Heft 1, 3/2000
Raus aus dem Glashaus
Ein Plädoyer für eine Politisierung
Von Helmut Oberlack
Qigong und Taijiquan werden schon viele Jahre in Mitteleuropa geübt und unterrichtet. Die ausgesprochen informelle Anfangszeit wurde seit den 90er Jahren abgelöst durch "offizielle Ausbildungsgänge, die von immer mehr Organisationen angeboten werden. Diese Entwicklung vollzog sich auch als Reaktion auf den zunehmenden Druck von seiten öffentlicher Institutionen, die von den ihnen unterstellten LehrerInnen Qualifikationsnachweise anfordern. Bis heute herrscht jedoch bunte Uneinheitlichkeit unter den Ausbildungen und auch eine gemeinsame Interessenvertretung, die etwa auf bevorstehende gesetzliche Reglementierungen Einfluss nehmen könnte, ist noch nicht zustande gekommen. Helmut Oberlack argumentiert für eine berufsständische Organisation der Qigong- und Taijiquan-Lehrenden, die gleichzeitig zur gesellschaftlichen Etablierung von Taijiquan und Qigong beitragen würde.
Einige Qigong- oder Taijiquan-Treibende sind bereits aufgewacht, die meisten jedoch sitzen noch allein im Glashaus und wissen nicht, ob sie mit Steinen werfen (sollen). Manche GlashäuslerInnen mögen Mitglied in irgendeinem Verein sein, der Qigong oder Taiji im Namen trägt und in dessen Satzung vielleicht auch etwas von »Interessensvertretung« stehen mag. Aber wer kennt schon die Satzung oder kann sagen, welche Aktivitäten der Vereinsvorstand unternimmt.
Wie dem auch sei, für viele haben Qigong und Taijiquan nichts mit Politik zu tun, denn es übt sich ja alleine oder in einer Gruppe ganz prima, und schließlich ist man nicht Mitglied in einer Partei. Doch Politik ist mehr als Parteiengezänk um neue Gesetze. Politik ist auch das, was die »normalen« Menschen machen, gerade wenn sie dabei mit anderen Menschen zu tun haben. Ob man es wahr haben will oder nicht, Qigong und Taijiquan zu üben ist eine politische Tätigkeit!
Vor 20 Jahren, als diese beiden chinesischen Lebenskünste noch richtig exotisch waren, konnten wir in aller Ruhe in unserem Glashaus sitzen oder besser: üben. Der einzige Kontakt zu den Organen des Staates, der unsere Ruhe störte, mag darin bestanden haben, von der Polizei mit auf die Wache genommen zu werden, wenn man öffentliche Grünanlagen zum Schwertformtraining genutzt hatte. Damals war es sozusagen notwendig, sich in ein "Glashaus zurückzuziehen. Ein geschützter Rahmen, in dem sich Taijiquan und Qigong verbreiten konnten, war wichtig für die Etablierung dieser Lebenskünste. Eine Abgrenzung nach außen schuf den Raum für die innere Entwicklung.
Die Phase im Glashaus ist vorbei
Mittlerweile sind Qigong und Taijiquan in Mitteleuropa in eine andere Phase eingetreten. Beide Lebenskünste sind weit verbreitet, lösen in Parks nicht mehr völlige Verwunderung bei Passanten aus (Ausnahmen gibt es natürlich noch), viele gesellschaftlich relevanten Institutionen haben Qigong und Taijiquan schätzen gelernt. Dazu zählen neben den viel zitierten Volkshochschulen und Krankenkassen auch Universitäten, Sportverbände, Fitnessstudios und zahlreiche Einrichtungen der Erwachsenenbildung.
Taijiquan und Qigong haben sich etabliert als Wege das Wohlbefinden zu verbessern. Zwar ist nach den geltenden wissenschaftlichen Kriterien noch nicht umfassend bewiesen, dass das Üben von Qigong und Taijiquan unsere Gesundheit verbessert, aber es wird immerhin schon daran geforscht - nicht viel, doch wahrscheinlich mehr, als bekannt ist. Und dass geforscht wird, ist ein Beweis der gesellschaftlichen Relevanz.
Aber auch ohne die wissenschaftliche Forschung haben tausende Menschen herausgefunden, dass ihnen das Üben gut tut, dass sich Beschwerden gelindert haben, dass sie ausgeglichener und gesünder sind, dass ihr Wohlbefinden besser ist. Das sollte eigentlich Beweis genug sein.
