Heft 1, 3/2000
Wenn Yin und Yang stagnieren
Die »doppelte Gewichtsverteilung« im Taijiquan.
Von Jan Silberstorff
Zur Problematik der »doppelten Gewichtsverteilung« gibt es unterschiedliche Interpretationen. Jan Silberstorff erläutert, dass auf einem fortgeschrittenen Übungsniveau die konkrete Gewichtsbelastung dabei eine untergeordnete Rolle spielt und es vielmehr um die immer weitergehende Differenzierung von Yin und Yang im Körper geht, die eine flexible Reaktion auf jedwede Krafteinwirkung ermöglicht. Den kleiner und dichter werdenden Energiespiralen im Körper kann ein Gegenüber immer weniger folgen und findet somit keinen Angriffspunkt.
Der Fehler der doppelten Gewichtsverteilung ist immer wieder ein wichtiger Punkt in Büchern oder Artikeln, die über Taijiquan geschrieben werden. »Shuang Zhong« heißt wörtlich übersetzt doppelte Schwere. In deutschsprachigen Werken wird damit in der Regel das Problem bezeichnet, das auftritt, wenn das Körpergewicht auf beide Beine gleichmäßig verteilt ist. Es heißt, man habe keine Balance beim Tuishou, wenn das Gewicht in der Mitte liegt.
In der Regel handelt es sich hier um ein Missverständnis oder aber um eine sehr oberflächliche, äußere Sicht der Materie.
Zugegeben, möchte man Energie nach außen abgeben, einen »Push« oder einen Stoß ausführen, kann es sinnvoll sein, sein Gewicht mehr auf dem einen oder dem anderen Bein zu haben. Besser noch, man verlagert das Gewicht von dem einen Bein auf das andere. Dies ist jedoch nur eine sehr grobe, äußerliche Auffassung vom Taijiquan. Denn was ist, wenn der Gegner es nicht zulässt, dass ich auf dem einen oder anderen Bein mehr Gewicht habe? Was ist, wenn er mich gerade in meinem Gewichtswechsel erwischen möchte? Im freien Push Hands muss ich ab und zu mein Gewicht wechseln oder einen Schritt tun. Selbst wenn ich eine Auseinandersetzung im Ansatz bereits für mich entschieden haben sollte, ist dies meistens mit einem Schritt oder einer Gewichtsverlagerung verbunden. Was aber, wenn der Gegner genau hier einbricht?
Wenn »der Fehler der doppelten Gewichtsverteilung« so äußerlich gemeint sein soll, habe ich dann einen wunden Punkt? Ist dies meine Siegfriedstelle? Hat demnach Taijiquan eine Schwachstelle?
Die Form ist anerkanntermaßen das A und O des Taiji-Trainings. Und die Form ist maßgeblich für die wirklich hohen Level im Tuishou verantwortlich. In der Form durchlaufe ich aber fortlaufend Gewichtswechsel. Das heißt, alle paar Sekunden kommt die kritische Stelle der »doppelten Gewichtsverteilung«. Es ist nur ein kurzer Moment, aber er ist da. In einer jeden Taiji-Form tritt dieser »Fehler« demnach sehr oft auf.
Also wäre es wie bei der »Reise nach Jerusalem«, die wir im Kindergarten immer spielen mussten: Alle gehen um eine doppelte Reihe von Stühlen herum und wenn die Musik aufhört, muss jeder sich setzen. Aber es ist ein Stuhl zu wenig da und wer keinen erwischt, scheidet aus. Bei dieser Stuhlreihe gab es einen Haken: Am äußersten Ende, wo man zur anderen Seite wendete, war ein kleines Stückchen ohne Stuhl zu überwinden. Alle gingen immer vorsichtig an den Stühlen entlang, nur bei der Wendung huschten sie plötzlich schnell herum, damit bloß nicht gerade an dieser Stelle die Musik aufhörte.
In der Form würde das dann wohl so aussehen: Da ich um den Fehler der doppelten Gewichtsverteilung weiß, diese aber ständig vorkommt, müsste ich immer versuchen, schnell über diese Stelle hinwegzuhuschen. Genauso hätte ich in der freien Anwendung immer im Hintergrund: Ist es jetzt sicher das Gewicht zu verlagern? Bloß nicht auf beiden Beinen stehen ...
Das kann es nicht sein und das ist es auch nicht. Die wirkliche, tiefe Bedeutung der »doppelten Gewichtsverteilung« liegt im Inneren des Körpers verborgen.
Yin und Yang im Körper verstehen
Taiji bedeutet Yin und Yang. Taijiquan ist die Kampfkunst, die sich nach diesem Prinzip richtet. Im Unterricht hört man: Jetzt die Yin-Hand, jetzt die Yang-Hand ... oder: Die angreifende Hand ist Yang, die nachgebende Hand ist Yin ..., und dabei bleibt es dann oftmals. Kein Wunder, wenn die Leute von Geheimnissen reden. Denn da muss doch irgendwie noch mehr sein! Und es stimmt: Da ist tatsächlich sehr viel mehr! Allerdings ist es kein Geheimnis. Es ist eine Frage von Übungsniveau und tiefem Verständnis dessen, was geübt wird. Da die Trainingsmentalität in unserer heutigen Welt (wie es so schön heißt) allerdings sehr dürftig ist, wundert es nicht, wenn dieses »Mehr« nur den wenigsten bekannt ist und daher als »Geheimnis« zu kursieren scheint. Diejenigen jedoch, die es verwirklichen können, wissen, wieviel Training und Verständnis dazu gehört und sprechen daher sehr entspannt darüber.
