Kontrolle und Instandhaltungsschwierigkeiten in Klöstern und Tempeln.
Während meiner Studienreisen nach China auf der Forschung nach den sprudelnden Quellen den Ursamen des "Absoluten Boxens" und des Qigong - zog es mich immer öfter an die "organischen" Orte dieser Lebenskünste. Das waren und sind die Felsen und Gründe, die Landschaften und Bergformationen, die Orte, an denen wichtige Impulse in der Evolution der daoistischen Verwirklichung im Boden verankert sind, die eine immer stärker werdende Anziehung ausübten.
Über sechs Jahre reiste ich öfters mehrere Monate zu solchen Kraftorten, lebte mit befreundeten Priestern in kleinen Tempeln, die teilweise am Rande eines riesigen Abgrundes standen. Kein Wunder, der Aufstieg auf den Huashan ist für sich schon eine Initiation in eine andere Welt. Es ist verrückt, mit Hunderten von Chinesen im Nachtzug von Xian zum Huashan zu fahren, um zwei Uhr nachts bei Mondenschein das Gebirge zu besteigen und den Sonnenaufgang zu erwarten. Die ganze Mystik wird im perlmuttenen Mondenglanz ungeheuer lebendig und der "Stein der Umkehr", die "Felsen der Entscheidung" oder auch die Feenhöhlen, vor langer Zeit geweihte Drachenpunkte, üben ihr Charisma eindrucksvoll und berührend aus. Die hohen und sehr schmalen Felstritte in die oft überhängenden Felswände lassen einige Pilger weinend vor Erschöpfung an den Eisenketten hängen. Der furchige Fels zieht sich in bizarren Linien in die nicht absehbare Höhe. Das tägliche Zusammenleben mit zwei Freunden auf dem Südgipfel (Nantianmen) bot tiefe Erfahrungen in dieser faszinierenden Natur. Beide sind daoistische Priester, einer von ihnen aus dem Süden ein Könner des Baguazhang. Dong, der andere, der dem kleinen Tempel vorstand, übte sein Taijiquan Yilu, die erste Form des Chen-Stils - in einer fast elektrisierenden Spiraldynamik, die auf der inneren alchimistischen Virtuosität der Huashan-Schule beruht, und ein äußerst kampfbezogenes Tuishou, das mich an diesem Ort der Askese erstaunte. Der Huashan gilt als die Hochburg der daoistischen Meditation der inneren Alchimie, Kräuterheilkunde, Körpertransformation und Philosophie. Viele Kaiser holten Rat auf diesen Blumenbergen und man ließ im alten China in guten Familien den Sprösslingen auf den Huashan-Tempeln die Grundregeln des Lebens angedeihen.
Die alte Pracht verfällt
Dies waren im Sinne von erhebend "Yang-Aspekte" meiner Schilderung des religiösen Daoismus zum heutigen Zeitpunkt. Denn der Eingriff eines fremden und kalten Systems, das sein Dogma über die strahlende Pracht dieser bizarren Universitäten der Kultivierung des Lebens zu stülpen versucht, ist allgegenwärtig. Ich würde schätzen, dass über 50 Prozent der Tempel auf den Wipfeln heute umfunktionierte Guesthouses oder Teestuben sind, weitere 30 Prozent der Gebäude sind dem Zerfall preisgegeben. Und gegenüber ehemals Tausenden von Priestern leben heute - das große Kloster am Fuß des Berges mitgezählt - circa 180 Daoisten auf dem Huashan.
Immer wieder erfuhr ich tiefe Begegnungen mit leuchtenden Menschen und andererseits die krasse Konfrontation mit einer großen Überzahl von geplant auf dem Huashan angesiedelten Arbeitern aus fernen Provinzen und den Angehörigen der chinesischen Tourismusindustrie ähnlich wie in Tibet. Die Spuren solch einengender Zustände lassen sich in der Natur leider unschwer ablesen und das Korsett, das von den Funktionären angelegt wird, lässt die Daoisten zu einer kleinen Minderheit fern der ursprünglichen Pracht in ihrem eigenen Zuhause werden.