Den meisten Menschen, die Qigong und Taijiquan üben, ist das politische Umfeld gleichgültig, Hauptsache, sie können üben. Doch das politische Umfeld ändert sich. Je beliebter und anerkannter diese Lebenskünste geworden sind, desto mehr kommen »Marktgesetze« ins Spiel. Es gibt mehr Unterrichtende, denn es ist ja Geld zu verdienen. Je mehr Geld ins Spiel kommt, desto verlockender ist es, auch ohne gute Ausbildung Unterricht anzubieten.
Wird die Auswahl an Unterrichtenden größer und unübersichtlicher, stellt sich zwangsläufig die Frage nach deren Qualifikation. Reichte es vor 15 Jahren noch aus zu sagen »Ich kann Taijiquan unterrichten«, um an SchülerInnen zu kommen, so wird heute schon oft nach einem Zertifikat gefragt. Dies gilt insbesondere für Institutionen der Erwachsenenbildung und im Gesundheitswesen. Und auch die »VerbraucherInnen« werden zunehmend kritischer, trauen sich nach dem Ausbildungsgang zu fragen und wollen Nachweise sehen.
Die Welt ist absurd
Gerade die Frage nach einem Zertifikat - genau genommen ja nur ein Stück schönes Papier mit wohlklingenden Worten -, ist für viele Qigong- oder Taiji-Insider absurd, denn so ein Blatt Papier beweist nicht, ob der oder die InhaberIn gut unterrichten kann. Es bescheinigt lediglich, dass dieser Mensch an einer Ausbildung teilgenommen und gegebenenfalls sogar eine Prüfung bestanden hat.
Dieses Phänomen hat jeder Mensch schon in der Schule am eigenen Leibe erlebt. Dort wurden wir auf Grund der Schulpflicht zwangsunterrichtet und unseren Eltern blieb nichts anderes übrig, als auf das Ausbildungs- und Prüfungssystem des Staates zu vertrauen. Beim Taijiquan- oder Qigong-Unterricht hingegen geben viele Menschen freiwillig eine Stange Geld aus, um etwas zu lernen, und sie sind nicht in der Lage, die Güte der Ausbildung der Person, der sie das Geld zukommen lassen, zu beurteilen. Wenn ich mir das so überlege: eine absolut phantastische Sache!
Bei der Frage des Schulunterrichtes kann man immerhin Menschen vertrauen, die sich per Eid verpflichtet haben, uns zu dienen und Schaden von uns abzuwenden. Ob das der Regierung immer gelingt, ist eine Frage, die ich lieber nicht diskutiere. Aber: Welche Qigong- oder Taijiquan-LehrerInnen haben - bei daoistischen oder buddhistischen Gottheiten - geschworen, ihren SchülerInnen zu dienen und Schaden von ihnen abzuwenden? Das wäre ja auch absurd ...
Die Welt ist voller Absurditäten und das macht sie liebens- und lebenswert. So ist es kein Wunder, dass zahlreiche Organisationen, die Qigong- oder Taijiquan-LehrerInnen ausbilden, Zertifikate ausstellen. Das trifft den Nerv vieler ihrer KundInnen, die nun etwas vorweisen können und sich dadurch abheben von den vielen Unterrichtenden »der alten Schule«, denen es traditionellerweise von ihren LehrerInnen erlaubt worden ist, auch ohne ein Blatt Papier zu unterrichten. (Ob das nun wirklich so »traditionell« ist und was »traditionell« tatsächlich bedeutet, ist sicherlich auch eine Diskussion wert ...)
Viele verschiedene Zertifikate bergen Gefahren
Meiner Schätzung nach wird mittlerweile die überwiegende Mehrheit der Neu-Unterrichtenden mit einem Zertifikat versorgt und viele »Alteingesessene« haben sich nachträglich ein solches besorgt. Daraus folgere ich, dass es eine »Zertifikatsflut« gibt, die zur allgemeinen Unklarheit ihren Beitrag leistet. Irgendwie ist das zwar nett, aber dieser Zustand birgt Gefahren.
