Heft 3, 1/2001
Qigong Dancing - neue Möglichkeiten entdecken
Eine moderne Synthese östlicher und westlicher Erfahrungen.
Von Dietlind Zimmermann
Qigong Dancing basiert auf dem klassischen »Spiel der fünf Tiere«, das durch angeleitete und freie Improvisation, Musik sowie reflektierende Gesprächsrunden erweitert wird. Es kann damit sowohl Menschen, denen die traditionellen Wege fremd erscheinen, einen leichteren Zugang in die Erfahrungswelt des Qigong bieten als auch auf einer bewährten, Halt gebenden Grundlage dynamischen Selbstausdruck und Selbsterforschung fördern. Dietlind Zimmermann hat diese erst in den letzten Jahren von Long Ping entwickelte Methode als gelungene Synthese aus zentrierendem, Energie aufbauendem Qigong, Einflüssen aus der Kampfkunst und westlichen Ansätzen wie Ausdruckstanz, Kontaktimprovisation und körperbezogener Selbsterfahrung erlebt. Ihr Bericht wird ergänzt durch ein Interview, in dem sie Long Ping nach der Entwicklung von Qigong Dancing und den bisherigen Erfahrungen befragt.
Qigong Dancing wurde in den letzten Jahren von Long Ping, mit bürgerlichem Namen Gertrud Schröder, entwickelt, die eine Schule für Kampfkunst und Meditation in Freiburg leitet. Sie unterrichtet dort seit vielen Jahren Taijiquan, Qigong, Gongfu und Meditation als eine Einheit. Ihr besonderes Interesse gilt der Verbindung westlicher und östlicher Traditionen. So entstand Qigong Dancing.
Im Mittelpunkt des Qigong Dancing stehen die klassischen Tierübungen, die auf das »Spiel der fünf Tiere«, Wuqinxi, des Arztes Hua Tuo zurückgehen, der von 190 bis 265 lebte. Die verschiedenen Tierbewegungen sprechen bestimmte Meridianbereiche an und energetisieren gezielt den Körper. Wir können zum Beispiel mit dem Bären bewusst an der Erdung arbeiten, mit dem Kranich das Herzzentrum stärken und vieles mehr. Zugleich repräsentieren die Tiere verschiedene Kraftpotentiale und Formen des Selbstausdrucks: Furchtlosigkeit und Angriffslust des Tigers, Geschmeidigkeit und Sinnlichkeit der Schlange und so weiter.
Die Kräfte der Tiere erforschen und ausleben
Das Spiel der Tiere ist, soweit wir wissen, eine der ältesten überlieferten Qigong-Formen, seine Wurzeln scheinen in den schamanischen und naturnahen alten Volksreligionen Chinas zu liegen. Auch die westlichen Kulturkreise kennen schamanische Traditionen. Im Schamanismus wird von der Verbundenheit aller Wesenheiten ausgegangen - siehe heutzutage die Theorie des Biologen Rupert Sheldrake zu den morphogenetischen Feldern. Dadurch ist es möglich, sich energetisch mit tierischen Wesenheiten zu verbinden, um Führung oder Stärkung aus den Kraftpotentialen der Tiere zu erhalten.
Da Qigong Dancing über die klassischen Tier-Qigong-Übungen hinausgeht - deren genaues Erlernen aber immer Basis des Übens ist - und durch den Einsatz von Musik und Rhythmus ein tiefes Einsteigen in Dynamik, Kraft und Ausdruck der jeweiligen Tiere herausfordert, erinnert die Improvisationsphase durchaus an diese schamanischen Wurzeln. Die freie Improvisation und das Erforschen und Ausleben der jeweiligen Tierpotentiale - sowohl in der Bewegung für sich selbst wie auch in Begegnung und Kontakt mit Partnern - ist ein wesentlicher Bestandteil des Qigong Dancing.
Selbsterkenntnis und Selbstausdruck
Gleichzeitig sind Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis Grundideen des Qigong Dancing. So knüpft es an neuere westliche Traditionen an, wie wir sie zum Beispiel im Ausdruckstanz, in der Tanz- und Kontaktimprovisation oder auch in bestimmten therapeutischen Bereichen körperbezogener Selbsterfahrung finden.
Für mich ist Qigong Dancing eine sinnvolle und gelungene Ergänzung, um die Kraft und Stille der asiatischen Übungswege in Kontakt mit unserer hektischen westlichen Welt zu bringen. Es ist einfach und kraftvoll, still und laut. Es schlägt einen wunderbaren Spannungsbogen zwischen innen und außen, tiefer Selbsterforschung und expressivem sich Ausleben und sich im Kontakt mit anderen Menschen Spüren.
Als Unterrichtende der »klassischen« Wege (was immer das genau ist ...) finde ich es reizvoll, dass Qigong Dancing Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen gut »da abholen kann, wo sie sind«. Menschen, deren Geist überfüllt und deren Körper unterfordert ist, haben häufig Probleme, direkt den Weg in die Meditation oder die meditativen Bewegungskünste zu finden. Der Geist braucht zwar dringend Ruhe, doch die Gedanken rasen - die klassische »Horde wilder Affen«. Der Körper ist schlaff, verspannt, kaum mehr wahrnehmbar - aber dürstet nach Bewegung.