Um dieses »Geheimnis« zu klären müssen wir uns umfassender mit der Materie des Taijiquan auseinandersetzen:Ist die Existenz in Ruhe, fallen Yin und Yang in sich zusammen und Wuji entsteht, die Mutter von Taiji. In Ruhe gibt es nur die eine Energie, das Nichts oder das Alles. Man kann es nicht benennen, denn es gibt nichts, woran ich es unterscheiden könnte. Konzentriert sich die ursprüngliche Energie, so entsteht Leben. Kommt diese ursprüngliche Energie dann durch das Leben in Bewegung, teilt sie sich und es entstehen Yin und Yang. Yin und Yang wirken zusammen, doch mit der Zeit und den Umständen des Lebens kommt es mehr und mehr zu Disharmonien in ihrem Wirken. Die Kunst des Taijiquan ist es, diese beiden Kräfte wieder in ihr ursprüngliches fließendes Gleichgewicht zu bringen, sie so zu harmonisieren, dass sie miteinander wirken und eine Einheit bilden. Dadurch wird Blockaden, die unweigerlich mit zunehmendem Alter und Verletzungen jeglicher Art einhergehen, entgegengewirkt. Der letzte, höchste Schritt wäre es dann, beide Energien in ihre gemeinsame Wurzel zurückzuführen, so dass sie sich auflösen und zu unser aller Ursprung zurückfinden. Das wäre die sogenannte Unsterblichkeit, jenseits von Geburt, Leben und Tod, und geht weit über unsere jetzige Daseinsform als Mensch hinaus.
Mit zunehmendem Training und Verständnis entdecke ich die Yin- und Yang-Strömungen in meinem Körper. Ich meine damit keine äußerlichen Zuordnungen entsprechend der Absicht, wie ich einen Körperteil einzusetzen gedenke. Ich rede von tatsächlichen energetischen Zuständen in den einzelnen Körperteilen. Im Chen-Stil erfahren wir diese Phänomene durch die Seidenübungen. Bewusst regen wir dabei die natürlichen Energieverläufe an. Energie, die vom Zentrum nach außen fließt, ist Yang, Energie, die von außen nach innen, von den Extremitäten zurück zum Dantian fließt, ist Yin.
Mit der Zeit des Trainings sensibilisiere ich mich für meine Energien. Unter guter Anleitung erfahre ich im Yin- und im Yang-Fluss meiner Energie auch deren jeweiliges Gegenteil. In einer Yang-Bewegung spüre ich plötzlich auch einen Anteil Yin-Energie und umgekehrt. In diesem scheinbar unbedeutenderen Anteil erkenne ich bei weiterer Tiefe meiner Bewegung dann wieder das Gegenstück des bereits schon vorhandenen Gegenstücks und so weiter. Als anschauliches Beispiel mögen zwei Spiegel dienen, die sich gegenüberstehen. Blickt man in einen hinein, verliert sich der Blick in eine endlose Tiefe von immer kleiner werdenden Spiegeln. So ist es auch mit unseren Bewegungen. Bei immer vertiefterem Training »verliert« sich unsere Bewegung in immer kleineren, dichteren Spiralen und trotz gleichbleibender äußerer Bewegung ist es einem Gegenüber nicht mehr möglich, diesem Prozess zu folgen oder ihn zu verstehen. So verliert sich die Energie eines Angreifers bei der Berührung eines »Meisters«. Er hat keine Möglichkeit mehr ihn zu besiegen.
Dies kann Taiji-gemäß in der Symbolik von Yin und Yang ausgedrückt werden: Beginnende erkennen in sich Yin und Yang, wie sie durch den geteilten und den durchgezogenen Strich dargestellt werden. Fortgeschrittene erkennen in sich die Trigramme, eine viel größere Vielfalt und Kombinationsmöglichkeit von Yin und Yang. Der Meister beziehungsweise die Meisterin schließlich erfährt in sich die Hexagramme und die tiefe Erkenntnis, das hier keine Grenzen gesetzt sind. So kann der Taiji-Adept mit zunehmendem Alter immer stärker und »un-heimlicher« werden. Denn er selbst erkennt daran alles andere und alle Geheimnisse lösen sich auf. Aber niemand von außen ist mehr in der Lage ihm zu folgen, das heißt ihn zu besiegen.