Der Wettbewerb der Zertifikate führt dazu, dass für Ausbildungsinstitute und Unterrichtende Marketingmaßnahmen immer wichtiger werden, mitunter wichtiger als die Qualität der Ausbildung und des Unterrichtes. Das wird dann umso bedeutender, wenn Organisationen (Gesellschaften, Vereine, Institute, Netzwerke etc.) auf dem Markt um SchülerInnen werben. Solche Organisationen haben höhere Fixkosten (Büromiete, Personal et cetera) als Einzelpersonen und stehen unter höherem finanziellen Druck. Und wer weiß - vielleicht spielen da auch persönliche Eitelkeit und Streben nach Macht eine Rolle?
Nun kommt sicherlich der Einwand: »Auf Dauer setzt sich nur Qualität durch.« Grundsätzlich glaube ich auch daran, es gibt viele Beispiele, die diese These stützen - wahrscheinlich so viele, wie diese These widerlegen. Doch mir ist es egal, wie das Verhältnis von Beispiel zu Gegenbeispiel ist. Ich finde es unnötig, wenn in der Zeit, die die Qualität braucht um sich durchzusetzen, Tausende von Menschen denken, sie lernten Taijiquan, und dabei bekommen sie eine muntere Vermengung von Übungen aus Taijiquan, Qigong, Autogenem Training, Yoga, Feldenkrais, Akupressur, Stretching, Aikido und, und, und präsentiert. Und wenn sie Pech haben, ruinieren sie sich ihre Knie, weil sie nicht auf die richtige Körperhaltung hingewiesen werden.
Viele verschiedene Zertifikate und »Nicht-Zertifikate« sind gleichzeitig etwas Wunderbares, spiegeln sie doch die Vielfalt der Qigong- und Taijiquan-Szene wider. Und aus der Vielfalt heraus ergeben sich so viele Wege, sich weiter mit diesen Lebenskünsten zu beschäftigen und Neues zu lernen. Diese Qualität ist nicht zu unterschätzen und es gilt, sie bei der weiteren Diskussion im Hinterkopf zu haben.
Gesetzliche Reglementierungen sind in Arbeit
Doch wie ist mit der bestehenden »Zertifikatsvielfalt« umzugehen? Soll es ein »Meta-Zertifikat« geben, das unterscheidet zwischen »Guten« und »Schlechten«? Wenn ja, wer schafft die Kriterien dafür und wer entscheidet? Oder sollen wir liberal sein und den »Markt« entscheiden lassen? Doch wer ist der Markt und wie funktioniert der? Sollen wir uns gar nicht drum kümmern und im Glashaus weiter üben? Aber machen das dann alle?
Tatsache ist: Der Markt ist im vollen Gange und hat mittlerweile auch die »Marktaufsicht« auf den Plan gerufen. Bereits vor drei Jahren gab es in Deutschland den ersten Versuch, »Marktregeln« einzuführen. Nicht nur für Qigong und Taijiquan allein, sondern für alle Lebenskünste, für alle Methoden, die der »Marktaufsicht« nach hilfreich sind, um das Leben besser bewältigen zu können, und die nicht unter »Ausübung der Heilkunde« fallen.
Glücklicherweise war der erste Gesetzentwurf »nicht von Sachkenntnis getrübt«, so dass er Regelungen enthielt, die schon einer oberflächlichen Betrachtung seitens der Marktaufsicht nicht standhielten. Aber es sind schon wieder neue Aktivitäten unternommen worden in Deutschland ein »Lebensbewältigungshilfegesetz« voranzubringen. Es liegt zwar noch kein konkreter Gesetzentwurf vor, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis es soweit ist. Wir können machen (oder: nicht-machen), was wir wollen, es werden Gesetze kommen, die uns in der Ausübung des Berufes Qigong- beziehungsweise Taijiquan-LehrerIn reglementieren. Ob Reglementierungen durch Initiativen in Berlin oder in Brüssel entstehen werden, ist in diesem Fall egal. In einigen anderen Ländern der EU bestehen heute schon dementsprechende Gesetze und die »Harmonisierung« der Gesetzgebung innerhalb der EU schreitet voran.
Wir brauchen eine Lobby
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wir müssen politische Zusammenhänge mehr in unsere Aufmerksamkeit einbeziehen und lernen unsere Interessen den PolitikerInnen gegenüber zu vertreten. Das ist auf der einen Seite etwas Schönes, zeigt es doch die gestiegene gesellschaftliche Relevanz von Qigong und Taijiquan. Auf der anderen Seite wird es eine mühsame Arbeit sein, die uns viele Stunden Zeit kosten wird - Zeit, die wir auch zum Üben verwenden könnten. Doch es gilt abzuwägen, was auf Dauer wichtiger ist: jetzt Zeit und Geld zu investieren, um dauerhaft möglichst viele Freiheiten bei der Ausübung unserer Praxis und Arbeit zu haben, oder jetzt nichts zu investieren und zu hoffen, dass schon alles gut werden wird.