Freie Bewegung ebnet den Weg zu innerer Ruhe
Der direkte Sprung in den Fluss körperlicher und geistiger Ruhe ist für diese Menschen manchmal nicht zu schaffen. Manche bleiben schon nach der ersten Stunde wieder fort: Lässt man ihnen den Raum zu reden, so schildern sie den inneren Zwiespalt zwischen Sehnsucht nach Ruhe und dem persönlichen Nicht-Aushalten-Können dessen, was ihnen beim Eintritt in die Ruhe alles an innerer Unruhe begegnet.
Qigong Dancing gibt hier durch die Übungsphasen, in denen intensive Rhythmen den Körper zum Gehenlassen einladen, die Gelegenheit zum »Auspowern«. Im Gegensatz zum reinen Workout wie üblicherweise im Fitnessstudio ist dies aber eingebettet und geerdet durch die Phasen der klassischen Qigong-Tierübungen. Das »Auspowern« wird gezielter Teil eines Selbsterfahrungsprozesses. Denn nicht nur der Körper darf an seine Grenzen gehen, bis zu seinen Grenzen spürbar werden, die Tierimprovisation provoziert auch den Abbau von emotionalen Staus. Deshalb gehören Gesprächsrunden am Ende eines Zyklus selbstverständlich zum Qigong Dancing dazu: Raum zum Reflektieren.
Auf der anderen Seite erlebe ich immer wieder in der Taiji- und Qigong-Szene, dass bei dem großen Wunsch nach Ruhe, Entspannung und Sammlung die Seite des kraftvollen Yang vernachlässigt wird und so ein Ungleichgewicht eintritt.
Kampfkunst - der gekonnte Umgang mit Yin und Yang
In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie kontrovers unter Taiji-Treibenden das Begriffspaar Taijiquan - Kampfkunst diskutiert wird, wie schnell auf den Begriff »Kampf« negativ reagiert wird. Für mich liegt der Fokus allerdings auf dem Begriff Kunst: die Kunst, die Kräfte Yin und Yang zu balancieren und zu verstehen, dass weder Aggression (die nach außen/vorne gerichtete Kraft) noch Defensivität (die zurückweichende Kraft) an sich gut oder schlecht sind und dass Harmonie erst da eintritt, wo ich beiden Kräften den ihnen angemessenen Platz einräume, jede Sekunde neu. Mein Wunsch ist es, dass unsere Übungswege in dieser Weise in den Alltag hineinwirken.
Eine yin-lastige Übungsweise kann dies nicht erreichen. Dann führt die spirituelle Bewegungspraxis nicht zu einer in sich ruhenden Präsenz, sondern fördert den Kontakt meidenden Rückzug nach innen. Das ist leider weder geistig noch körperlich ausgewogen.
Qigong Dancing lebt nicht nur den Yang-Aspekt deutlich aus, es leitet auch den Selbsterkenntnisprozess ein: Bin ich noch bei mir, wenn ich nach außen gehe, oder verliere ich mich? Spannend auch für Kampfkünstler sind die Partnerübungen: Wenn ich Präsenz zeigen, meinen Raum behaupten will, mit welchem Tier kann ich das am besten? Und was passiert, wenn mir zum Beispiel ein anderer, sehr kraftvoller Tiger begegnet? Wie halte ich den äußeren Raum? Wie verändert sich mein innerer, gefühlter Raum?
Sehr wichtig ist für mich schließlich, dass Qigong Dancing innere Räume öffnet - einfach für verschiedene Möglichkeiten »zu sein«! Es erlaubt einen spielerischen Umgang mit allen Facetten von Yin und Yang und ermöglicht Entdeckungsreisen ins eigene Selbst. Ohne Leistungsdruck oder Erwartungshaltungen. Sehr körperlich, sehr sinnlich, sehr lustvoll - eben mit Tanzlust. Denn auch Lust ist ein wichtiges Thema, dass nicht vergessen werden sollte.
Interview mit Long Ping | Inhaltsverzeichnis |

1998 wurde Long Ping zu einem Fitnesskonvent in ein Hamburger Sportstudio eingeladen, um Qigong Dancing vorzustellen. Dabei wurde die Firma Warner Vision Germany, die Lehrvideos im Fitness- und Wellnessbereich produziert, auf Qigong Dancing aufmerksam. Die Zuständigen waren von dieser Synthese östlicher und westlicher Traditionen so begeistert, dass sie mit Long Ping ein Lehrvideo »Qigong Dancing« erstellten.
Auf CD erhältlich sind spezielle Musikaufnahmen zum Qigong Dancing, die von Komponisten aus dem engsten Umfeld von Long Ping stammen.
Das Video kann im TQJ-Shop bestellt werden |
| 1999 hat Long Ping einen Ausbildungsgang initiiert, in dem sich Menschen mit Vorerfahrungen in chinesischen Kampfkünsten oder im Bereich körperbezogener Selbsterfahrung zu Qigong Dancing LehrerInnen fortbilden können. Die Grundausbildung umfasst fünf Wochenenden, eine Intensivwoche und zwei Assistenzwochenenden innerhalb eines Jahres. |
| Autorin

Dietlind Zimmermann
Lehrerin für Taijiquan und Qigong in Hamburg, davor viele Jahre Erfahrung auch mit anderen Kampfkünsten, Meditation und Tanz, Vorsitzende des Taijiquan und Qigong Netzwerks Deutschland. Sie gehörte zur ersten Ausbildungsgruppe im Qigong Dancing, das sie inzwischen selbst unterrichtet. |
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