Mit fortschreitendem Niveau entstehen im Körper immer feinere, immer verdichtetere energetische Spiralen, sozusagen eine immer komplexere Yin/Yang-Verschachtelung. Dadurch ist es dem Könner möglich, auf immer kleinerer Fläche seines Körpers Energie aufzunehmen beziehungsweise abzugeben. Dies führt dazu, dass ein »Meister« keine sichtbare Bewegung mehr erkennen lässt, weil er sich auch tatsächlich nicht mehr oder kaum noch äußerlich zu bewegen braucht. Deshalb und nur deshalb heißt es »innere« Kampfkunst. Im Gegensatz dazu bleiben geschmeidige, weiche, große, nachgiebige Bewegungen immer noch Bewegungen und daher äußerlich.
Die energetische Differenzierung wird immer komplexer
Und so kommen wir zum Fehler der doppelten Gewichtsverteilung: Der Ungeübte erkennt Yin und Yang in seinem Körper nicht und ist daher oben und unten gleich. Seine obere Körperhälfte unterscheidet sich innerlich nicht von seiner unteren Körperhälfte. Daher ist sein Gleichgewicht sehr schwach. Ähnlich einem Stehaufmännchen, dem kein Schwerpunkt gesetzt ist. Es fällt um und bleibt liegen. Erst durch seinen Schwerpunkt unten und seine Leichtigkeit oben findet es immer wieder seine Position. Das Gewicht ist dann nicht doppelt gelagert, sondern unten mehr als oben.
So auch beim Taiji-Übenden: Der Schwerpunkt wird nach unten verlagert und der Oberkörper wird frei und leicht. Hier haben wir unseren geteilten Yin-Strich und den durchgezogenen Yang-Strich. Folgen wir dem oben Beschriebenen, wird dies immer weiter verfeinert. Der Körper wird nicht nur in Ober- und Unterhälfte unterteilt. Bildlich ausgedrückt unterteilen sich die Beine nochmals in zwei Teile, die wiederum nicht doppelt gelagert, also energetisch gleich sind, sondern unterschiedliche Yin- und Yang-Mentalitäten aufweisen. Genauso der Oberkörper, die Arme, der Kopf. Dann unterteilt sich erneut jeder Teil ...
Sogar die Hände bestehen plötzlich aus ganz vielen kleinen Einzeleinheiten, die alle zueinander in Yin und Yang unterschieden sind. Mit fortwährendem Üben verzweigt sich dies immer weiter wie in unserem Beispiel mit den Spiegeln. Bis von außen nicht mehr nachzuvollziehen ist, wo Yin- und wo Yang-Energie ist. Der Körper wird in unendlich viele Einzelteile sensibilisiert, die alle ein unterschiedliches Yin- und/oder Yang-Potential haben.
Die doppelte »Gewichtsverteilung« wird energetisch und löst sich in immer kleiner werdenden Unterteilungen und Verfeinerungen auf. Diese sind alle im Zusammenhang zu sehen und werden vom Dantian aus gesteuert. Dabei wird es immer unwichtiger, wie sich der Übende äußerlich verhält, ob er mit dem Gewicht mehr links oder rechts oder gleich steht, ob der Ellenbogen hoch oder niedrig ist, ob der Gegner von unten nach oben oder umgekehrt schiebt und so weiter. Denn der innere Zustand ist nie doppelt gewichtet, er ist stets in Wandlung und Anpassung. Nie ist er nur voll oder nur leer.
So ist der »Meister« von außen nicht mehr nachvollziehbar, und wenn man ihn berührt, erhält man lediglich dieses sprichwörtlich »ohnmächtige« Gefühl. Er ist nicht mehr erkennbar, aber er erkennt dich. Denn im Gegensatz zu ihm hast du den Fehler der »doppelten Gewichtsverteilung«: Er erkennt sofort, wo du Yang bist und wo du Yin bist; das macht deine Steifheit aus. Erst mit sehr viel Training und dem richtigen Verständnis wird es möglich, langsam die »Krankheit« - wie es auch oft übersetzt wird - der »doppelten Gewichtsverteilung« zu beseitigen. So wird man selbst wiederum den anderen ein Geheimnis, weil man diese Dinge wahrnehmen, verstehen und spüren kann. Und es wird ihnen immer schwerer fallen, einem zu folgen.
Es gibt keine Geheimnisse, sondern nur Unwissenheit. Und das Wissen muss ganzheitlich erfahren werden. Durch Training.
Inhaltsverzeichnis |

Wuji
«die Leere«; die eigenschaftslose Einheit vor der Zweiteilung in Yin und Yang.
Die Seidenübungen,
das Chansigong, erhielten ihren Namen nach dem Abwickeln des Seidenfadens vom Kokon. Die hierbei notwendige sanfte und gleichmäßige Bewegungsweise wird in den Seidenübungen sowohl auf die äußeren Bewegungen übertragen als auch auf den Energiefluss im Inneren. In der Tradition des Chen-Taijiquan wird Chansigong parallel zum Form- und Tuishou-Training geübt, um gezielt an den Grundprinzipien zu arbeiten. |
Autor
Jan Silberstorff, Gründer und Ausbildungsleiter der World Chen Taiji Association Germany (WCTAG), gibt Lehrgänge für Chen-Stil-Taijiquan in ganz Deutschland und publiziert regelmäßig dazu. Er ist Schüler von Großmeister Chen Xiaowang und Meister Shen Xijing. Er vertritt den Chen-Stil in der 21. Generation. |
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