Wenn wir uns entscheiden, bei der Gestaltung des gesellschaftlichen Rahmens, in dem wir Qigong und Taijiquan unterrichten dürfen, mitzuspielen, müssen wir uns den Spielregeln dieser Gesellschaft anpassen. Neue erfinden und hoffen, die PolitikerInnen und andere gesellschaftlich relevanten Gruppen würden diese schon verstehen und mit uns spielen, wird nicht gelingen. Andere Gruppen, mit denen wir - ungewollt - in Konkurrenz stehen wie ÄrztInnen, PsychologInnen, Amtskirchen wissen, wie man nach den bestehenden Regeln spielt. Nun gilt es für uns diese kennen zu lernen und sie nach unseren Interessen zu nutzen.
Ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Spielregeln ist eine starke Interessensvertretung, ein Dachverband, ein Berufsverband oder welcher Name auch immer dafür gefunden werden sollte. Jedenfalls muss eine solche Organisation deutlich signalisieren, dass sie Sachkenntnis hat und die große Mehrheit der Betroffenen repräsentiert. Nur eine solche Organisation kann für die PolitikerInnen - und für die Medien! - überhaupt eine Ansprechpartnerin sein. Nur eine starke Interessenvertretung kann Einfluss auf die Gestaltung der Gesetze haben. Viele kleine Organisationen können das nicht erreichen, im Gegenteil, sie behindern sich in dieser Frage gegenseitig. Das zeigen alle Beispiele von neuen Berufen, die früher oder später eine Organisation gegründet haben, die berufsständische Arbeit macht. Daran kommt auch die Qigong- und Taijiquan-Szene nicht vorbei!
Umso bedauerlicher ist es, dass die Gründung eines Berufsverbandes in Deutschland zum Stillstand gekommen ist. Österreich und die Schweiz sind da schon weiter. Die bisherigen Aktivitäten (unter anderem drei Versammlungen, zahlreiche Arbeitsgruppentreffen) haben gezeigt, dass Interesse an einer berufsständischen Vertretung besteht. Sie haben aber auch Uneinigkeit über den Weg und den Inhalt deutlich gemacht.
Ich fände es schade, wenn dieser Weg nicht weiter beschritten würde, wenn die bisherigen Aktivitäten im Sande verliefen. Noch ist es meiner Meinung nicht zu spät, die Gründung einer berufsständischen Vertretung voranzutreiben. Sie ist notwendig - nicht nur als »Schutz« gegenüber unsinnigen Gesetzen, sondern auch um die Berufe »Qigong- und Taijiquan-LehrerIn« gesellschaftlich zu etablieren. Das wäre für diese beiden Lebenskünste ein großer Schritt nach vorne.
Zu diesem Schritt gehört meines Erachtens ein Konsens bei der Frage der Ausbildung(-szertifikate). Dieses ist sicherlich der heikelste Punkt. Es muss ein Weg gefunden werden, der eine Zusammenarbeit ermöglicht und die Vielfalt der Stile und Schulen schützt. Dieser Weg bedarf intensiver Diskussion, persönlichen Einsatzes von Zeit und Geld, Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zur Abgabe von Macht.
Der Strom der Zeit, der Lauf der Dinge geht eindeutig in Richtung berufsständische Arbeit. Wer dem nicht Rechnung trägt, schwimmt gegen den Strom. Das ist zwar in der Geschichte Mitteleuropas mitunter ehrenvoll und wichtig gewesen, doch dieses Verhalten gilt nicht gerade als daoistisch. Und wer sich nicht daoistisch verhält, kann doch nicht glaubwürdig Qigong oder Taijiquan unterrichten. Oder?
Inhaltsverzeichnis |

| Das Taijiquan & Qigong Journal wird sich in den nächsten Ausgaben witerhin mit der Problematik »Berufsverband« befassen. Die Protokolle der bisherigen Treffen sind im Internet einzusehen auf der Website |
Über den aktuellen Stand der Dinge bezüglich des Lebensbewältigungs-hilfegesetzes in Deutschland informiert die Pressestelle der
»Frankfurter Gespräche«
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