Heft 3, 1/2001
»Die Tierbilder bieten ein großes Entfaltungspotential«
Interview mit Long Ping, Begründerin des Qigong Dancing
Von Dietlind Zimmermann
Was ist die Grundidee des Qigong Dancing?
Qigong Dancing ist eine Methode, die traditionellen chinesischen Qigong-Übungen in unserem Kulturkreis so vorzustellen, dass viele Menschen angesprochen werden, sich »auf den Weg« zu machen. In der Verbindung von Formen, freiem Tanz und Elementen der Kampfkunst werden unterschiedliche Aspekte zu einem ganzheitlichen Übungssystem integriert. Das Üben von Formen ist wichtig, sie stabilisieren und bieten eine gute Grundlage. Doch ist es meiner Meinung nach wichtig, sich aus der Form zu lösen, seine eigenen Bewegungen zu finden und sie über innere Bilder auszudrücken, damit sie »eigene« Bewegung werden. Die Musik ist dabei ganz wesentlich und unterstützt die verschiedenen Stimmungen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen über die Tierbilder oft leichter Zugang zu eigenen, verschütteten Anteilen ihrer Persönlichkeit finden. Im freien Tanz, in der Begegnung mit anderen können unsere hellen und dunklen Seiten bewusst gemacht und integriert werden. In der Einfachheit der Bilder liegen Klarheit und Stärke.
Wie bist Du dazu gekommen?
Ich praktiziere seit etwa 17 Jahren Gongfu, Taijiquan und Qigong. Die Verbindung von kraftvollen und sanften Bewegungen, inneren und äußeren Übungen hat mir im Unterrichten ein großes Spektrum an Möglichkeiten gegeben. Das »Spiel der fünf Tiere« nach Jiao Guorui habe ich über viele Jahre regelmäßig geübt und unterrichtet. Im Laufe der Zeit habe ich freie Bewegungen einfließen lassen und gemerkt, dass sie die Formen bereichern, sie lebendiger werden lassen. Vor dem Hintergrund meiner Kampfkunsterfahrungen habe ich kämpferische Anteile in die Tierbilder integriert.
Das klassische Spiel der Tiere hat fünf, nicht vier Tiere und die Schlange kommt darin nicht vor. Warum ist das bei Dir anders? Aus welchem Grund hast Du diese Tiere gewählt?
Die vier Tiere Bär, Kranich, Tiger und Schlange sprechen ganz ursprüngliche Bedürfnisse, Grundmuster des Menschen an und sind in jedem von uns gespeichert und abrufbereit. Manchmal sind sie allerdings tief verschüttet, von Alltagsstress vergraben. Der Bär steht für die Erdung, der Kranich für die Aufrichtung, der Tiger für die Präsenz und die Schlange für Beweglichkeit. Die Schlange hat einen starken Symbolcharakter und spricht unter anderem Sinnlichkeit, Sexualität, Eros an. Für viele Menschen ist dies ein »Tabuthema«, an das über die Übungen, freien Bewegungen und Partnerübungen behutsam herangeführt werden kann.
In den traditionellen chinesischen Übungen werden die fünf Tiere den fünf Wandlungsphasen zugeordnet. In Anlehnung an unsere vier westlichen Elemente habe ich mich für vier Tiere entschieden, um den Bezug zu unserem Kulturkreis herzustellen.
Bei der Präsentation im August 2000 in Hamburg wurde auch die Qigong-Übung »Himmel und Erde verbinden« gezeigt. Ist der Ansatz des Qigong Dancing auf andere Übungen als das Spiel der Tiere übertragbar? Oder welche Bedeutung haben andere Qigong-Übungen in diesem Zusammenhang?
Die Qigong-Übung »Himmel und Erde verbinden« sowie die »Sammlung im Zentrum« sind grundsätzliche Basisübungen des Qigong. Sie sind eine gute Einleitung, um in die Stille zu führen, aus der dann die Bewegung entsteht. Nach den oft dynamischen Bewegungen kehrt man zum Abschluss wieder in die Stille, in das eigene Zentrum zurück. Natürlich gibt es auch andere Qigong-Übungen mit starken Bildern. Für mich sind es die Tierbilder, die ein großes Entfaltungspotential bieten. Viele Qigong-Formen sind ein in sich abgeschlossenes System, das für sich auch so stehen bleiben sollte.
Was für Erfahrungen hast Du bisher mit Qigong Dancing gemacht?
Qigong Dancing ist in Entwicklung. Es ist eine universelle Methode, die in verschiedensten Bereichen je nach Übungsziel und Situation eingesetzt werden kann. Natürlich braucht es erfahrene LehrerInnen dazu. Selbsterfahrungsgruppen, Psychotherapie, Physiotherapie, Ergotherapie, Pädagogik sind einige Möglichkeiten.
Ich hatte inzwischen die Gelegenheit, meine Arbeit auf verschiedenen Tagungen oder im Rahmen von Projekten vorzustellen. Es war oft verblüffend, wie schnell die Teilnehmer sich auf die Übungen eingelassen haben.
Wie ist bisher das Feedback? Welche Erfahrungen machen die TeilnehmerInnen?
Die TeilnehmerInnen sind oft überrascht, wie schnell sie an ihre Lebensthemen herangeführt werden. Dabei ist der wertfreie Raum, die natürliche Atmosphäre, sich und anderen nichts beweisen zu müssen, eine große Hilfe. Im regelmäßigen Üben in der Gruppe ebenso wie im eigenen Üben zu Hause geschehen Entwicklungsprozesse, die sich auch im Alltag, im Zusammensein mit anderen, auswirken. Das regelmäßige Gespräch und die Reflektion der gemachten Erfahrungen spielen natürlich eine große Rolle, um sich das Erlebte bewusst zu machen. Oft bekomme ich Briefe, in denen TeilnehmerInnen über ihre Erfahrungen berichten, so dass wir im Austausch bleiben.
Gibt es Erfahrungen mit bestimmten Zielgruppen, zum Beispiel Kindern?
Schülerinnen, die bei mir die Ausbildung gemacht haben, haben Projekte an Schulen angeboten und sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Kinder haben die Qigong-Übungen sowie das freie Spiel der Tiere sehr spontan und mit Begeisterung umgesetzt. Eine Kursleiterin setzt die Übungen oft als Einstimmung in ihren Unterricht ein und fördert somit die Konzentration und das Wahrnehmungsvermögen. In regelmäßigen Übungsgruppen werden die Natürlichkeit der Bewegungen, die Motorik, das freie Spiel, die Kreativität gefördert. Die entsprechende Musik mit Unterstützung bestimmter Vorstellungsbilder lädt ein Neues auszuprobieren.
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| Long Ping heißt »Friedlicher Drache« und wurde Gertrud Schröder, die im französischen Tempel »La Gendronnière« zur Zen-Nonne ordiniert wurde, als Name von ihren Zen-Lehrern verliehen. |
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