Diese traurigen Zustände erscheinen einem unvorstellbar, denn Politik spielt heute an den heiligen Orten in China keine Rolle, es geht viel mehr um das Überleben der Klöster in ihrer Funktion als Gefäß der vielen Generationen von Forschern und Meistern, die die Wirkkraft des Lebens in allen Sphären perfektionierten. Wenn die vielen wichtigen Klöster jetzt einen Generationenknick erleben, wird innerhalb der nächsten 50 Jahre ein großer Teil des daoistischen religiösen Brauchtums und Naturwissens abhanden kommen, da Stätten, die die Voraussetzungen für eine daoistische Entfaltung bieten, nicht mehr existieren. Auch die jetzt noch lebenden Meister wie mein Lehrer und geistiger Vater Feng Zhiqiang, offizieller Vertreter der 18. Generation des ursprünglichen Taijiquan der Familie Chen, werden mit ihrem "einestäglichen Wegzug in die höheren Etagen" eine große Herausforderung an uns, die folgenden Generationen hinterlassen.
Auf den Gipfeln des Wudang-Gebirges wird in den heiligen Öfen der Tempelanlagen mitunter Bauplastik und anderer Kunststoff sowie Schutt verbrannt, da das billiger ist als der Taltransport. Viele Stunden am Tag werden so die heiligen Gipfel mit Gift beräuchert - auf jedem der 72 Gipfel wohnt laut Legende ein aufgestiegener Meister.
Der Staat plant seit Jahren eine Seilbahn zu den Wudang-Gipfeln und ein Hospizhotel - ein Préstigeprojekt.
Diese wie andere historisch und gesellschaftlich immer noch sehr bedeutenden Zentren des Daoismus haben einen sehr schwierigen Stand, weil politisch ein großes Augenmerk auf sie gerichtet wird.
Immer wieder habe ich versucht, daoistischen Freunden in den Bergen wie auch im Baiyunguan dem Kloster der Weißen Wolke, Zentrum des am weitesten verbreiteten orthodoxen Zhuangzhen-Zweiges und Hauptsitz der China Taoist Association, mitzuteilen, wie wichtig es ist, gewisse ökologische Grundsätze einzuhalten, da sonst früher oder später die Natur an ihrer schwächsten Stelle kollabieren wird. Doch es bringt keinen Gewinn Kehricht zu entsorgen, ohne Zweifel.
Ein Umdenken der chinesischen Gesellschaft beginnt jedoch zumindest in den staatlichen Planungsbüros dort, wo die junge Generation die ältere ablöst. Es werden mitunter selbst progressive Ansätze unternommen, um der schleichenden Vergiftung der Natur entgegenzuwirken. Das Problem liegt allerdings schlichtweg im exorbitanten Bevölkerungswachstum asiatischer Riesen wie China oder Indien. Wenn heute schon davon ausgegangen wird, dass jeder achte Todesfall in China auf die Luftverschmutzung zurückzuführen ist, kann dieser Fakt einen nachdenklich stimmen.
Taoist Restoration Society
Über das Internet ist eine hervorragend organisierte Gesellschaft zu erreichen, die sich mit Herz und Seele äußerst professionell und effizient global vernetzt und sich für die Erhaltung der daoistischen Kultur engagiert. Tatsächlich kann der Anwender des "Dian-Nao", wörtlich übersetzt des "elektronischen Gehirns" (Computers), in das daoistische Pantheon eintauchen, die lunaren und solaren Daten laden oder mit Experten kommunizieren.
Als Charity hat sich die Taoist Restoration Society (TRS) bestimmt bewährt, die Ergebnisse der Projekte können sich sehen lassen. Über das Setzen von "Standards", die besagen sollen, was Daoismus ist und was nicht, bin ich etwas reservierter, weil meiner Erfahrung nach die Meinung von Hochschulprofessoren mit dem Wissen der wahrhaften Daoisten häufig nicht korreliert.
Das Wichtigste jedoch, TRS führt gezielte Projekte durch, aktuell das Mao-Shan-Projekt. Der daoistische Zweig des Mao-Gebirges hat seinen Schwerpunkt im Tranceritual, der rituellen Magie und Alchimie. Ich habe gehört, dass in alter Zeit medial begabte Kinder von ihren daoistisch geprägten Eltern in die Mao-Klöster geschickt wurden, um dort ihre Gabe zu entfalten. Es ist die sanfte Wirkkraft des Windes, die in der Mao-Shan-Schule perfektioniert wird. Schon Kaiser Dayu der mythischen Xia Dynastie (2100 1600 v. u. Z.) erstieg den Maoshan, um sich Weitsicht zu verschaffen und zu beten.
Jetzt wirkt dort Yin Xin Hui, die Äbtissin eines Nonnenkloster. Sie strahlt eine große Vitalität aus und hat einen weiten und reinen Blick. Überhaupt haben mich die Begegnungen mit Priesterinnen des Dao berührt, denn ich spürte selten so ausgeprägt, was eine Frau mit ihrer ureigenen Weiblichkeit in ihrem Wesen und Körper an Gongfu erreichen kann. Yin Xin Hui hat einen recht großen Kreis von jungen Novizinnen, die sie einweiht in die Überlieferungen der Maoshan-Schule.
TRS führt dort zurzeit das bisher größte Restaurationsprojekt zur Renovierung diverser Meditationshallen und Unterkünfte wie auch zur Unterstützung junger Novizinnen durch. Mit für westliche Verhältnisse geringem Aufwand können die richtigen Menschen an den richtigen Orten kleine Wunder bewirken. TRS sucht sich die Projekte aus, die einen großen historischen und kulturellen Wert haben, andererseits jedoch nicht von der Tourismuswirtschaft "in Besitz" genommen worden sind.
An vielen Orten sind schon große Anstrengungen unternommen worden wie Müllsammelstellen, Wasseraufbereitung, Unterstützungsfonds. Es ist TRS möglich, die gespendeten Gelder effizient einzusetzen und Korruption zu umgehen, da für jedes Projekt ein Leiter von TRS zusammen mit einem lokalen Verantwortung tragenden Daoisten die Projekte gezielt durchführt.
Auch wir westlichen Praktizierenden sollten Entwicklungen in China, die die Existenz der heiligen Stätten, in denen die von uns so geschätzten Künste und Methoden geboren und kultiviert wurden, gut beobachten. Gerade angesichts der Tatsache, dass hier im Westen große Summen umgesetzt werden durch Kurse, Seminare und vielerlei Aktivitäten, könnte wenigstens ein kleiner Teil der erbaulichen Existenzbereicherung durch die chinesische Kultur zu den Orten zurückfließen, wo seit Jahrtausenden ununterbrochen an den Lehren weitergeforscht wird. Ich freue mich darauf, in den nächsten Jahren mit meinen Kindern die Klöster in den Gebirgen aufzusuchen. Auch deren Kinder sollen einmal diese Chance haben ...
Vorsitzender der Taoist Restoration Society ist Brock Silvers in Chicago. Spenden können direkt über Internet erfolgen.
www.taorestore.org
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Der Autor:
Luc Théler ist ausgebildet in altchinesischer Medizin, praktischer Psychologie und Naturheilkunde. Er ist enger Schüler von Feng Zhiqiang (18. Generation Chen-Stil Taijiquan) und Wang Xuanjie (Dachengquan-Yiquan).
Drachenpunkte sind sozusagen "Akupunkturpunkte" der Erde, auch Drachenhöhlen genannt. Tempel werden immer auf solchen gebaut, ebenso die alten Kirchen in Europa.
Folgende Biographien, wenn auch in ihrer Authentizität umstritten, geben auf unterhaltsame Weise einen Eindruck vom Leben in daoistischen Klöstern im 20. Jahrhundert:
Chen Kaiguo/Zheng Shunchao: "Der Meister vom Drachentor - Geheime Praktiken des Daoismus im modernen China". Aus dem Chinesischen übersetzt und herausgegeben von Thomas Cleary, Ansata 2000
Hinter dem etwas mystifizierenden Titel verbirgt sich die autorisierte Biographie von Wang Liping (geb. 1949), dem Linienhalter in der 18. Generation der Drachentor-Schule des Daoismus. Zwei langjährige persönliche Schüler von Wang Liping erzählen lebendig seine Lebensgeschichte und geben tiefe Einblicke in die traditionelle Ausbildung eines daoistischen Meisters.
Deng Ming-Dao: »Der Taoist vom Huashan«, 3 Bände, Ansata 1994
Vor allem der erste Band dieser dreibändigen Biographie gibt einen sehr lebhaften Einblick in das Leben daoistischer Novizen und Mönche auf dem Huashan zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Protagonist, der als Neunjähriger zwecks traditioneller Erziehung dem Abt des Hauptklosters auf dem Huashan anvertraut wird, geht durch eine harte Schule, die so manchen romantischen westlichen Vorstellungen von daoistischer Naturidylle zuwiderläuft.
Auf der Homepage der Wudang Organisation kann man Bilderreisen auf den Huashan und den Wudangshan unternehmen: www.gongfu.ch
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